Ein einziges Kommen und Gehen

erschienen in der PAZ

Von Dr. Manuel Ruoff

In Zentralafrika gehören Regimewechsel zur Tagesordnung – Demokratische Legitimierung war bislang sekundär

Geht man der Frage nach, was der Gewinn der Souveränität den Bundesbürgern bislang gebracht hat, so lässt sich konstatieren, dass die ehemaligen Siegermächte sich vorher damit begnügt hatten, dass die Kriegsverlierer ihren Imperialismus finanziell und wirtschaftlich unterstützen, während sie nun auch Soldaten erwarten. Frankreichs Interesse zielt dabei nicht zuletzt auf den Nordwesten Afrikas im weiteren Sinne, den es als seinen Hinterhof betrachtet. Immerhin war dieser Teil des Schwarzen Kontinents bis zur Dekolonisation überwiegend französisches Kolonialgebiet. Das gilt für Mali (siehe Folge 44/2012) ebenso wie für Zentralafrika.

Frankreichs Herrschaft auf dem Territorium der heutigen Zentralafrikanischen Republik begann damit, dass die Franzosen in der heutigen Hauptstadt Bangui 1889 einen Militärposten errichteten, von dem aus sie in dem nachfolgenden halben Jahrzehnt das umliegende Land unter ihre Kontrolle brachten. 1910 vereinigten die Eroberer Ubangi-Schari, wie sie das heutige Zentralafrika nach den beiden großen Flüssen Ubangi und Schari nannten, mit dem Territorium der heutigen Staaten Gabun, Republik Kongo und Tschad zur Kolonie Französisch-Äquatorialafrika.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewährten die Franzosen den Afrikanern 1946 ein beschränktes Mitbestimmungsrecht einschließlich Repräsentanz in der französischen Nationalversammlung. Als Abgeordneter Ubangi-Scharis zog dabei Barthélemy Boganda in das Parlament des Mutterlandes ein. Als 1958 Ubangi-Schari autonome Republik wurde, wurde Boganda deren erster Premierminister. Die Erlangung der Souveränität 1960 erlebte der Ministerpräsident nicht mehr. Er kam ein Jahr vorher bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

So wurde sein Vetter und Nachfolger als Regierungschef David Dacko im sogenannten Afrikanischen Jahr als Folge der Erlangung der Souveränität erster Präsident der Zentralafrikanischen Republik, wie Ubangi-Schari mittlerweile hieß. 1966 wurde Dacko durch seinen Cousin Jean-Bédel Bokassa weggeputscht. Spätestens die Unterstützung dieses Mannes durch Frankreich zeigt, wie wenig die französische Politik zumindest in diesem Raum von ethisch-moralischen Motiven und westlichen Werten geprägt ist. Bokassa hatte Züge eines schwarzen Nero. Grausamkeit mit persönlicher Beteiligung an der Folterung und Liquidierung von Gegnern wird ihm ebenso nachgesagt, wie sein Handeln einen Hang zum Größenwahn vermuten lässt.

Bis 1963 hatte er es unter Dackos Herrschaft bis zum Stabschef gebracht. Sein Rang Oberst war der Regimentsstärke der zentralafrikanischen Streitkräfte angemessen. Nach seiner Machtergreifung machte er sich jedoch erst zum Brigadegeneral, 1970 zum General, 1971 zum Generaloberst und 1974 schließlich zum Generalfeldmarschall. Sein Vorbild war niemand Geringeres als Napoleon. Wie dieser ließ er sich erst 1972 zum Präsidenten auf Lebenszeit ausrufen und anschließend 1976 zum Kaiser. Die bombastische Kaiserkrönung entbehrte jeder afrikanischen Tradition und war ganz am napoleonischen Vorbild orientiert, einschließlich Selbstkrönung. Die Kosten standen in keinem Verhältnis zur Armut und Größe des Staates. Organisiert und auch maßgeblich bei der Realisierung unterstützt wurde der angeblich über 20 Millionen US-Dollar teure Staatsakt von Franzosen.

Truppen Frankreichs, darunter Fremdenlegionäre, waren es denn auch, die Bokassa nach seinem Putsch 1967 ins Land gerufen hatte, um seine Herrschaft abzusichern, um seinen Staat zu stabilisieren, wie man es wohl heute formulieren würde. Dafür überließ Bokassa dem ehemaligen Mutterland und der nunmehrigen Schutzmacht Uran für dessen Force de frappe. Als besonders eng galt Bokassas Verhältnis zu dem französischen Präsidenten ab 1974, Valéry Giscard d’Estaing. Ob der spätere Präsident des Europäischen Konvents und Karlspreisträger sich dabei von Frankreichs Größe oder den ihm vom Kaiser geschenkten Diamanten leiten ließ, sei dahingestellt.

Allerdings erfolgte noch in der Präsidentschaft d’Estaings der Bruch. Möglicherweise hatte der Imperator den Bogen überspannt, als er 1979 auch noch Kinder verfolgen ließ, die dagegen protestierten, teure Schuluniformen tragen zu müssen, deren Herstellerfirma einer seiner 17 Ehefrauen gehörte. Einen Staatsbesuch des

Cäsars nutzten die Franzosen für einen Putsch. In einem Handstreich neutralisierten Agenten des französischen Auslandsgeheimdienstes SDECE und Elitetruppen der Fünften Republik die kaiserliche Garde und brachten die Hauptstadt mit der kaiserlichen Residenz unter ihre Kontrolle. Wenigs­tens reichte die Verbundenheit des ehemaligen Mutterlandes zum ehemaligen Günstling noch so weit, dass es ihm in einem unweit seiner Hauptstadt Paris gelegenen Schloss ein einem (Ex-)Kaiser standesgemäßes Exil gewährte.

Neuer Herr Zentralafrikas von Frankreichs Gnaden wurde Bokassas Vorgänger Dacko, der sich wieder mit dem Amt eines republikanischen Präsidenten begnügte. Dackos abermalige Herrschaft wurde zwar 1981 in nicht lupenrein demokratischen Wahlen bestätigt, doch wurde er noch im selben Jahr weggeputscht, diesmal von André Kolingba. Dessen Verfassungsentwurf erhielt 1986 92,22 Prozent der Stimmen und dessen Einheitspartei RDC ein Jahr später sämtliche Sitze im Parlament. Mit dem Ende des Kalten Krieges endete jedoch die Möglichkeit (afrikanischer) Diktatoren, die Supermächte gegeneinander auszuspielen, und so sah er sich 1993 gezwungen, sich demokratischen Wahlen zu stellen. Mit 12,1 Prozent erreichte er nur den vierten Platz.

Sieger und neuer Präsident wurde Ange-Félix Patassé. Bei den Präsidentschaftswahlen 1999 konnte dieser sich erneut gegen Kolingba durchsetzen. Allerdings wurde er ähnlich wie weiland Bokassa 2003 während eines Auslandsaufenthalts weggeputscht. In seinem Falle war es während einer Konferenz in Niger. Neuer starker Mann der Zentralafrikanischen Republik wurde François Bozizé.

Bozizé hat zwar weder auf demokratischem Wege die Macht errungen noch selbige auf demokratischem Wege verteidigt. Aber dafür sprechen aus Sicht der westlichen Wertegemeinschaft seine Gegner für ihn. Ei­ner­seits hatte er Patassé unterstützt, als es darum ging, gegen antifranzösische Kräfte im eigenen Lande vorzugehen. Andererseits hatte Patassé sich libyscher Unterstützung bedient, um seine Angriffe abzuwehren. Insofern ist es verständlich, dass der Westen nichts tat, als Bozizé Patassé stürzte, aber weit weniger entspannt auf die Entmachtung Bozizés durch die muslimische Rebellengruppe Séléka im vergangenen Jahr reagierte. Der mit Hilfe der Rebellengruppe an die Macht gelangte Michel Djotodia musste auf Druck der Zentralafrikanischen Wirt­schafts­gemeinschaft (CEEAC) am 10. Januar dieses Jahres seinen Platz räumen.

Bis zu Neuwahlen, die in einem Jahr stattfinden sollen, soll nun Catherine Samba-Panza die Geschicke des Staates leiten. Für die erfolgreiche Geschäftsfrau und Firmenanwältin, spricht zwar aus französischer Sicht, dass sie Jura in Frankreich studiert hat, aber ob von den mittlerweile über einem halben Dutzend Regimen der französischen Ex-Kolonie gerade ihres derart legitim ist, dass es den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldaten zu dessen Sicherung und Wahrung lohnt, sei dahingestellt.

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