Macht es Lust, ist es gut

Von  Maren Schönfeld

Zum Lyrikband „Bitterleichte Lyrik“ von Volker Maaßen

Reim ist out, weil wir Herz und Schmerz genug gehört haben, weil Reim niedlich ist und nicht in unsere Zeit passt, in der es den Dichtern obliegt, in radikalen Worten auf Missstände hinzuweisen. Da passt kein Reim.
Reim ist out, aber nicht mehr ganz so out wie vor – sagen wir – zehn Jahren. Das haben wir nicht zuletzt den Slam-Poeten zu verdanken, die keineswegs niedlich und lustig, sondern sehr radikal und rhythmisch penibel gerade die nicht niedlichen Themen zu betexten pflegen. Wenn ich es recht bedenke, fällt mir da noch Rühmkorf ein, mir fällt Gernhardt ein und es lohnt auch ein Gedanke an Jan Wagner oder Alex Dreppec. Nein, Reim ist wohl doch nicht so out. Vielleicht ist er schon fast wieder in, und warum sollte man nicht mal aufhören mit der unsäglichen Diskussion, ob man reimen darf oder nicht und wenn ja, auf welche Weise.
Die Weise, in der Volker Maaßen seine lässig daherkommenden Reime platziert, ist jedenfalls lesenswert. Nein, er ist kein Slam-Poet, aber er hat die reale satirische Ader der unverklärten Dichter. Nein, er ist kein Romantiker, aber seine Sensitivität ist durchaus  zwischen den tragikomischen Zeilen spürbar. Seine Metrik lullt nicht ein, denn er spielt mit den Hebungen und Silben derart, dass jedes Gedicht für sich einen eigenen Klang entfaltet. Beherzt lässt er hier und da Reimwörter aus, kürzt Reimzeilen auf ein Wort ein und schafft dadurch Dynamik, die zum lauten Lesen anregt – was unbedingt zu empfehlen ist.
Das Buch beginnt beim Nabel des Dichters, im buchstäblichen Sinne, aber wer nun denkt, die folgenden ca. 130 Seiten seien eine Nabelschau, der irrt: Ausgehend von den ersten, die fragilen inneren Bewegungen des Autors spiegelnden Poems, irrlichtert Maaßen in scheinbar spielend leichter Weise durch unsere Zeit und Gesellschaft, streift Themen wie die Globalisierung und schafft es, ja, Missstände zu benennen – innere wie äußere – und das ist tiefer als bitterleicht, dass ist sarkastisch galgenhumorig und setzt Widerhaken.
Fabel-hafte Anklänge entstehen durch die absurd-liebenswerten Tiere wie z. B. das Neunauge, die er gleichnishaft auftreten lässt und die teilweise allzu menschliche Züge tragen. Aber Volker Maaßen überzieht an keiner Stelle eins der Stilmittel, er findet stets die richtige Gewichtung. Reime bleiben schnell im Kopf und diesen Umstand macht Maaßen sich vor allem bei den „Schieflagen“ (Kap. VI) zunutze. Er belegt, dass Reime an keiner Stelle banal sein müssen. Dem widerspricht nicht, dass der Dichter, seine wortspielerischen Fähigkeiten ausschöpfend, sich manchmal bis an den Rand des Kalauers vorwagt, vornehmlich im vierten Kapitel „Wortspiele“ von insgesamt sieben Kapiteln.
„Das Gedicht hört seinem Leser zu“, sagte Hilde Domin, und für Volker Maaßens Poesie trifft dies zu. In besonderem Maße für die Poems des letzten Kapitels, die zwischen Schmunzeln, Erkennen und ein bisschen Sehnsucht den Leser dicht an den Verfasser – oder doch eher zu sich selbst? – führen:

 

Stein am Meer

Wenn ich allein
aus dieser Welt entschwinde
binde ich mein Wort
an einen Stein
am Meer
mehr kann es
auch nicht sein

 eine Zeile
bleibt
noch eine Weile
oder schweigt

(S. 139)

Das Buch ist von Lisa Maaßen farbig illustriert worden. Die Bilder greifen die Stimmungen der Gedichte auf und sind dennoch eigenständige Kunst und kein Beiwerk. Offen genug für Interpretationen des Betrachters, angesiedelt zwischen Symbolismus und Expressionismus, öffnen sie eine weitere Ebene, die mit den Gedichten interagiert.

Volker Maaßen hat seinen lesens- und beachtenswerten ersten Lyrikband vorgelegt, der nicht nur Lesevergnügen garantiert, sondern den zu studieren sich auch deshalb lohnt, weil er Form und Inhalt auf so gekonnte und ansprechende Weise zu verknüpfen vermag. Wer eine Portion bissigen Humor, gepaart mit hoher Sensibilität und einem beachtlichen Sprachvermögen schätzt, dem macht das Buch Lust. Und das ist gut.

(Titelzeile dieses Beitrags: aus dem Gedicht Es ist schon gut, S. 125)

Volker Maaßen: Bitterleichte Lyrik (mit Illustrationen von Lisa Maaßen und einem Vorwort von Barbara Sichtermann), elbaol verlag hamburg, 148 S., € 11,95

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.

2 Gedanken zu „Macht es Lust, ist es gut“

  1. Ich liebe gute Reime – schon immer und auf ewig. Die Virtuosen der Sprache, das sind auch reimende Lyriker – wie könnte es anders sein, dass ich das schreibe, denn ich reime ja und MUSS den Reim verteidigen 🙂
    Da sieht der Mensch wieder einmal, wie persönlich und individuell Literarisches aufgenommen wird. Schön, dass Volker Maaßen reimt!
    Liebe Grüße, Deine Johanna

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