Bayerns dritte Königin Marie kam aus Preußen

erschienen in der PAZ

Von Dr. Manuel Ruoff

Die Mutter Ludwigs II. und Ehefrau Maximilians II. Joseph gründete den bayerischen Frauenverein vom Roten Kreuz

Vor 125 Jahren starb Prinzessin Marie von Preußen. Die bayerische Königin weist einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit der preußischen Königin Luise auf.

Ähnlich wie Preußens Königin Luise verlebte auch Bayerns Königin Marie eine glückliche Kindheit. Ihr Vater, Prinz Wilhelm von Preußen, schien als jüngster Bruder Friedrich Wilhelms III. weit genug von der Regentschaft entfernt, um ein ungezwungenes Familienleben führen zu können. Ihre Mutter, Prinzessin Marianne von Preußen, war eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg. Prinzessin Marie von Preußen, das am 15. Oktober 1825 in Berlin als Sonntagskind geborene Nesthäkchen der Familie, verbrachte einen Großteil der Kindheit fernab von der Großstadt Berlin auf dem Sommersitz im schlesischen Fischbach. Der Vater hatte das im lieblichen Hirschberger Tal des Riesengebirges gelegene Schloss mit Blick auf die Schneekoppe bereits drei Jahre vor Maries Geburt erworben. Die Prinzessin aus dem eher durch die Norddeutsche Tiefebene geprägten Königreich Preußen lernte also schon frühzeitig die Berge kennen – und auch lieben. Friederike Franziska Auguste Marie Hedwig, wie die Prinzessin mit vollem Namen hieß, entwickelte sich zu einer begeisterten, ja leidenschaftlichen Bergsteigerin. Insofern war sie geradezu prädestiniert, ins bergige Bayern zu heiraten.

Dessen Kronprinz Maximilian, der älteste Sohn von König Ludwig I., studierte 1830/31 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Spätestens während dieses Studienaufenthaltes lernte der bayerische Königssohn die preußische Königsnichte und deren ältere Schwester Elisabeth kennen. Während Max und Marie immerhin 14 Lebensjahre trennten, waren es bei Maries Schwester nur vier. Und in der Tat war eine Verbindung zwischen Max und Elisabeth angedacht. Der Bayernkönig war durchaus daran interessiert, die Bindungen zwischen der norddeutschen Groß- und der süddeutschen Mittelmacht weiter zu festigen. Seit 1823 war der preußische Kronprinz mit der bayerischen Prinzessin Elisabeth Ludovika verheiratet. Da lag der Gedanke nicht fern, diese Bande zwischen Hohenzollern und Wittelsbachern in umgekehrte Weise durch eine Heirat des bayerischen Kronprinzen mit einer preußischen Prinzessin zu stärken.

Eine Verbindung seines Stammhalters mit der russischen Zaren­tochter Großfürstin Maria Nikolajewna erschien Ludwig jedoch noch attraktiver und so verlief das angedachte preußisch-bayerische Heiratsprojekt im Sande. Doch auch das bayerisch-russische Projekt zerschlug sich. Max entdeckte sein Herz für Elisabeths Schwester Marie. „Die lebhafte Zuneigung, welche Ihre Königliche Hoheit, die Prinzessin Marie von Preußen, Muhme Eurer Königlichen Majestät, mir vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an eingeflößt, hat in mir den sehnlichen Wunsch erregt, ein christliches Ehebündniß mit derselben zu schließen“, schrieb der bayerische Kronprinz 1841 dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Das Interesse an einer weiteren Verbindung zwischen den beiden Familien bestand nach wie vor und 1842 wurde geheiratet.

Und auch hier finden sich wieder Ähnlichkeiten zu Königin Luise. Maries Ehe mit dem späteren bayerischen König Maximilian II. Joseph scheint ähnlich glücklich gewesen zu sein wie die Luises mit dem späteren preußischen König Friedrich Wilhelm III. Und wie Luise scheint auch Marie nicht nur ihren Ehemann stark für sich eingenommen zu haben. Wie Luises Einzug in Berlin wird auch jener von Marie in München als Triumphzug geschildert.

Auch der Schwiegervater ist angetan. Begeistert schrieb er seiner Tochter Adelgunde, wie ihm seine Schwiegertochter gefiel: „… trefflich lautet die Antwort, in den ersten Augenblicken hatte sie bereits meine Eroberung gemacht. Sie ist sehr gemüthlich, nichts von Selbstsucht an ihr, ohne Schönheit zu sein, sehr hübsch, äußerst liebreich, ihre Augen aber, diese sind wirklich sehr schön. Marie wird Adelgunde recht ansprechen und wie sie ist erstere in ihren Mann ungeheuer verliebt. So sah ich Max noch nie, er ist vollkommen glücklich. Es ist ein gar zärtliches Pärchen. Marie ist mittlerer Größe; gewachsen und verschönt seit letztem Jahre findet sie der junge Ehemann. Überall wo sie noch war im Land, gefiel Marie sehr, ihre aus dem Herzen kommende Freundlichkeit ist aber auch recht für die Bayern gemacht.“ Ludwig war es auch, der Marie, die einzige seiner Schwiegertöchter, die „Bayerin“ geworden sei, von Joseph Karl Stieler für seine Schönheitengalerie malen ließ.

Mit dem üblichen schick­lichen Abstand nach einer Eheschließung schien sich auch Nachwuchs einzustellen. 1843 erlitt Marie jedoch eine Fehlgeburt. 1845 war es dann soweit. Der wohl mit Abstand bekannteste bayerische König überhaupt kam zur Welt. Eigentlich hatte der Erbprinz Otto Friedrich Wilhelm Ludwig den Rufnamen Otto erhalten sollen, aber auf Wunsch des Großvaters und Taufpaten Ludwig I. wurde es Ludwig. Ludwigs drei Jahre später geborener einzige Bruder Otto Wilhelm Luitpold Adalbert Waldemar ging dann tatsächlich als Otto in die Geschichte ein. Beide Kinder wurden später aufgrund ihres Geisteszustandes für regierungsunfähig erklärt. Ihre Eltern waren derart eng verwandt, dass vor der Eheschließung der Dispens des Papstes eingeholt wurde. Böse Zungen behaupteten, die Geisteskrankheit wäre eine Strafe für Maries Protestantismus gewesen – möglicherweise ein Grund für ihren späteren Wechsel zum Katholizismus im Jahre 1874. Eine andere mögliche Erklärung wäre der Wunsch, den Glauben des mittlerweile verstorbenen Ehemannes anzunehmen, in der Hoffnung, dem Toten damit näher zu sein.

Der Konfessionsunterschied zum Ehemann ist eine weitere interessante Parallele zwischen Marie und Luise, die im Gegensatz zu ihrem reformierten Ehemann Lutheranerin war. In beiden Fällen wurde der Konfessionsunterschied nach dem Tode des einen Partners überwunden. Marie konvertierte und in Friedrich Wilhelms III. Königreich wurden Reformierte und Lutheraner in einer unierten Staatskirche (zwangs)vereint.

Wie Luise liebte auch Marie ganz uneitel die von Staatsgeschäften freie Ungezwungenheit. Das zeigt auch ihre Reaktion darauf, dass ihr einstiger Verehrer Erbprinz Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha bereits 1844 Nachfolger seines verstorbenen Vaters als Herzog wurde. Statt der vertanenen Chance nachzutrauern, schon frühzeitig Ehefrau eines regierenden Fürsten werden zu können, fühlte sie sich vielmehr in ihrer Wahl für ihren Maximilian bestätigt. Marie konnte zu jener Zeit nicht ahnen, dass ihr auch an der Seite des bayerischen Kronprinzen nur noch wenige Jahre im zweiten Glied vergönnt waren. Mit 61 noch jung an Jahren, stürzte Maries Schwiegervater vor dem Hintergrund der 48er Revolution über Lola Montez.  So wurden Maximilian und Marie bereits 20 Jahre vor dem Tode Ludwigs I. König und Königin.

Wie als Braut ihres Kronprinzen erfreute sich Marie auch als Landesmutter bei den Bayern großer Beliebtheit. Vielfältig war ihr soziales Engagement. Ihre berühmteste Tat auf diesem Gebiete war sicherlich die Gründung des bayerischen Frauenvereins vom Roten Kreuz drei Jahre nach dem Deutschen Krieg von 1866.

Da war Marie bereits Königin-Mutter. Denn im Gegensatz zu seinem Vater, der erst im 82. Lebensjahr verstarb, waren Maximilian II. Joseph nicht einmal 53 Lebensjahre vergönnt. Er starb bereits 1864. Zwei Jahre später erwartete Marie mit dem deutschen Bruderkrieg ein weiteres Unglück: Krieg zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat. Nach der Entscheidung wurde Marie ähnlich wie weiland Luise mit der Zumutung konfrontiert, beim Sieger um Milde und Schonung zu werben. Auch die aus Bayern stammende Witwe von Friedrich Wilhelm IV. wollte dieses tun.

Wilhelm I. zeigte sich großzügiger als einst Napoleon. „Glücklicher Weise sind die Bedingungen besser, als zu erwarten stand“, meldete Ludwig II. schließlich seiner Mutter – was ihn allerdings nicht daran hinderte, an der Loyalität der „preußischen Prinzessin“ zu Bayern zu zweifeln.

Nach dem Tod des geliebten Mannes und dem Krieg zwischen alter und neuer Heimat musste Marie noch erleben, was manche für das Schlimmste halten: den Tod des eigenen Kindes. 1886 starb Ludwig II. Dem ihr verbliebenen letzten Kind, Otto I., gehörte bis an ihr Lebensende ihre Fürsorge. Königin Marie von Bayern starb am 17. Mai 1889 auf Schloss Hohenschwangau.

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