Eine Welt für sich

 Von Maren Schönfeld

 Zu Elfi Witts Geschichten aus dem Pflegeheim

Späte Erkenntnis
Späte Erkenntnis

Wenn man in der Tages- oder Wochenpresse etwas über Altenheime und die dortigen Zustände liest, handelt es sich meistens um Horrorgeschichten von verwahrlosten, unterernährten hilflosen Senioren, kaltherzigen Pflegern und nur auf Kostenreduzierung ausgelegte Verwaltungspolitik. Erfreulicherweise ist die Sammlung kurzer Geschichten von Elfi Witt ganz anders ausgefallen. Der Autorin gelingt es, Defizite aufzuzeigen, ohne dass Sensationslust oder auch nur Verurteilung durchklingt. Sie zeigt unaufgeregt und mit Empathie für alle Beteiligten die Schwierigkeiten auf, wenn demente Menschen sich nicht mehr zurechtfinden und ihre Bezugspersonen, die Pflegerinnen, versuchen, ihnen die letzte Lebensphase so schön wie möglich zu machen. Das entbehrt manchmal nicht einer gewissen Komik. Da hört eine Bewohnerin Stimmen, man gibt ihr Beruhigungsmittel – aber ob sie wirklich verrückt ist?  Die junge Protagonistin Hanna und der in Pension befindliche Polizist  Werner Schulze sind zwei zentrale Figuren, die abwechselnd in den Geschichten auftauchen. So wird aus der Sicht eines ganz jungen Menschen, der dort arbeitet, erzählt und aus der Perspektive des alten Herrn, der im Heim lebt. Zwischen diesen Blickwinkeln spielt sich ein Alltag ab, in dem Krankheit und Tod zu den täglichen Herausforderungen zählen. Dennoch verliert der Tod seinen Schrecken nicht, auch nicht für das routiniertere Pflegepersonal. Dieses hat sich teilweise mit verständnislosen und beschwerdefreudigen Angehörigen abzuplagen, die nur sehen, was gerade nicht gut läuft, wenn sie mal für eine Stunde am Wochenende vorbeischauen. Stellenweise kann man beim Lesen den Eindruck gewinnen, dass die Angehörigen bedürftiger sind als die Pfleglinge. Elfi Witt thematisiert die Selbstbestimmtheit der Betagten, die Gratwanderung zwischen Hilfe und Bevormundung, das Schwinden der Kräfte – aber auch die lebenserfahrene Pfiffigkeit der Senioren, deren Sorge umeinander und die zarten Beziehungen, die sich in der kleinen Welt des Heims abspielen. Schulze – in Miss Marple-Manier – ist derjenige, der sich betont unauffällig neben der Hydrokulturpalme in den Sessel setzt, beobachtet und der Lösung des Falles am schnellsten auf die Spur kommt; sehr zum Ärger des noch im Dienst befindlichen Kollegen, der immer gerufen wird, wenn ein Todesfall Klärungsbedarf aufweist. Der Humor bekommt dem Buch gut, er ist realistisch und gleichzeitig hilft er, die sehr berührenden Momente, besonders um die Person der jungen Hannah, aufzufangen. Elfi Witt kommt aus der Branche und das ist den Geschichten auf wohltuende Weise anzumerken. Sie zeichnet Bewohner und Betreuer mit allen Facetten und Tagesformen, wie es natürlich ist, und mit allen erfreulichen und abträglichen Ereignissen, die damit zusammenhängen. Die Autorin hat eine Lektüre vorgelegt, die nachdenklich werden lässt, aber keinen Horror vor dem Heim (und letztlich vor dem eigenen Alter) weckt; die Defizite aufzeigt, aber auch in Erinnerung ruft, dass doch letztlich nur Menschen diese Struktur am Leben halten, die nicht unfehlbar sind. Daran darf man bei der nächsten Sensationspresse gern mal denken.

 

Elfi Witt
SPÄTE ERKENNTNIS
Die etwas anderen Geschichten aus dem Pflegeheim
ISBN 978-3-939771-35-7
120 Seiten, EUR 8,95
Als eBook EUR 6,99
elbaol verlag hamburg

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haiku-Gesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.

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