Der Arbeiterführer starb wie ein Aristokrat

Von Dr. Manuel Ruoff

Foto: Maren Schönfeld
Foto: Maren Schönfeld

Vor 150 Jahren erlag Ferdinand Lassalle den Folgen eines Duelles mit dem Verlobten seiner Ex-Geliebten Helene von Dönniges

Schon fast grotesk, um nicht zu sagen komisch, ist der Anachronismus, dass Ferdinand Lassalle, der als Sozialist eine nachbürgerliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wollte, einem vorbürgerlichen Ritual zum Opfer fiel und dass das Ende des begnadeten Führers des erst aus der modernen Industrialisierung hervorgegangenen Vierten Standes an eine antike Tragödie erinnert. Beide Hauptprotagonisten der Liebestragödie haben ihr Fehlen später eingesehen und bereut – aber da war es zu spät, um die Katastrophe zu verhindern.

Erschöpft vom politischen Kampf gönnte sich der 1825 in Breslau geborene Hauptinitiator und Präsident der ältesten SPD-Vorläuferorganisation ADAV ab Mitte Juli 1864 einen Kuraufenthalt in der Schweiz, im Kurort Kaltbad auf dem Rigi. Als die damals 21-jährige Helene von Dönniges hiervon erfuhr, reiste sie ihm, der ihr schon in Berlin den Hof gemacht hatte, von Genf aus, wo ihr Vater als Gesandter Bayerns arbeitete und wohnte, nach und besuchte ihn am 25. Juli. Noch am selben Abend machte Lassalle ihr einen Heiratsantrag. Helene bat um Bedenkzeit und antwortete dann schriftlich: „Und nun wissen Sie auch mit Ihrem schönen herrlichen Geist und Ihrer so großartigen, aber mir lieben Eitelkeit, wie mein Entschluss lautet: Ich will und werde Ihr Weib sein!“

Lassalle ist ein Jude und ein roter, zeitweise vom Staat verfolgter Arbeiterführer und damit nicht unbedingt das, was sich in jener Zeit ein frischgeadelter Emporkömmling zum Schwiegersohn wünscht. Doch Lassalle, diese selbstbewusste politische Geistesgröße, hat einen Plan. Er will erst das Vertrauen von Helenes Vater gewinnen und dann bei ihm um ihre Hand anhalten. Erst falls dieser Plan nicht klappen sollte, will er als Plan B mit Helene durchbrennen.

Helene macht Lassalle jedoch einen Strich durch die Rechnung. Sie beichtet bei erstbester Gelegenheit ihre Liebe ihrer Mutter, die wiederum den Vater informiert. Der tobt. Helene flieht zu Lassalle und erwartet, dass nun Fall B in Kraft tritt. Lassalle weigert sich jedoch, mit seiner Geliebten durchzubrennen, und will es erst noch einmal mit einer einvernehmlichen Lösung mit Helenes Eltern versuchen. Er liefert Helene ihrer Mutter aus. Damit hofft er, bei Helenes Eltern zu punkten. Doch der Schuss geht nach hinten los. Die Eltern isolieren Helene und der Vater setzt sie psychischer und physischer Gewalt aus, in der nicht vergeblichen Hoffnung, ihren Willen zu brechen. Helene fühlt sich durch Lassalles Weigerung, mit ihr durchzubrennen, und die Auslieferung an ihre Mutter verraten und sieht sich in diesem Gefühl noch dadurch bestärkt, dass ihr Geliebter die Schweiz verlässt.

Hierbei wird sie Opfer eines tragischen Missverständnisses. Denn der selbstbewusste Lassalle ist abgereist, um in München seine nicht unerheblichen Beziehungen spielen zu lassen. In der Annahme, dass Bayern katholisch seien, lockt er die katholische Kirche mit dem Angebot, zu ihrem Glauben überzutreten, wenn sie sich denn für ihn bei Helenes Familie stark macht. Dieser Plan scheint vielversprechend, bis sich herausstellt, dass nicht alle Bayern katholisch sind. Helenes Familie beispielsweise ist wider die Regel protestantisch. Damit ist dieser Weg verbaut.

Auch über den Dienstherren von Helenes Vater versucht er es. So soll sein Freund Hans von Bülow Richard Wagner dazu bringen, dass der den bayerischen König Ludwig II. dazu bringt, dass der Helenes Vater dazu bringt, seinen Widerstand aufzugeben. Dieser Versuch scheitert bereits an dem Antisemiten Wagner, der keine Lust verspürt, sich für Lassalle bei seinem Gönner zu verwenden.

Beim bayerischen Außenministerium ist Lassalle erfolgreicher. Der Außenminister entsendet tatsächlich einen Emissär, mit dessen Hilfe es in der Tat gelingt, Helene die Möglichkeit zu geben, sich zu erklären. Durch die Enttäuschung über ihren Geliebten und die Bearbeitung durch ihre Familie ist die willensschwache Helene jedoch inzwischen von Lassalle abgerückt. Sie hat ihre Verlobung mit dem rumänischen Bojaren Janko von Racowitza, die sie wegen Lassalle gelöst hatte, reaktiviert und zeigt sich gegenüber Lassalles Emissären an einer Aussprache mit diesem desinteressiert: „Wozu das? Ich weiß, was er will. Ich habe die Sache satt.“

Lassalle ist ob dieses Sinneswandels Helenes konsterniert. Enttäuscht und gekränkt bricht er den Stab über Helene. Nun nicht mehr gezwungen, um die Gunst von Helenes Vater zu buhlen, schreibt er diesem am 26. August: „Nachdem ich … vernommen habe, dass Ihre Tochter Helene eine verworfene Dirne ist und es folgeweise nicht länger meine Absicht sein kann, mich durch eine Heirat mit ihr zu entehren, habe ich keinen Grund mehr, die Forderung der Satisfaktion für die verschiedenen mir von Ihnen widerfahrenen Avanien und Beleidigungen länger zu verschieben und fordere Sie daher auf, mit den beiden Freunden, die Ihnen diese Erklärung überbringen, die erforderlichen Verabredungen zu treffen.“

Helenes Vater entzog sich durch Abreise dem Duell. Er ließ sich durch Helenes Verlobten vertreten. Beim Pistolenduell am 28. August im Wäldchen von Carrouge bei Genf gab Racowitza den ersten Schuss ab und verletzte Lassalle schwer am Unterleib. Der so Verletzte konnte zwar noch zurück­schießen, verfehlte aber sein Ziel. Am 31. August 1864 erlag Ferdinand Lassalle seiner Schussverletzung.

Dass seine Weigerung, mit Helene durchzubrennen, ein Fehler war, hatte Lassalle noch erkannt. Am 4. August 1864 schrieb er einer Vertrauten: „Ich bin so unglück­lich, dass ich weine, seit 15 Jahren zum ersten Mal. Was mich dabei noch zermartert, ist das Verbrechen meiner Dummheit. Wie konnte ich so beschränkt sein, auf Helenes Wunsch nicht einzugehen, sie ihren Eltern zurückliefern und loyal um sie werben! Ich hätte den Besitzstand benützen und sofort mit ihr fliehen sollen! Jetzt ist das Unglück da … Meine Dummheit richtet mich hin!“

Und Helene übte später Selbstkritik hinsichtlich ihres Wankelmutes. In ihrem 1879 erschienenen Buch „Meine Beziehung zu Ferdinand Lassalle“ hat sie geschrieben: „Das einzige, alles Entsetzen in voller Stärke überlebende Gefühl war … der Hass gegen die Eltern … und eine ebenso tiefe, dauernde Verachtung gegen mich selbst, gegen meine schmachvolle Willensschwäche. – Dieser auch klage ich mich wieder und wieder an und bekenne mich ihrer unverzeihlich schuldig.“

Aber beide Einsichten kamen zu spät.

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haiku-Gesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.