Theodor Heuss: Antitypus des »hässlichen Deutschen«

erschienen in der PAZ

Von Dr. Manuel Ruoff

Vor 50 Jahren starb Deutschlands erster Bundespräsident »Papa Heuss«

Wohl kein anderes deutsches Staatsoberhaupt entsprach so wenig dem Klischee des Staatsrepräsentanten mit Pomp und Glorie wie „Papa Heuss“. Damit war er wohl der rechte Mann zur rechten Zeit, denn jedes gegenteilige Verhalten hätte angesichts der Machtlosigkeit Deutschlands und der Bundesrepublik nur allzu leicht unfreiwillig komisch gewirkt.

Zu Theodor Heuss’ Erfolgsrezept gehört sicherlich, dass er derart weitgehend dem von den Alliierten in zwei Weltkriegen gezeichneten Bild des hässlichen Deutschen widersprach und es damit zu konterkarieren half. Er war nicht militaristisch; er war kein Junker, noch nicht einmal preußisch oder adelig; er war kein Vertreter des „deutschen Sonderweges“; er stand nicht für die kleindeutsche Lösung der deutschen Frage unter preußischer Führung; er war nicht zackig. Vielmehr wirkte er extrem gemütlich, „unverkrampft“, um es mit dem Lieblingswort seines späteren Nachfolgers Roman Herzog zu sagen. Heuss hat – wie Konrad Adenauer – nie in seinem Leben gedient und verkörperte den schwarz-rot-goldenen, stark vom Westen geprägten, großdeutschen, südwestdeutschen Liberalismus. Er war kein Vertreter des kleindeutschen angeblich semifeudalen Reiches, das der den Alliierten verhasste Preuße Otto von Bismarck in den Einigungskriegen mit Blut und Eisen geschaffen hatte. Stattdessen verkörperte er die Tradition der demokratischen, bürgerlichen, statt von Soldaten eher von Intellektuellen getragenen deutschen 48er Revolution, die ihre Wurzeln in der Französischen Revolution desselben Jahres hatte und die Wahl einer Trikolore als Erkennungszeichen ebenfalls vom Nachbarn im Westen übernommen hatte.

Statt wie ein Soldat wirkte Heuss eher wie ein Bohemien. Und das kam nicht von ungefähr. In Heuss steckte ein Künstler und wäre der Begriff nicht schon durch Vaclav Havel besetzt, könnte man von ihm als Dichterpräsidenten sprechen. Tatsächlich hat Heuss gedichtet, aber auch andere Künste betrieben. Noch bis in die Studienzeit herein war unklar, ob er nicht gar die Kunst zu seinem Beruf macht.

Aber da war noch der andere Theodor Heuss, der homo politicus und der begeisterte Anhänger von Friedrich Naumann. Schon als Kind faszinierten ihn dessen liberale und soziale Gedanken. Den ersten seiner wahrlich sehr vielen Artikel schrieb Heuss für Naumanns Wochenzeitschrift „Die Hilfe“. Zum Doktorvater wählte er sich einen Nationalökonom und Sozialreformer, der ebenfalls in der „Hilfe“ publizierte und auch ansonsten Naumann nahestand: Lujo Bren­ta­no. Dessen „Verbindung von entschiedener Sozialpolitik und liberaler Weltanschauung“ beeinflusste Heuss aufs stärkste. Brentano war es denn auch, der den unentschlossenen Heuss schließlich dazu bewegte, die Kunst als Hobby zu betreiben und in Volkswirtschaftslehre abzuschließen.

Heuss’ Abschlussarbeit, eine Dissertation über den Weinbau und den Weingärtnerstand in Heilbronn, zeugt allerdings weniger von der linksliberalen Gesinnung, die ihn mit Brentano und Naumann verband, als von seinem Lebensstil. Der am 31. Januar 1884 in Brackenheim geborene Schwabe aus bildungsbürgerlichem Hause genoss es erklärtermaßen, bei abendlicher Arbeit am Schreibtisch eine Brasil-Zigarre und einen guten Rotwein zu konsumieren. Heuss kultivierte sein Image. Dazu passt seine Erzählung, dass er einmal zu Adenauer gesagt habe: „Sie haben Anlagen, aus denen man einen Renaissance-Menschen entwickeln könnte; bei mir würde es nur zu einem Menschen des späten Biedermeier langen.“

Diese Gemütlichkeit kam auch im Ausland gut an. Denn was man insbesondere bei den Siegermächten nicht wollte, war der Deutsche, der sich notfalls mit Gewalt seinen Platz an der Sonne erkämpft. Beliebter war da schon der Michel, der die politische Macht anderen überlässt und sich mit Fleiß und Genügsamkeit auf den Auf- und Ausbau seines privaten kleinen Glücks konzentriert.

Dass Heuss so gar nicht dem Klischee des hässlichen Deutschen entsprach, hat ihm sicherlich die Ausübung des Präsidentenamtes und die Wiederwahl 1954 erleichtert. Aber dass er dieses Amt überhaupt 1949 erhielt, hat er eher einem anderen zu verdanken: dem des FDP-Bundesvorsitzenden. Nicht nur einmal in der Geschichte der Bundesrepublik ging der Bildung einer Regierungskoalition eine entsprechende Bundespräsidentenwahl voraus. Bei Heuss war es auch so. Die erste Bundestagswahl hatte eine bürgerliche Mehrheit erbracht. Das Ergebnis war eine Koalition aus Union, FDP und Deutscher Partei. Noch bevor mit Konrad Adenauer der Parteivorsitzende des Wahlsiegers und Koalitionsführers zum Kanzler gewählt wurde, erhielt der Vorsitzende des zweitwichtigsten Koalitionspartners das protokollarisch zwar höher stehende, aber politisch einflussärmere Amt des Bundespräsidenten. Nach der zweiten Bundestagswahl wechselte die FDP zwar in die Opposition, aber Heuss wurde im darauffolgenden Jahr mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigt.

Ähnlich wie später beim US-Präsidenten Ronald Reagan wurde auch bei Heuss überlegt, ob man die Verfassung beziehungsweise das Grundgesetz ändert, um eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Heuss hat mit dem ihm eigenen Humor verfassungspolitisch dagegen argumentiert: „Man dürfe das Grundgesetz nicht ändern, weil gerade ein netter Mann auf dem Markt sei.“ Zur vollen Wahrheit gehört allerdings auch, dass er die Idee einer dritten Amtszeit durchaus erwägenswert fand, dass für die dafür nötige Grundgesetzänderung aber die SPD hätte mitspielen müssen und von der blieben entsprechende Signale aus. So verließ Heuss 1959 mit dem Ende der zweiten Amtszeit die Villa Hammerschmidt. Vier Jahre später, am 12. Dezember 1963, starb der Schwabe in der Hauptstadt seines Heimatlandes Baden-Württemberg, in die er sich nach seiner politischen Laufbahn zurückgezogen hatte.

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