Wie man ein Seebär wird

von Dr. Wolf Tekook

140609MatrosenballWas macht man(n), wenn man in der heißen Adoleszentenphase wegen Sachbeschädigung am Auto eines gestrengen Lehrers der Schule verwiesen wird und wenn man zudem in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts lebt? Der frisch zum Ex- Eleven einer Eliteschule mit Naziprägung gewordene Michael Buschow (DAP- Mitglied) braucht nicht lange zu überlegen. In seinem Buch Matrosenball schildert er in gewohnt anschaulicher bis deftiger Weise, wie er sich von seinen Eltern mit den Worten: „Ich werde jetzt Kapitän“ verabschiedet und nach Hamburg geht, um zur See zu fahren.

Anders als in seinem ersten Buch Poller- Elly und Rattenpack, 2012 erschienen, lässt Buschow den Leser chronologisch geordnet an seiner Entwicklung zum Seebären teilhaben – von der ersten Nacht im Rohbau einer Garage über die ersten schmutzigen Hilfsjobs im Hafen bis hin zum Bootsführerschein, der auf wundersame, wenn auch tragische Weise durch das Erben eines richtigen Schiffs aufgewertet wird.

Buschows Stärken sind die präzisen Beobachtungen, die oft augenzwinkernden Beschreibungen der Personen, mit denen er in eine Beziehung trat, aber auch die Selbstkritik in seinem autobiografischen Buch. Die 70er Jahre und das zugehörige Lebensgefühl erstehen wieder auf – mit ihrer Musik, aber auch mit der Radikalisierung der 68er Bewegung, mit Hausbesetzung und Bader- Meinhof- Bande. Der alte Kiez mit Café Keese und Herbertsstraße, Seemannskneipe und lackbeschuhten Zuhältern wird in plastischen bis drastischen Bildern konterfeit. All dies vermischt sich mit dem Lebenshunger des Jung- Mannes, der stets lieber der eigenen Nase folgt, als sich von anderen, älteren die Richtung vorschreiben zu lassen. Die Menschen, die ihm begegneten, werden mit beinahe liebevoller Präzision beschrieben – mit ihren Ecken und Kanten, ihren Fehlern, aber auch ihrem Willen, ihr Leben zu gestalten.

Wer Buschows früheres Buch mit seinen Anekdoten aus den Hafenvierteln Europas gelesen hat, freut sich darüber, in Matrosenball den authentischen Weg zum Seefahrer nachvollziehen zu können – auch wenn sich sein Leben später in andere Bereiche verlagert hat. Dem Salzwasser und den labilen Decks bei hohem Seegang ist er dennoch treu geblieben.

Das Vorwort zum Buch verfasste DAP- Mitglied Hans- Peter Kurr.

Fazit: Eine kurzweilige Lekktüre für Leser, die gerne schmunzeln und vielleicht bei der Beschreibung des Lebens vor 40 Jahren Teile ihrer eigenen vita mit einem Hauch Sehnsucht wiederentdecken möchten.

Michael Buschow
Matrosenball – Erzählung

  • Broschiert: 146 Seiten
  • Verlag: Wiesenburg (2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3956321115
  • ISBN-13: 978-3-95632-111-5
  • Größe: 21,4 x 14,4 x 1,6 cm
  • Preis: 15,00 €

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