Mehr als nur der Vater des »Märchenkönigs«

erschienen in der PAZ

Von Dr. Manuel Ruoff

Unter keinem anderen bayerischen Monarchen war der Rang von Kunst und Wissenschaft so hoch angesetzt wie unter Maximilian II.

Bayerns berühmteste Könige, ja Herrscher überhaupt, sind sicherlich die beiden ersten Ludwigs. Da ist zum einen der „Märchenkönig“ Ludwig II., dessen Märchenschlösser Legende sind und dessen früher Tod im Starnberger See bis heute geheimnisumwittert ist. Und dann ist da dessen Großvater Ludwig I., der glühende deutsche Patriot und große Bauherr, dem die Deutschen Nationaldenkmale wie die Walhalla oder die Befreiungshalle verdanken, der aber auch mit der Affäre Lola Montez durch die Gazetten gegangen ist. Die 16 Jahre zwischen dem Jahr der 48er Revolution, in dem die Regierungszeit des Großvaters endete, und dem Jahr des Deutsch-Dänischen Krieges, in dem jene des Enkels begann, bilden die Ära des vergleichsweise unspektakulären Sohnes beziehungsweise Vaters, Maximilian II.

Wie sein Vater und sein Sohn war auch der am 28. November 1811 in München geborene Maximilian an Baukunst interessiert. Er versuchte sogar, einen eigenen Baustil zu kreieren. Die Grundidee dieses sogenannten Maximilianstils war die Kombination der Gotik im Allgemeinen und des Tudorstils im Besonderen mit dem Besten der anderen Baustile. Anders als bei den beiden Ludwigs besaß für Maximilian unter den Künsten die Architektur jedoch nicht die Priorität. So förderte er beispielsweise großzügig die schöne Literatur mit der Aussetzung von Pensionen für Dichter.

Im Gegensatz zu Vorgänger und Nachfolger galt jedoch noch mehr als den Künsten, den Wissenschaften Maximilians Wertschätzung und Zuwendung. Aus ganz Deutschland wurden Größen ihrer Fächer als Professoren an die Ludwig-Maximilians-Universität seiner Hauptstadt berufen. Daneben wurde als weitere wissenschaftliche Einrichtung die Technische Hochschule München gegründet. Für die Hochbegabtenförderung gründete Maximilian mit Mitteln aus seinem Privatvermögen das Maximilianeum, für das er das repräsentative Gebäude errichten ließ, in dem heute der Landtag sitzt. Und für die Ehrung der Geistesgrößen stiftete er den Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, der nach einer jahrzehntelangen Unterbrechung mittlerweile wieder besteht. Ab 1854 versammelte er jede Woche die Künstler und Wissenschaftler in München zu sogenannten Symposien um sich. Maximilian galt geradezu als wissenschaftsgläubig, versuchte, auch seine politischen Entscheidungen auf wissenschaftlichen Gutachten zu begründen, was das Tempo seiner Reaktionen auf Herausforderungen allerdings nicht unbedingt erhöhte. Der Historiker Andreas Kraus geht so weit zu sagen, dass niemals der Rang von Kunst und Wissenschaft in Bayern so hoch angesetzt war wie unter Maximilian.

Insbesondere der Geschichtswissenschaft galt sein Interesse. Als Prinz hatte er unter anderem an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin neben Staatsrecht eben auch Geschichte studiert. Heinrich von Sybel, der das Historische Seminar gründete und die „Historische Zeitschrift“ ins Leben rief, holte er ebenso in seine Residenzstadt wie Wilhelm von Giesebrecht. Die beiden Historiker, die wie der Bayernkönig Schüler Leopols von Ranke waren, begründeten in München die historisch-kritische Schule. Auch die Konstituierung der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften fällt in Maximilians Regierungszeit.

So modern der Bayernkönig in seiner Wertschätzung und Förderung der Wissenschaften war, so rückständig – zumindest im Vergleich zu seinem Vater – war er in seinem Verhältnis zur deutschen Nationalbewegung. Ludwigs I. Größe bestand ja nicht zuletzt darin, dass er für ein einiges Deutschland eintrat, ohne die Hoffnung haben zu können, dass es bayrisch dominiert werden könnte. Maximilian hingegen verfolgte eher bayerische Sonderinteressen.

Hierfür instrumentalisierte er auch seine Kulturpolitik. So förderte er das bayerische Brauchtum samt Musik, Sitten und Trachten in der Hoffnung, so eine bayerische Identität und einen entsprechenden Patriotismus zu befördern. Auch die Gründung des Bayerischen Nationalmuseums ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Heute würde man von „nation

building“ sprechen.

In der Außenpolitik spiegelte sich die Fokussierung auf bayerische Partikularinteressen in der sogenannten Triaspolitik. Dahinter steht die Idee, den Dualismus beziehungsweise das Kondominium der beiden deutschen Großmächte im Deutschen Bund durch Bayern als gleichberechtigte dritte Kraft zu ergänzen. Da Bayern aber nun einmal im Gegensatz zu Österreich und Preußen keine Großmacht war, versuchte es in Maximilians Ära, die anderen deutschen Mittel- und Kleinstaaten des Deutschen Bundes hinter sich zu scharen, um dann als Vertreter des sogenannten dritten oder reinen Deutschland mit den beiden Großmächten gleichzuziehen sowie auf Augenhöhe verhandeln und mitentscheiden zu können.

Für dieses Politikmodell war der Verlauf des Deutsch-Dänischen Krieges von 1864 ein signifikanter Rückschritt, entwickelte sich der Kampf gegen Dänemark um Schleswig-Holstein doch schon bald zu einer primär preußisch-österreichischen Angelegenheit unter Ausschluss aller anderen deutschen Staaten. Der Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges gehörte zu den letzten großen historischen Ereignissen, deren Zeitzeuge Maximilian wurde. Dessen Beendigung im selben Jahr erlebte er schon nicht mehr. König Maximilian II. von Bayern starb am 10. März 1864 in München.

Spätestens sieben Jahre später war die Triasidee obsolet. Die Könige von Bayern verloren durch die Gründung des Deutschen Reiches die Souveränität, ein Umstand, über den Maximilians Sohn und Nachfolger, der sich in der Tradition des Sonnenkönigs Ludwig XIV. sah, nie hinwegkam.

 

Schreibe einen Kommentar