„Relatively Speaking“ – das neue Stück im English Theatre of Hamburg

Von Uta Buhr

Alan Ayckbourn wartet mit halben Wahrheiten auf:

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Willst du mich heiraten?

Es gibt Theaterstücke, die nie altern. Eines dieser ewig jungen Stücke  ist Alan Ayckbourns Komödie „Halbe Wahrheiten“ (englischer Titel „Relatively Speaking). Es ist ein Verdienst der beiden Gründer des English Theatre – Robert Rumpf und Clifford Dean – nicht nur modernes Theater auf die Bühne an der Mundsburg zu bringen, sondern von Zeit zu Zeit auch vom Publikum heiß geliebte „Dauerbrenner“ neu zu inszenieren.

Bevor der Vorhang sich öffnet, ertönen aus dem Off Ohrwürmer aus den sechziger Jahren des letzen Jahrhunderts. Und auch das Bühnenbild vermittelt jenes Lebensgefühl des Vorabends der Achtundsechziger, als die Welt von jungen Menschen mit revolutionären Ideen  völlig auf den Kopf gestellt wurde. Das  Londoner Einzimmer-Apartment, in dem Ginny und Greg an einem sonnigen  Morgen des Jahres 1967 erwachen, lässt an Spießigkeit nichts zu wünschen übrig. Abgewetzte Möbel in tristen Farben bilden die Einrichtung, ergänzt von schlaffen, grell gemusterten Vorhängen. Das grüne Telefon mit der Wählscheibe erheitert zwei junge Zuschauer dermaßen, dass sie leise kichernd fragen, was denn das  für ein vorsintflutliches Teil sei. Tempi passati. Die Zeiten der totalen Vernetzung durch PC, i-phone und facebook lagen noch in ferner Zukunft.

Was Alan Ayckbourns Komödien  – speziell „Halbe Wahrheiten“ – auch heute noch so spannend und sehenswert macht, sind nicht nur die geschliffenen Dialoge, die er seinen Protagonisten in den Mund legt. Das ewig Menschliche der Figuren ist sein Hauptanliegen. Er nimmt unsere Schwächen ebenso hellsichtig wie humorvoll aufs Korn und hält uns allen einen Spiegel vor. Denn – Hand aufs Herz – klammern wir uns nicht allzu gern an Halbwahrheiten und Notlügen, wenn es uns an den Kragen geht?  Der Autor ist ein großartiger Psychologe, ähnlich wie sein Landsmann William Shakespeare, dem eine herrlich tiefsinnige Komödie nach der anderen aus der Feder floss.

An dieser Stelle stürzen wir uns mitten hinein in diese Komödie der Irrungen, Wirrungen, halben und ganzen Wahrheiten. Die kaum dem Teenager entwachsene Ginny – zauberhaft von der aparten Waliserin Charlotte Croft dargestellt – und ihr  Freund Greg kennen sich zwar erst seit Kurzem. Doch ihre Beziehung steht bereits jetzt auf dem Prüfstand. Wer ruft pausenlos bei Ginny an und legt den Hörer auf, wenn Greg antwortet? Ja, und wer schickt der hübschen Rothaarigen ständig riesige Blumensträuße und noch größere Pralinenschachteln? Und woher kommen die Pantoffeln in Übergröße, die unter Ginnys Bett lagern? Ihre Erklärungen sind so unglaubwürdig, dass selbst den verliebten Greg tiefste Zweifel befallen. Steckt etwa ein Liebhaber hinter Ginnys Geheimniskrämerei? Um weiteren Fragen zu entgehen, verkündet Ginny, sie wolle über das Wochenende ihre Eltern in einem Dorf der Grafschaft Buckinghamshire – kurz Bucks. – einen Besuch abstatten. Eine tolle Gelegenheit für Greg, Ginnys Altvorderen um ihre Hand zu bitten. In den Besitz ihrer Adresse ist er durch eine achtlos weggeworfene Zigarettenschachtel gekommen, die Ginny mit  Telefonnummer und genauer Ortsangabe bekritzelt hat.

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Wer ist hier nun wer?

Der nächste Akt entführt uns in die liebliche englische Provinz mit saftig grünen Wiesen und blühenden Rosenhecken. Eine heile Welt, in der Philip und Sheila ein Ehepaar in den besten Jahren, ein ebenso beschauliches wie langweiliges Leben führen. Selbst der Gutgläubigste hat derweil erkannt, dass es sich hier nicht etwa um Ginnys Eltern handelt, sondern – erraten – um Ginnys Chef und Liebhaber und dessen ahnungslose  Ehefrau. Im traumhaften Garten des ergrauten, sich in der Midlife Crisis befindlichen Philip und der trotz ihrer Jahre immer noch attraktiven Sheila beginnt nach dem Eintreffen von „Tochter“ Ginny ein Verwirrspiel ohnegleichen. Sheila, die Ginny für die Mitarbeiterin ihres Mannes hält, ist erstaunt über deren jugendliche Frische. Denn Philip hatte stets seine Sekretärin als ältliches Fräulein dargestellt. Ihren Höhepunkt erreicht die Komödie, als Greg auftaucht, in der ehrlichen Absicht, Ginnys Eltern um die Hand ihrer Tochter zu bitten. Hier überschlagen sich die Ereignisse mit so witzig-skurrilen Dialogen, die das Publikum zu lang anhaltenden Lachsalven hinreißen. Philip glaubt, dass Greg seine ihm angetraute Ehefrau Sheila entführen und heiraten will. Sheila ihrerseits versteht gar nichts mehr und vermutet, ihr Gatte habe sich bei der Gartenarbeit einen Sonnenstich zugezogen. Oder hat er vielleicht zu tief ins Glas geschaut?  Nachdem Greg klar gemacht hat, dass er Ginny, die vermeintliche Tochter des Paares, zu heiraten beabsichtigt, kommt der übel gelaunte Philip,  gespielt von einem hinreißenden James Walmsley, richtig in Fahrt. Er, der ältliche Liebhaber, fühlt sich in seiner Ehre gekränkt und beschreibt Ginny als abschreckend hässliches junges Mädchen – übergewichtig mit Zahnspange und leichtem Silberblick. Die Botschaft: Das hast du nun davon, wenn du mir Schluss machen willst!  Ein Alphatier wie er gibt niemals klein bei. Da er eine Geschäftsreise durch ganz Europa plant, möchte er seine Ginny, die in Gregs Augen seine Tochter, in denen von Sheila immer noch seine Sekretärin ist,  mit auf diese Reise nehmen.

Ginny und Greg verabschieden sich und verlassen das Haus von Philip und Sheila – versöhnt und glücklich –  in Richtung Bahnhof. Zurück bleibt das Ehepaar. Inzwischen hat auch Sheila die Zusammenhänge durchschaut. Sie weist ihren Mann auf das zurück gelassene  corpus delicti – die Pantoffeln –  hin. Die entpuppen sich indessen nicht als Philips , deren Futter rot und nicht rehbraun war. Heißt das etwa, dass Ginny noch einen weiteren Liebhaber hatte?  Während Philip völlig ratlos zurückbleibt, verschwindet Sheila mit einem geheimnisvollen Lächeln und einem gehauchten: „Möchtest du wissen, wem sie gehören?“ im Haus.  Alles klar? Dieser Schluss ist typisch für den Menschenkenner und -versteher Alan Ayckbourn. Wie üblich führt er uns mit seinem totalen Durchblick aufs Glatteis und wartet mit einem überraschenden Ende auf.

 

Ein wunderbarer Abend vor einem total ausverkauften Haus. Das begeisterte Publikum ließ es sich nicht nehmen, die Schauspieler fünf Mal mit kräftigem Applaus auf die Bühne zu rufen.

Mit von der Partie war wieder die großartige Jan Hirst, die wir schon in hochdramatischen Rollen im TET gesehen haben. Man erinnere sich nur an ihre Darstellung der gestrengen  Nonne in John Patrick Shanleys Drama „Doubt“ (Zweifel). Wir freuen uns über Dale Monie als Greg. Bleibt zu hoffen, dass dieser attraktive, begabte  Mime bald wieder auf der Bühne des TET auftreten wird.

Eigentlich erübrigen sich lobende Worte über Alan Ayckbourn. Dennoch – der Mann gilt als der einfallsreichste lebende Theater-Autor Großbritanniens. Wenn er auch mit „Relatively Speaking“ 1967 ganz groß herauskam, so erwiesen sich andere Stücke aus seiner Feder  – u.a.  „Seasons Greetings“, „Man of the Moment“ und „Bedroom Farce“ – ebenfalls als internationale Publikumserfolge. 1997 wurde er von der britischen Königin für seine Verdienste um das Theater zum Ritter geschlagen. Mehr geht nicht.

„Relatively Speaking“ läuft bis einschließlich 8. Februar 2014.  Karten wie üblich unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Mass Appeal“ von Bill C. Davis am 20. Februar 2014

Der gleichnamige Film feierte mit Hollywood Star Jack Lemmon in der Hauptrolle große Erfolge.

  

 

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