Literatur im Acht-Minuten-Takt

Bahman Nader-Nezhad, Heike Hartmann-Heesch Foto:Maren Schönfeld
Bahman Nader-Nezhad, Heike Hartmann-Heesch
Foto:Maren Schönfeld

von Maren Schönfeld

Erster Bahman-Preis der altonale-Lesebühne verliehen

Einmal im Monat ist im Bistro Roth in Ottensen offene Lesebühne unter der Leitung des Autorennetzwerks Textfabrique51. Jede/r kann kommen und spontan vorlesen. Einmal im Jahr jedoch gibt es anlässlich der altonale, dem Stadtfest in Altona, eine besondere Lesebühne, um deren Teilnahme man sich bei der Textfabrique51 im Vorwege bewirbt. Erstmals gibt es in diesem Jahr den Bahman-Preis, benannt nach dem Bistro-Inhaber Bahman Nader-Nezhad, zu gewinnen. Seit vielen Jahren istdas Bistro Roth eine Ottenser Institution für Literatur mit regelmäßigen Termine wie der Lesebühne und Einzellesungen, im Lokal liegen auch Bücher aus. Insofern ist es höchste Zeit, Bahman einmal für seine Verdienste zu ehren und was wäre dafür besser geeignet als ein kleiner nach ihm benannter Literaturpreis?

Im oberen Raum, abgeteilt durch einen roten Vorhang, haben sich knapp dreißig Menschen versammelt. Acht von ihnen werden gleich für jeweils acht Minuten ans Mikrofon treten und das Publikum für sich zu gewinnen versuchen. Letzteres wird von Dirk-Uwe Becker und Ellen Balsewitsch-Oldach (Textfabrique51) mit Stimmzetteln und Begrüßungsgetränken ausgestattet. Und dann geht es auch zügig los. Den Anfang macht Heike Hartmann-Heesch mit ihrem Prosatext „Marienkäfer können fliegen“, der sich auf eloquente Weise mit Kommunikationsverlust – ob durch Krankheit oder Sprachlosigkeit verursacht – beschäftigt. Melanie Brel setzt mit ironisch-tragischen Prosaminiaturen, unter anderem über eine Protagonistin, die aus lauter Einsamkeit mit Nudeln spricht, und ebensolchen Gedichten fort. Mit ihrer sozialkritischen Lyrik und einem selbstgeschriebenen Song bietet Özlem Winkler-Özkan ein Kontrastprogramm, das von Martin Ripp mit seiner Geschichte „Grüße aus der Flasche“, ein familiäres Zerwürfnis thematisierend, fortgeführt wird. Allesamt sind es gelungene und gut durchgearbeitete Texte.

Nach diesen ersten vier Beiträgen folgt eine Pause, in der Bahman seine leckeren Tapas serviert, für die er in Ottensen bekannt ist: Bruschetta, Hackbällchen in leicht scharfer Tomatensoße und Kartoffeln, dazu Dip und Brot. Doch allzu lange wird die Unterbrechung nicht ausgedehnt, denn vier Vorträge warten noch darauf, gehört zu werden. Cord Buch, der wirklich so heißt, wie er versichert, präsentiert einen Auszug aus seinem Krimi, der im hiesigen Stadtteil angesiedelt ist und die so aktuelle Gentrifizierung zum Thema hat. Hier wäre es geboten gewesen, mehr zu hören oder eine kurze Plotvorstellung zu erleben, denn trotz der gut angelegten Schreibart erschließt sich der Inhalt in dem kurzen Ausschnitt nicht ganz. Es folgt ein Themensprung zu Volker Maaßen und seiner bitterleichten Lyrik, aus der er heute vorwiegend Tiergedichte von Gans, Regenwurm und anderen Artgenossen ausgesucht hat, mit denen er die Liebe und andere allzu menschliche Probleme erklärt. Hellmut Hansen stellt sodann mit seinem Überich, dem Raben, eine Sequenz aus seinen „Kamphans Echtzeit Literaturen“, einem Stück mit drei Stimmen, vor, das sich auf ironisch-tiefgründige Weise mit dem Ursprung des Daseins befasst. Ulli Kammigan beschließt den zweiten Teil mit einer Art Glosse über das merkwürdige Verhalten von Autoren im Internet, vornehmlich in Autorenforen, wo man mit shitstorms und dergleichen zu tun hat.

Nach diesen vielfältigen und vielseitigen Kurzlesungen ist nun das Publikum gefragt abzustimmen und die kleinen Stimmzettel mit Kreuzen zu versehen. Schnell steht die ganz klare Siegerin fest: Es ist Heike Hartmann-Heesch aus Eimsbüttel mit ihrer Marienkäfer-Geschichte, die eigentlich gar keine Geschichte im herkömmlichen Sinne ist, sondern eher als lyrische Kurzprosa bezeichnet werden kann. Die in kurzen Sequenzen mit einwortigen Überschriften angelegte Textur ist bildhaft und sagt viel zwischen den Zeilen, gibt den Lesern Raum für eigene Weiterentwicklung des Gelesenen. Dabei hebt die Autorin die vorherrschende Melancholie stellenweise durch fast lustige Einsprengsel auf und erreicht dadurch eine Leichtigkeit, die dem an sich sehr ernsten Thema nicht entgegensteht. Das ist vielleicht das Faszinosum und sicherlich die Kunst, ein ernstes, tragisches Thema auf eine Weise literarisch zu verarbeiten, die durch Sprachwitz und Leichtigkeit ein Lesevergnügen herbeizuführen vermag.

Heike Hartmann-Heesch hat sechs Einzeltitel im Mohland Verlag veröffentlicht, zuletzt „Die Dinge, wie sie sind“, einen Band mit Erzählungen. Sie hat bereits vier Preise erhalten, unter anderem war sie die dritte Preisträgerin des Walter Kempowski-Literaturpreises der Hamburger Autorenvereinigung im Jahr 2013.

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Abends haben Sorge für die Vielseitigkeit getragen und die altonale-Lesebühne zu einem gelungenen Literatur-Event werden lassen. Die von Ellen Balsewitsch-Oldach und Dirk-Uwe Becker aus den Einsendungen getroffene Auswahl ist gelungen und beinhaltete in acht Kurzvorträgen eine beachtliche Bandbreite. Neben Autorinnen und Autoren, die häufiger auf der Offenen Lesebühne im Roth anzutreffen sind, waren heute auch neue Gesichter anwesend. Es ist zu hoffen, dass sie zu Stammbesuchern der allmonatlichen Lesebühne werden.

Informationen zu Heike Hartmann-Heesch: www.papiersinfonie.de

Informationen zur Textfabrique51: www.textfabrique51.de

Bistro Roth: www.bistro-roth.de

 

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.