Spaziergang

Eine Weihnachtsgeschichte von Maren Schönfeld

Schnee fehlt noch... Foto: Maren Schönfeld
Schnee fehlt noch…
Foto: Maren Schönfeld

Still, bewegungslos steht sie an der Tür zum Garten. Durch die Scheibe spürt sie die Kälte. Eine Amsel pickt an der Apfelhälfte, die sie am Morgen für die Tiere hingelegt hat. Eine Handvoll Schwarz auf der Schneedecke. Sie lässt den Blick am Ahorn hochwandern, soweit es geht. Der Baum überragt das Haus, ein Riese in einem Hinterhof, von der Straße aus nicht zu sehen. Kahle schneebepuderte Äste, die beiden Tauben sind nicht da. Die Amsel pickt noch immer. Vorsichtig tritt sie einen Schritt zurück, wendet sich ab. Die Küche ist aufgeräumt. Auf dem Tisch steht die kleine Keramikvase mit zwei Tannenzweigen. Sie hat einen Ast mit leuchtend roten Beeren dazu gesteckt, einen Engel aus Holz und ein paar Kringel hineingehängt. In diesem Jahr hat sie Kringel gebacken, einfach so. Wie früher mit ihrer Mutter. Das alte Rezept, aus einer Backpulvertüte ausgeschnitten, klebt seit Jahren in einem Notizbuch. In diesem Jahr hat sie es endlich hervorgeholt, die Zutaten auf einen Einkaufszettel übertragen und alles gekauft. Es war ein gutes Gefühl, den Teig zu kneten, auszurollen und die Kringel auszustechen mit Mutters alter Keksform. Erst klebte der Teig an der Rolle, ihr fiel ein, dass sie die Rolle einmehlen musste. Als der Duft der Kringel die Wohnung erfüllte, war es ihr, als lebte ihre Kindheit auf, als käme Mutter gleich, um die Kringel aus dem Ofen zu holen. Und Vater, um mit ihr die Krippe aufzubauen. Feierlich holte er das strohgedeckte Haus aus dem Karton. Sie durfte die Figuren auspacken. Am liebsten hatte sie das Jesuskind, das in eine weiße Windel gewickelt war, und die drei Könige mit ihren bunten Gewändern, großen Turbanen und prächtigen Geschenken. Vater stellte die Figuren ins Haus und die kleine Futterkrippe, in die sie das Jesuskind legen durfte. Esel, Ochsen und Schafe durfte sie aufstellen. Dass Lämmchen stellte sie direkt zum Christuskind, es war auch klein und sollte nicht frieren.

Wo ist die Krippe bloß geblieben? Eine Weile grübelt sie, geht im Geiste durch Gartenhaus und Dachboden. Es fällt ihr nicht ein. Die Wohnung ist ohnehin zu klein, um die Krippe aufzustellen, ein Haus mit bunten Plastikfiguren und -tieren. Ein Puppenhaus.

Im Garten liegt die angepickte Apfelhälfte, die Amsel ist verschwunden. Sie zieht ihre Jacke an, setzt die Mütze auf, nimmt Handschuhe mit. Der Weg zum Fluss ist nicht weit. Teile der Gehwege sind geräumt, der Park ist vereist. Sie geht langsam, muss sich vorsehen wegen des Eises. Der Schnee verschluckt viele Geräusche. Die Straße kommt ihr leiser vor, auch die Hafengeräusche sind wie gefiltert. Der Schnee knirscht nicht, er ist festgetreten und übergefroren. Vorsichtig durchquert sie den Park. Der Rasen ist unter dem Schnee verschwunden. Die Dämmerung zieht recht schnell auf, aber sie will trotzdem zum Fluss. Der Fluss, auf dem Schiffe aus aller Welt in die Stadt kommen. Die Schiffe sind auch ihre Gäste, denn sie lebt hier, in dieser Stadt, in der sie Schiffe willkommen heißt, auch heute. Auf einem der Hafenkräne leuchtet ein Weihnachtsbaum, der Wind zaust in ihm. Er sieht winzig aus auf dem hohen Kran, aber wie groß muss er sein, damit man ihn von hier sehen kann? Weihnachtsbaum ihrer Kindheit, in den einmal die Katze sprang, den Baum umriss mit Schmuck und Kerzen. Das trockene Bersten der alten Kugeln. Silberne, hauchfeine Kugeln, die schon im Baum der Urgroßeltern gehangen hatten, als Großmutter ein Kleid bekam und eine Puppe aus Zelluloid. Mit den Schlittschuhen des Bruders fuhren alle Geschwister nacheinander, die Schlittschuhe wurden an den Straßenschuhen befestigt und mit einem Schlüssel verstellt.

Sie lehnt sich ans Geländer, sieht den Hafenlichtern zu, die heute weihnachtlich wirken. Blödsinn, denkt sie, der Hafen blinkt immer, ist immer taghell erleuchtet, auch in der Nacht. Jetzt ist es dunkel, auf dieser Elbseite gibt es kein Licht, keine Parklaterne. Es ist schön, Teil des Dunkels zu sein, eine nicht wahrnehmbare Zuschauerin des geschäftigen Treibens, das nie Pause hat. Auch heute nicht. Rund um die Uhr geht es, rund um die Uhr wird verdient, gewonnen, verloren, gearbeitet. Gekämpft. Rund um die Uhr wird gekämpft, denkt sie, ein Satz aus einem anderen Teil der Welt oder aus einer anderen Zeit. Rund um die Uhr wurde gekämpft, auch Weihnachten, als Vater vier Jahre alt war und jemand ein rotes Spielzeugauto für ihn auftrieb, das er immer mit sich herumtrug. Ein Schatz, der nicht im Garten vergraben wurde wie das Familiensilber. Es wurde gekämpft, jeden Tag um den nächsten.

Die Kälte kriecht ihr an den Beinen hoch. Einen Moment noch bleiben. Metallen dringen die Hafengeräusche zu ihr. Zu Hause wird sie eine Kerze anzünden und die Vase mit den Tannenzweigen ins Wohnzimmer stellen. Langsam wendet sie sich um, dem dunklen Park zu. Sie wird eine Weile brauchen auf den glatten Wegen, aber sie ist nicht in Eile. Als die Kirchenglocken zu läuten beginnen, bleibt sie noch einmal stehen. Es sind drei Kirchen in der Nähe, ihr Glockenklang verbindet sich zu einem, füllt den Abend, durchdringt die Kälte. Sie ist eingehüllt, leicht, wird getragen. Ihr ist nicht mehr kalt. Sie steht still, weiß nicht, wie lange. Jemand nähert sich, bleibt stehen. Sie öffnet die Augen und sieht sich einer Frau gegenüber, einem freundlich belustigten Gesicht. Fröhliche Weihnachten, sagt die Frau und geht weiter, in die entgegengesetzte Richtung.

Jetzt fröstelt sie wieder. Das Läuten wird durchlässig, vermischt sich mit anderen Geräuschen. Die Frau ist im Dunkeln verschwunden. Zeit, heimzugehen.

Diese Geschichte erschien in der Anthologie „Weihnacht“ der Hamburger Autorenvereinigung, Verlag Langen Müller, 2010

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haiku-Gesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.