Sind Stilettos ein Problem?

von Götz Egloff
Rezension zu Sarah Dangendorf: Kleine Mädchen und High Heels. Über die visuelle Sexualisierung frühadoleszenter Mädchen. Transcript Verlag, Bielefeld, 2012.

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Zunächst eine Vorwegnahme zum Thema: zu lesen in einem Artikel von Claudia Wallner mit dem Titel “Alles Cool!“ – Weiblichkeitsvorstellungen und Lebensperspektiven von Mädchen, erschienen im BZgA Forum Sexualaufklärung und Familienplanung, 3/2012, S. 14-18, der politisch-inhaltlich im Großen und Ganzen vertretbar ist, aber dennoch hin und wieder in sagenhaft unreflektierte Klischees verfällt, lässt die Autorin verlauten, weibliche Gleichberechtigung sei mehr Lebensgefühl als Realität, was zumindest etwas überzogen wirkt. Wenn Wallner dann weitergeht, wirkt die feministische Adaptation der marxistischen Klassenlehre gezwungen und unrealistisch; auffällig oft betont die Autorin gar Alpha-Mädchen, die hip, frech und selbstbestimmt seien, und gibt damit zu verstehen, dass sich im Vergleich zu früher eben doch eine Menge geändert hat. Was sich nicht geändert hat, sind hingegen die Phänomene von Marginalisierung und Viktimisierung, die jedoch recht unabhängig von Geschlechtern stattfinden und eher die finanziellen, und damit die weiterfolgenden, Möglichkeiten von Jungen und Mädchen gleichermaßen betreffen; nachzulesen jedes Jahr im Armutsreport. Spätestens aber wenn das Stichwort von der Frühsexualisierung fällt, gerät Wallner in unreflektierte Klischees, und ihre Invektive gegen Pushups und Stilettos in Kitas befindet sich jenseits von etwas überzogen. Aus Kindheit werde ein Vor-Teenageralter, wobei unklar bleibt, welche Erkenntnisposition die Autorin eigentlich einnimmt – außer der einer gar nicht so verborgen erscheinenden Körperfeindlichkeit. Ihre Quasi-Entlarvung jugendlichen Kleidungsstils mit Overknees und Hotpants, der dem Prostitutionsmilieu entstamme, weist vielmehr auf den engen Horizont der Autorin hin, denn diese Empörung gilt nur nördlich der Alpen, ist also ein spezifisch nord- und mitteleuropäisches Phänomen, das selbst kritisch in Frage gestellt werden müsste. Der Third-Wave-Feminismus konnte nur in unseren Breitengraden Fuß fassen… Erst wenn es dann an TV und Medien geht, gewinnt Wallner wieder Boden unter die Füße. Auch bei strukturellen und sozioökonomischen Benachteiligungen liegt sie richtig. Ihre Behauptung jedoch, dass, wohlgemerkt: biologisch gesehen, mehr als zwei Geschlechter bestünden – unter Heranziehung einer Stellungnahme des deutschen Ethikrates, man höre und staune – ist glatter Unsinn, und sie verwechselt biologisches mit sozialem Geschlecht. Wenn schon, dann gibt es, wohlgemerkt: biologisch gesehen, überhaupt nur ein einziges Geschlecht, aus dem sich in utero dann zwei verschiedene herausbilden – alles andere ist Gender.

Girl (6-8) holding golden retriever puppy on lap with tiara on head
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Zu derart Absurditäten versteigt sich Sarah Dangendorf in ihrem Buch „Kleine Mädchen und High Heels“, das die visuelle Sexualisierung frühadoleszenter Mädchen in den Blick nimmt, glücklicherweise nicht, ganz im Gegenteil. Ihre glänzende, hochinteressante Arbeit widmet sich der Fragestellung, wie es um weibliche Sozialisation in der durch-visualisierten Welt bestellt ist. Nach einem hervorragenden Theorie- und Überblicks-Teil wertet Dangendorf mittels qualitativer Interviews Selbstaussagen von Mädchen im Alter von zehn bis dreizehn Jahren aus. So stellt sich als geringstes Problem das Tragen von High Heels heraus – und das ist auch gut so, möchte man sagen. Die Welt mag verrückt spielen – aber noch gibt es Mädchen und Jungen sowie Frauen und Männer, die aber, Biologie hin oder her, in gesellschaftlichen Kontexten aufwachsen. So sind auch Mädchen Sinnproduzenten ihrer Lebenswelt, müssen vielen Ansprüchen, auch denen von Medien und Ökonomie genügen, unterliegen damit potentiell Reifizierungen, produzieren und reproduzieren als handelnde Subjekte aber auch die Verhältnisse, in denen sie sich befinden. Dass Machtaspekte in verkleideter Form als Sexualitätsinszenierungen auftauchen können, ist dabei nicht überraschend. So ist der Stiletto, psychoanalytisch gesehen, auch als ein Symbol von gleichzeitiger Unterwerfung und Dominanz zu verstehen (vgl. Brydon; Im Nahtschatten, 2011) und weist somit auf Aspekte von Begehren, Macht und Verführung hin, die eine anthropologische Seite, aber eben auch eine historisch-gesellschaftliche haben.

Was männlich-weiblich angeht: in anderen Ländern wie Frankreich (laizistisch organisiert, mit anarchistischer Tradition), Spanien (leichtere anarchistische Tradition), Türkei (zumindest noch: laizistisch, und mit starkem Einfluss des Second-Wave-Feminismus in den gebildeten Schichten), oder Italien (von allem etwas, und mit einem folkloristischen Katholizismus) stellen sich diese Fragen kaum. In diesen Ländern – mit Bitte um Nachsicht für diese Verallgemeinerung – werden Identitäts- und Gleichberechtigungskonflikte nicht über den Körper ausgetragen, vieles andere aber schon. Nur gerade die Männlich-Weiblich-Unterscheidung wird nicht in Frage gestellt, und in Ost-Europa schon zweimal nicht. So erklärt sich auch die große Zustimmung der nord- und westeuropäischen Länder zum Transgender-Auftritt Österreichs beim Grand Prix 2014, der südlich der Alpen nur Befremden, oder bestenfalls Amüsement auslöste.
Womöglich treffen wir im Sexualisierungsdiskurs auf ein im mittel- und nordeuropäischen Abendland gar nicht so selten anzutreffendes Phantasma der christlich tradierten Körperfeindlichkeit, in der nicht nur typisch Weibliches grundsätzlich verdächtig ist, sondern ebenso Körperthemen an sich ideologisch unter Verdacht geraten. Das Problem frühadoleszenter Mädchen und Jungen ist nicht so sehr die psychosexuelle Frühreife (die körperlich-biologische ist ein unstrittiges Faktum), sondern die mancherorts emotionale Unreife im frühen, und manchmal auch im späteren Erwachsenenalter. Diese kann, muss aber nicht unbedingt mit postmodernen Körper-Imperativen einhergehen; denkt man jedoch an die visuelle Über-Dominanz in der Postmoderne (vgl. Egloff, 2015), so scheinen die Zusammenhänge zum Greifen nahe. In jedem Fall ließe sich gewiss von Normalisierung deutscher Verhältnisse sprechen – und dennoch, so geht es der Autorin als Wissenschaftlerin mit ihrer Studie womöglich auch, bleibt hier und da ein unguter Eindruck zurück über manche Willfährigkeit der von ihr befragten Probandinnen… Unser eigenes Vorverständnis spielt uns allerdings einen Streich, wenn wir assoziativ gestylte Mädchen aus ihrem Auftreten heraus mit den gedankenlosen gleichsetzen. Aus der kinderpsychologischen Praxiserfahrung ist zudem bekannt, dass sich die seltsamsten Anwandlungen am raschesten verlieren, und passagere Phänomene sind mehr die Regel als die Ausnahme.

Der psychoanalytische Ansatz, der unter die medizinischen zu fallen scheint und als biologistisch auftritt, muss keineswegs reaktionär sein. So kann es im Gegenteil gefährlich naiv sein, dass Körperliche als rein soziales Konstrukt zu verstehen. Das sogenannte somatische Selbst wird definiert aus objektiven Befunden, die erst mittels der Gegenüberstellung und Zusammenführung mit dem subjektiven Erleben der Person entstehen (vgl. Notman, 2012), auch wenn letzteres gewiss gesellschaftlich mitkonstruiert ist. Es mag banal klingen, doch es macht durchaus einen Unterschied, ob man 1,60 m oder 1,80 m groß ist – spätestens wenn man an das oberste Regal im Schrank will… Ohne biologischen Bezug wird ironischerweise den biologistischen Neurowissenschaften in die Hände gespielt, die vielerorts äußerst reduktionistisch das Gehirn mit dem Menschen gleichsetzen – analog zu mancher strukturalistisch-postmoderner Theorie vom Menschen: einen Leib hat hier wie da keiner.

Abschließend sei gesagt: selten wird die Diskursanalyse so konsequent umgesetzt wie im Buch über „Kleine Mädchen und High Heels“ von Sarah Dangendorf, das, auch sprachlich hervorragend, die ganze Stärke der Cultural Studies-Ansätze zeigt. Es ist ein hochkomplexes Feld, das Dangendorf sich angetan hat, und ihre Studie ist weitgreifend und bezieht die wichtigsten Grundpositionen ein, sodass die Autorin weit mehr als das Wesentliche zu fassen bekommt. Diese exzellente Arbeit zu lesen ist in jedem Fall empfehlenswert – auch für Leser und Leserinnen, die vorangegangene Standpunkte des Rezensenten nicht teilen.
Literaturhinweise:

Brydon, Anne (1998). Sensible Shoes. In: Brydon, A., Niessen, S. (eds.). Consuming Fashion. Adorning the Transnational Body. Oxford: Berg, S.1-22. Zit. n. Barbara (2011). Schuhe und Fetisch. In: Im Nahtschatten. Thoughts on Fashion and Culture. nahtschatten.wordpress.com, 2.7.2011.

Egloff, Götz (2015). Die Verkörperung der USA (Rezension zu Tschachler, H., Devine, M., Draxlbauer, M. (eds.), The EmBodyment of American Culture, Münster, 2003). In: Janus, L., Kurth, W., Reiss, H., Egloff, G. (Hg.). Verantwortung für unsere Gefühle. Die emotionale Dimension der Aufklärung. Heidelberg: Mattes, S. 427f.

Notman, Malkah T. (2012). The Female Body: Integrating Psychoanalytic and Biological Concepts. The American Psychoanalyst (46) 2: 15.

Fotos: Egloff