“National Anthems” – das neue Stück im English Theatre of Hamburg

Von Uta Buhr

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Hofhalten mit Ben

Ohrenbetäubende Musik erfüllt das  Haus der Reeds in einem angesagten Vorstadtviertel Detroits im Bundesstaat Michigan. Arthur und Leslie, ein typisches Ehepaar der amerikanischen Mittelklasse, hat gerade in seinem schicken Ambiente Hof gehalten. Während Leslie die Gläser abräumt und dabei mit „Knopf im Ohr“ japanische Vokabeln lernt, sitzt Arthur im Sessel und ruft  die aktuellen Börsenkurse von seinem iPhone ab. Die Botschaft ist eindeutig:  Diese beiden haben es geschafft und genießen ihr Leben nach dem Credo sozialer Aufsteiger, die gern mit Haus, Auto, Yacht und Pool bei ihren Mitmenschen Eindruck schinden.

In  diese Idylle narzisstischer Selbstbespiegelung platzt plötzlich und völlig unerwartet ein Nachbar, der sich den Neuen in der Siedlung vorstellen möchte. Bereits sein schlichtes Äußeres signalisiert „der gehört nicht dazu.“ Ben zeigt sich zutiefst beeindruckt von der teuren Einrichtung und all dem technischen Schnickschnack, mit dem sich die Reeds umgeben. Die Höflichkeit indes gebietet es den Reeds, Ben zum Bleiben aufzufordern. Diese Geste  inspiriert Arthur, seine Muskeln vor dem Verlierer Ben spielen zu lassen. So ganz nebenbei erwähnt er, dass sein BMW ihm zwar gefällt, aber er demnächst einen Porsche kaufen wolle. Nach und nach werden alle Gegenstände des Reedschen Haushalts vorgestellt:

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Wir sind die Siegertypen, bester Freund

Während die stromlinienförmige Stereoanlage ein Fabrikat der Firma Bang und Olufsen ist, stammen die Möbel von einem bekannten Einrichtungshaus, und das Bier wurde gar aus Dänemark importiert. Mehr Schickeria geht nicht! Dem armen Ben gehen die Augen über. Diesem Wohlstand hat er, der kleine Feuerwehrmann, wahrhaftig nichts entgegenzusetzen. Um seinerseits Leslie und Arthur zu beeindrucken, verlegt er sich auf einige raffinierte Zauberkünste, die Arthur trotz großmäuliger anderslautender Aussagen, nicht nachvollziehen kann. Der Wettkampf beider rivalisierender Teams steht also unentschieden. Um alles auf die Spitze zu treiben, erklärt Ben jetzt auch noch, er werde Arthur im Football vernichtend schlagen. Wetten dass… Das bringt Arthur auf die Palme. Bildet Ben, dieser Proll, sich wirklich ein, ihn, den einstigen Star seines Highschool Footballteams, in die Tasche stecken zu können? Arthur setzt sogar eine Prämie für den Sieger aus. Nun werden Tische und Stühle gerückt, Sessel und Sofa in die Ecke gestellt. Ring frei für die Kampfhähne, die sich alsbald lauthals am Boden wälzen, nachdem Leslie, der ehemalige Cheerleader, eine hinreißende Pantomime hingelegt hat. Als beide Männer erschöpft und schweißbedeckt in der Ecke des riesigen Wohnraums kauern, erklärt Arthur, es käme im Leben doch nur auf eines an – Erfolg und Geld. Beides hat er, aber womit kann ein armer Schlucker wie Feuerwehrmann Ben denn schon renommieren? Da enthüllt Ben endlich sein sorgsam  gehütetes Geheimnis. Jahrelang hat er in der Feuerwehrbrigade des Ortes gedient und viele Brände gelöscht. Aber kürzlich wurde er fristlos entlassen. Warum?

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Raufen um den ersten Platz

Weil er den Anweisungen seines Chef zuwider gehandelt und sich in ein brennendes Haus begeben hatte, um eine Frau zu retten, die er unten stehend am Fenster entdeckt hatte. Seine Heldentat fand ihren Niederschlag in einer Kolumne der Lokalzeitung auf Seite 42. Stolz zeigt er die bereits arg zerknüllte Seite seinen Gastgebern. Leslie bewundert Bens Courage, doch Arthur weist darauf hin, dass es sich bei dem Brandopfer um eine schwarze Frau gehandelt habe. War die der Mühe wert? Ein Rassist reinsten Wassers. Pfui! Ben hat einen Menschen vor den Flammen gerettet. Spielt die Hautfarbe da irgendeine Rolle? Erneut kämpfen die beiden Männer gegeneinander. Der Ausgang ist ungewiss. Dennoch bleibt die Frage an das Publikum: Wer hat dieses Match gewonnen? Die meisten Zuschauer werden sich für Ben entscheiden, den wahren Helden und Sympathieträger dieses turbulenten Stückes. Geld und Macht gegen Menschlichkeit. Herz ist Trumpf.

Dieses vom amerikanischen Autor Dennis McIntyre Ende der Achtzigerjahre geschriebene sozialkritische Stück wurde nach seiner Erstaufführung im „Long Wharf Theater“ in New Haven/Connecticut von der Kritik umjubelt. „Es ist reich an kreativ verpackter Kritik und nimmt die westliche besitzorientierte Wohlstandsgesellschaft aufs Korn. Dichter am Leben ist Theater selten“, schrieb ein Rezensent. Allgemeine Trauer begleitete den frühen Tod des begabten Schreibers, der bereits im Alter von 47 Jahren an Magenkrebs verstarb. Er hinterließ der Nachwelt eine Reihe großartiger Stücke wie „Modigliani“, „Split Second“, „Noble“ und „State of Grace.” Letzteres wurde von Hollywood mit Sean Penn und Gary Oldmann verfilmt. Der deutsche Titel lautet „Siegertypen.“ Eine durchaus gute Wahl, da die wörtliche Übersetzung von „National Anthems“ – Nationalhymnen – wenig aussagekräftig ist.

Warum nur wählte Dennis McIntyre ausgerechnet  diesen Titel? Wäre „Winners“ nicht dem Plot angemessener gewesen?  Anthem leitet sich von dem Wort „ antiphonos“ ab – einem religiösen Gesang im antiken Griechenland. Da Geld und Sport für den Durchschnittsamerikaner durchaus etwas Religiöses beinhalten, trifft der Titel den Nagel auf den Kopf. Auch die Biographien der beiden Protagonisten sind zwei völlig unterschiedliche „Seelenlandschaften.“ Eine jede hat ihre eigene Hymne.

 

Drei britische Schauspieler der Extraklasse machen das Stück zum reinsten Vergnügen: Die bildhübsche, der jungen Catherine Deneuve fast wie aus dem Gesicht geschnittene Tanya Winsor ist die perfekte Besetzung der zwischen Snobismus und humanem Einfühlungsvermögen hin und herschwankenden Leslie. Miles Westerns Arthur Reed ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Bis zum Schluss verharrt er in stoischer Ignoranz gegenüber dem aus seiner Sicht Schwächeren. Eine überzeugende Darstellung. Die Paraderolle im Stück kommt Gareth Davies zu. Er stellt Ben Cook als einen ebenso naiven wie raffiniert agierenden Charakter dar. Eine grandiose  Interpretation. Chapeau!

„National Anthems“ läuft noch bis zum 28. Juni 2014. Karten wie üblich unter der Telefonnummer 040 – 227 70 90 oder online: www.englishtheatre.de

Nach dem 28. Juni geht das TET in die Theaterferien und kehrt am 4. September in aller Frische zurück mit dem Stück „The Whipping Man“ von Matthew Lopez.

 

 

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