„Nach Canossa gehen wir nicht.“

Dieser Artikel erschien am 31. Mai in SaS (Schleswig-Holstein am Sonntag ) und am 11. September 2015 im „Deutschen Ärzteblatt“

Von Uta Buhr

„Nach Canossa gehen wir nicht.“ Eine Exkursion durch die Genussregion Emilia-Romagna zum 900. Todestag der Mathilde von Canossa

Ganz Ciano d'Enza auf den Beinen
Ganz Ciano d’Enza auf den Beinen

Eigentlich, so finden Einheimische und Touristen gleichermaßen, ist die Emilia-Romagna gar nicht für Konflikte geschaffen. Und dennoch spielte sich am 25. Januar 1077 auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde ein dramatisches Ereignis ab, das in Europa seinesgleichen suchte. Giovanni, unser temperamentvoller Cicerone, wiegelt ab: „Tempi passati“, sagt er „Der sogenannte Investiturstreit zwischen der Kurie und dem deutschen König Heinrich IV. kommt später dran, wenn Sie in Canossa sind. Aber jetzt will ich Ihnen meine Heimatstadt Bologna vorstellen, die auch die ‚Gelehrte’ genannt wird.“ In der Tat, hier wurde bereits 1088 die erste Universität der westlichen Welt gegründet. „Als ihr im Norden Europas noch auf den Bäumen hocktet und euch von Beeren und Holzäpfeln ernährtet, fanden bei uns schon Gelage mit Dichterlesungen statt.“ Giovanni schenkt uns allen ein entwaffnendes Lächeln und bittet die Gruppe, ihm zu folgen. Prachtvolle Bauwerke der Renaissance und des Barock prägen das Bild Bolognas und künden von der großen Vergangenheit der einstigen Metropole. Wir wandeln unter den schier endlosen, 40 km langen Arkaden, bewundern die Auslagen in den Schaufenstern der angesagten Boutiquen und landen schließlich in einer Trattoria, die uns mit den Köstlichkeiten der Region verwöhnt. Natürlich gehören Spaghetti bolognese und ein Glas lokalen Rotweins zum Répertoire, gefolgt von einem dolce, einem jener unwiderstehlichen Desserts. Ein kochend heißer Epresso beschließt das Mahl. „Andiamo amici“, fordert Giovanni die Gruppe auf. „Es gibt noch viel zu sehen und erleben in dieser Region.“

Zentrum von Modena
Zentrum von Modena

Modena empfängt seine Besucher mit großer Oper. Die Stimme Luciano Pavarottis, der hier das Licht der Welt erblickte, erfüllt Straßen und Plätze. Die ganze Stadt feiert mit Girlanden und Lampions den Geburtstag des wohl größten, viel zu früh verstorbenen Sohnes. „Luciano war einer von uns“, erzählt
eine alte Dame, die in den Mauern Modenas geboren wurde, und wischt sich eine heimliche Träne aus den Augen. „Seine Mutter arbeitete in einer Tabakfabrik. Mirella Freni war seine Milchschwester. Um die Mütter in ihrer Arbeit zu entlasten, wurde ihren Kindern eine Amme zur Verfügung gestellt.“ Die inzwischen achtzigjährige weltberühmte Sopranistin, zärtlich „la Freni“ genannt, wird vor Ort wie eine Heilige verehrt. Doch Modena ist nicht nur die Stadt erhabener Kunst, sondern zudem Heimat des legendären Balsamico Essigs, für den Feinschmecker mal eben 500 Euro pro Liter ausgeben. Das nahe gelegene Parma wiederum punktet mit Schinken, Parmesankäse und dem betörenden Duft von Veilchen. Mehr geht eigentlich nicht. Jedoch Luisa, die Besitzerin einer Cafeteria auf der Piazza, setzt noch eines draus: „Was wäre die Welt ohne Gisuseppe Verdi, der in Parma zur Welt kam. Ja, und Mirella und Luciano haben in seinen Opern Triumphe gefeiert.“
Heute bummeln wir über den bunten Wochenmarkt der historischen Altstadt von Reggio Emilia, verweilen kurz in Piacenza und Forelli und machen uns auf ins hügelige Hinterland der Region. Die Mauern der mittelalterlichen Trutzburg Rossena rücken in unser Blickfeld. Der Aufstieg über steile Treppen und Geröll unter der glühenden Mittagshitze ist beschwerlich. Weder Baum noch Strauch schützen vor der gleißenden Sonne. Doch der grandiose Blick auf die umliegenden Berge und üppig begrünten Täler zu unseren Füßen lässt die Mühsal schnell vergessen. „Wollen Sie die Burg nicht kaufen – Sie würde gut zu Ihnen passen.“ Der Kastellan, der die Gruppe über gewundene Treppenaufgänge, durch Gewölbe und stilvoll eingerichtete Räume führt, erzählt, dass dieses prachtvolle alte Gemäuer für schlappe 10 Millionen Euro zu haben ist. Ein wahres Schnäppchen!

Die Burg Rossena
Die Burg Rossena

Vom Wehrgang in luftiger Höhe scheint die Ruine der einstigen stolzen Burg von Canossa zum Greifen nahe. Der Gang nach Canossa des deutschen Königs Heinrich IV. kommt jetzt jedem ins Gedächtnis, der in der Geschichtsstunde aufgepasst hat. Barfuss und im härenen Gewand soll er im Jahre des Heils 1077 über die Alpen hierher gepilgert sein, um den seinerzeitigen Pontifex Maximus Papst Gregor VII. um Vergebung für die Übertretung seiner Befugnisse zu bitten. Es ging um die Frage, wem das Recht auf die Einsetzung von Bischöfen zukomme, dem König oder dem Papst. Dass Heinrich IV. in diesem als „Investiturstreit“ bekannt gewordenen Duell zwischen der Krone und dem Stuhl Petri in Canossa auf dieses Recht verzichtete, festigte seine Macht und brachte ihm letztlich die deutsch-römische Kaiserkrone ein. Jedoch ohne die Vermittlung von Markgräfin Mathilde, der Burgherrin von Canossa, wäre dieser hoch diplomatische Akt sicherlich nicht so reibungslos über die Bühne gegangen. Dem Charme und Geschick der weisen mittelalterlichen Fürstin, die die Kunst des Lesens und Schreibens beherrschte, gelang es schließlich, die beiden Streithähne zu befrieden. „Im 11. Jahrhundert konnten die wenigsten Menschen lesen und schreiben“, erklärt ein Lehrer aus Parma seinen zehnjährigen Schützlingen, die ihn ungläubig anstarren, als er Mathildes Werdegang schildert.

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Ein kleines feines Museum auf dem Hügel dokumentiert im Detail das Leben Mathildes und den legendären Bußgang. Ein vom Reichsgründer Otto von Bismarck in Auftrag gegebener Wandteppich, der einen heldenhaften Heinrich mit langen Locken vor dem Tor der Burg zeigt, schmückt die Stirnseite des Museums. Der Kanzler lag seinerzeit mit der römischen Kurie im Streit, weil Papst Pius IX. die Ernennung von Kardinal Hohenlohe als Gesandter des Deutschen Reiches nicht anerkennen wollte. Ein Affront gegen Bismarck, den er 1872 im Reichstag mit folgendem Diktum konterte: „Seien Sie unbesorgt. Nach Canossa gehen wir nicht. Weder körperlich noch geistig.“

...auch die Tiere feiern mit.
…auch die Tiere feiern mit.

Jedes Jahr feiert die Gemeinde rund um die Burg den Gang nach Canossa in farbenprächtigen historischen Kostümen im Amphitheater des Städtchens Ciano d’Enza. Sämtliche Einwohner des Ortes nebst Kind und Kegel sind in selbst geschneiderten Gewändern auf den Beinen. Heinrich und der Papst werden Jahr für Jahr von denselben, in der Region bekannten Schauspielern verkörpert. Für die Rolle der Mathilde aber wählt ein Gremium jährlich eine andere nicht nur bildschöne, sondern auch blutjunge Darstellerin. Etwas daneben, finden manche Kritiker. Denn die Markgräfin war 1077 schon über dreißig und für die damalige Zeit bereits eine alte Frau. Aber was soll’s. An dichterischer Freiheit fehlt es in der dramatischen Geschichte um Heinrich den Büßer ohnehin nicht. Wer glaubt denn schon daran, dass er bei Schnee und Eis – der Winter 1077 soll ein ganz besonders strenger gewesen sein – barfuss und im härenen Gewand über die Alpen gezogen ist. „Mit Sicherheit hatte er einen ganzen Tross von Bediensteten bei sich, die ihm am Abend ein schönes Feuerchen im Lager bereiteten“, lacht Kunsthistoriker Luigi. „Bei den seinerzeitigen Temperaturen wären ihm glatt die Füße abgefroren.“ Aus der Chronik: Heinrich der Salier, römisch-deutscher Kaiser bis 1084, starb im Jahre 1106 im Alter von 50 Jahren. Die weise Mathilde überlebte ihn um 9 Jahre. Am 24. Juli 1115 verschied sie im „hohen“ Alter von 69 Jahren.

„Mathilde ist und bleibt eine von uns“, verkünden die Einwohner von Ciano d’Enza voller Stolz und feiern das Gedenken an ihre Ahnherrin mit einem fröhlichen Umzug über Straßen und Plätze bis in die frühen Morgenstunden. Da wird an langen Tafeln aufgetragen, was Küche und Keller hergeben. Und der süffige Lambrusco fließt dabei in Strömen. Cin Cin!
www.appenninoreggio.it