Nachrichten aus einem literarischen Universum

Zu Peter Gosses Essayband „Vom allmählichen Verfertigen von Welt im Dichten“

von Maren Schönfeld

Grafik Volker Stelzmann
Grafik von Volker Stelzmann

Das Problem mit Literatur über Literatur ist, dass man die in Bezug gesetzte, also diejenige, über die literarisch berichtet wird, möglichst gelesen haben sollte, um dem über Literatur Geschriebenen auch folgen zu können. Das ist meistens so, aber nicht immer. Manchmal ist die Literatur über Literatur so lehrreich, vergnüglich und inspirierend, dass sie fast – ein Frevel? – erbaulicher erscheint als diejenige, die sie zum Thema hat. Bestenfalls fühlt sich der Adressat dieses Essaybandes  motiviert, die Bezugstexte (erneut) zu lesen – oder er befindet den Genuss der Sekundärliteratur als in einem Maße erquicklich, dass er das – möglicherweise mühsame – Studieren der Quellen als entbehrlich erachtet.  Letztere gilt wohl in besonderem Maße für LiteraturstudentInnen,   die nach zusätzlichen Informationen zu ihren Vorlesungen suchen oder sich gezielt auf eine Prüfung vorbereiten wollen/müssen.
Peter Gosses zu seinem 75. Geburtstag im vergangenen Oktober erschienene Essays sind so ein Fall zwischen Lust haben und Lust bekommen, sind Lesegenuss, bei dem erfreulicherweise die ganz überwiegend zitierten Bezugstexte Grund und Anlass, aber nicht Träger der Gosseschen hochinteressanten Gedanken und Ausführungen sind. Schon die Auswahl lässt über ihre Bandbreite staunen und gibt Anlass zur Freude, streckt sie sich doch von klassischen  frühen Werken bis in die Gegenwart und hat keine falsche Scheu, die Werke Hölderins und Petrarcas neben das Laterne-Lied zu stellen. Spätestens beim letzteren stellen sich leserseits Vertraulichkeiten ein, und ja: Bei aller Sprachmannigfaltigkeit spricht das Buch auf Augenhöhe mit dem Leser. Gosse spaziert also von Walter von der Vogelweide bis zu Walt Whitman, von Georg Maurer zu Elke Erb und landet nicht zuletzt beim Hildebrand-Lied, das Ganze aufgeteilt in fünf Kapitel. Jeder Essay ist Verdeutlichung, Deutung und Standpunkt zugleich , ohne absoluten Wahrheits-Anspruch, vielmehr mit sacht gesetzten Fortwirkungsimpulsen, die den Leser zu eigenen Gedanken und Urteilen anregen. Die Länge der einzelnen Essays ufert nie aus und ist nicht zu kurz und die Sprache oszilliert in bei Peter Gosse gewohnter und wunderbarer Weise, sodass diese Texte das schon erwähnte nachhaltige Vergnügen bereiten; ob mehr als der Bezugstext, mag der Leser für sich entscheiden.

Auch die gewährten Einblicke in das Miteinander Peter Gosses mit Kollegen (so zitiert er eine Widmung Werner Bräunigs) machen den Essayband besonders informativ und interessant. Peter Gosse schafft es einmal mehr, dem weiten Raum der Sprache und Dichtung die Tür aufzustoßen und den Leser zum Eintreten zu bewegen, ihm die Relevanz der Literatur, ihre Gültigkeit und Wirkung auf den Zeitgeist nahe zu bringen. Gosses Leidenschaft greift auf den Leser über, und man darf sich im Gosse-Kosmos sicher sein, auch beim wiederholten Lesen noch neue Aspekte, Wendungen und Nuancen zu entdecken, die einem vorher noch nie in den Sinn gekommen waren. Dies mit der dem Autor eigenen Ernsthaftigkeit, die stets seine humorvolle Nuance einschließt, weshalb das Tragende nie ins Tragische abfällt. Das Buch ist auch eine Art Wanderung durch die Weltgeschichte, eine Art Essenz eines großen Ganzen. Was also kann Dichtung nun sein? „Empfindungskorrelat des eigentümlich geschauten und durchschauten Weltganzen und insofern dieses Weltganzen Krönung. Indem Dichtung sowohl das Koma als auch dessen buchstäblich Gegenläufiges, Amok, hinter sich lässt oder balancierend gegeneinander treibt in die gelassene Schwebe, wächst sie ruhig aus dem Kern statt aufgeregt aus Randlagen.“ (S. 20)

Die Laudatio Wulf Kirstens anlässlich der Verleihung des Walter-Bauer-Preises 2008 an Peter Gosse und das Nachwort von Jens-Fiete Dwars, die das Buch beschließen, geben einige Einblicke in die von Kenntnisreichtum geprägte Persönlichkeit des „spätbarocken Expressionisten“. Peter Gosses neuer Essayband, der von den eigens dafür erschaffenen kraftvollen Zeichnungen Volker Stelzmanns trefflich bereichert wird, sei allen an Dichtung und Lesegenuss Interessierten ans Herz gelegt. Nicht unerwähnt bleiben soll letztlich die wunderschöne bibliophile Aufmachung des Buches in zweifarbigem Druck.

Peter Gosse:  Über das allmähliche Verfertigen von Welt im Dichten. Essays
Hrsg., gestaltet und mit einem Nachwort versehen von Jens-Fietje Dwars. Mit sechs Zeichnungen von Volker Stelzmann. 128 Seiten, Zweifarbdruck in Schwarz und Rot,Fadenheftung in Engl. Broschur mit handmont. Etikett in Prägung, zinnoberrotes Vor- und Nachsatzpapier, schwarzer Lesefaden, 500 num. Expl.
50 Vorzugsexemplaren liegt je eine signierteRadierung „Porträt Gosse“ von Volker Stelzmann bei,gedruckt von der Kupferdruckerei Dieter Béla.
ISBN 978-3-943768-12-1, Edition Ornament im quartus-verlag: www.edition-ornament.de
Vorzugsausgabe Nr. 1-50: EUR 59,90 EUR, Normalausgabe Nr. 51-500: EUR 14,90 EUR

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.

Ein Gedanke zu „Nachrichten aus einem literarischen Universum“

  1. Liebe Kollegin!
    Welch ein exemplarisches Beispiel der Würdigung wichtiger Literatur, basierend auf dem Kleistischen Aufsatz „Von der allmählichen Verfertigung beim Reden“. Chapeau! H.-P. Kurr

Schreibe einen Kommentar