Mehr als nur der persönliche Referent von Otto Braun

erschienen in der PAZ

Von Dr. Manuel Ruoff

Herbert Weichmanns Weg vom Mitarbeiter des preußischen Ministerpräsidenten zum Regierungschef Hamburgs führte über das Exil

Der am 23. Februar 1896 im oberschlesischen Landsberg geborene Sohn einer jüdischen Arztfamilie sollte nach dem Willen des Vaters bei der Berufswahl die Familientradition fortsetzen. Wie viele andere Wandervögel meldete sich auch Herbert Weichmann nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig und wurde als Medizinstudent Sanitäter. Schließlich wurde er jedoch der Familientradition untreu und wechselte 1919 das Studienfach. Nun studierte er in Breslau, Frankfurt und Heidelberg Jura. 1921 promovierte er.

Da war er bereits politisch aktiv. In der Novemberrevolution wurde er Soldatenrat. Nachdem er vorher schon in deren Studentengruppe tätig gewesen war, wurde er 1920 Sozialdemokrat. Für einen politisch interessierten Juristen nicht untypisch, verdiente sich Weichmann nach dem Studium sein Brot im Journalismus, bevor er 1926 Landrichter in Breslau wurde.

1927 holte der preußische Ministerpräsident Otto Braun seinen Parteifreund ins preußische Staatsministerium. Damals kam Weichmann bereits beruflich mit Hamburg in Berührung, allerdings nicht als dessen Interessenvertreter. Eher war das Gegenteil der Fall. Denn er war auf der preußischen Gegenseite an der Aushandlung des Preußisch-Hamburgischen Hafenvertrages von 1928 beteiligt. In der Endphase der Weimarer Republik 1932/33 war Weichmann persönlicher Referent Brauns. Er selber schreibt über diese Zeit: „Für meine eigene politische Tätigkeit war Otto Braun ein Lehrmeister auf vielen Gebieten.“

Ob seiner jüdischen Abstammung und seines sozialdemokratischen Parteibuchs bildete die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten für ihn eine besonders tiefe Zäsur. Er wurde aus dem Staatsdienst entlassen und emigrierte. Das erste Ziel war die sudetendeutsche Heimat seiner 1928 geheirateten Ehefrau Elsbeth Greisinger. Von dort ging es noch im selben Jahr weiter nach Paris. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nun wieder als Journalist.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der französischen Niederlage war Frankreich kein sicheres Exilland mehr und das Ehepaar floh 1940 über die neutralen Staaten Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten. Bereits vorher in die USA emigrierte Freunde und Verwandte erleichterten den Weichmanns die Integration.

Weichmann hatte zu dieser Zeit, wie er sich später äußerte, „die Nase voll vom politischen Engagement“ und wechselte in die Wirtschaft, über die er zuvor als Journalist nur berichtet hatte. Er wurde Wirtschafts- und Steuerberater.

Entscheidender noch als dieser Berufswechsel wurde für Herbert Weichmanns Nachkriegsschicksal die Freundschaft mit Max Brauer. Im Rahmen der Verhandlungen um den Preußisch-Hamburgischen Hafenvertrag hatte Weichmann bereits mit dem damaligen Oberbürgermeister von Hamburgs preußischer Nachbarstadt Altona zu tun gehabt. Zu Freunden wurden die beiden allerdings erst im französischen Exil. Nachdem Brauer 1946 aus den USA an die Elbe zurückgekehrt und Erster Bürgermeister Hamburgs geworden war, zu dem seit 1938 auch Altona gehörte, holte er 1948 Weichmann nach. Der Wirtschafts- und Steuerprüfer wurde nun Präsident des Rechnungshofs. Neun Jahre später holte Brauer Weichmann auch in den Senat, als Finanzsenator. Weichmann war wieder politisch engagiert.

Brauers direkter Nachfolger wurde Weichmann nicht. Das wurde 1961 Paul Nevermann. Als aber dieser 1965 über eine außereheliche Beziehung stolperte, schlug Weichmanns Stunde. Bei seiner Wahl zum Senatspräsidenten war er bereits fast 70 und galt nur als Übergangskandidat. Korrespondierend mit seinem Alter stand der durch ein preußisches Staatsverständnis geprägte Jurist und vormalige Beamte der antiautoritären Rebellion der 68er mit Unverständnis und Ablehnung gegenüber.

Während zeitgleich die Linke die Politisierung der Kommunalpolitik forderte und deren Ideologisierung betrieb, definierte der konservative Sozialdemokrat an Hamburgs Regierungsspitze die Aufgaben eines Stadtoberhauptes als eher pragmatisch. So sind seine Taten als Regierungschef politisch wenig umstritten und konzentrieren sich vor allem auf die Förderung des Wirtschaftsstandortes Hamburg zur Hebung des Wohlstands der ihm anvertrauten Mitbürger.

Nach einer für einen vermeintlichen Übergangskandidaten doch recht beachtlichen Amtszeit von sechs Jahren trat Weichmann 1971 als Hamburgs Regierungschef zurück. Wenn er auch aus seinen Bedenken gegenüber der Annäherung seiner Partei an die 68er unter Willy Brandt kein Hehl machte, kam es doch nicht zum Bruch mit ihr, wurde der Hamburger Ehrenbürger vielmehr bis an sein Lebensende am 9. Oktober 1983 als „elder statesman“ über die Parteigrenzen hinweg geehrt.

Manuel Ruoff

Schreibe einen Kommentar