In Memoriam Anna Bardi

Von Uwe Friesel

Anna Bardi und ihre literarischen Werke

Unser verstorbenes Mitglied Anna Bardi
Unser verstorbenes Mitglied —- Anna Bardi

Am 16. Oktober 2013 wäre Anna 75 Jahre alt geworden. Fast ein halbes Jahr lang wusste sie, dass sie bald sterben würde. Sie kämpfte bis zum Schluss und versuchte, ihre drei letzten Projekte, die Video-Text-Kassette „Liebe, Leben, Zeit und Vergänglichkeit“, das Szenario „Puca in Ohlsdorf“ und schließlich die Ausgabe ihrer eigenen Stories und Kurztexte noch fertig zu bekommen. Falls sie selbst es nicht mehr konnte, sollte ich es für sie erledigen. zu diesem Zweck bezahlte sie all die komplizierten Druckverfahren und Kopierkosten für die DVD’s im voraus. So ging es für mich darum, diese Projekte aus dem hinterlassenen Material aufzubereiten und bis zur Druckreife voranzutreiben. Bis zur Veranstaltung In Memoriam Anna Bardi am 17. Oktober 2013 im Logensaal der Kammerspiele, organisiert von der HAV, war alles fertig außer dem Geschichtenband. An dem sitze ich noch.

Anna war in vieler Hinsicht singulär. Zunächst hatte sie Schreinerei und klassisches Ballett gelernt, dann Innenarchitektur und Kunst studiert, schließlich malte sie, verfertigte seltsam elegante Lampen und Kunstobjekte aus Industrieschrott und altem Holz, drehte Videos und schrieb literarische Texte. Leider lernte ich sie erst vor sieben Jahren kennen, sonst wären aus unseren vielen Gesprächen sicherlich noch mehr gemeinsame Unternehmungen hervorgegangen. So wurden es nur die drei Buchprojekte und eine Reise nach St. Petersburg in Sachen Kunst und Literatur,, die uns einander näher brachten.

Der Schriftsteller Uwe Friesel stellte im Logensaal der Hamburger Kammerspiele Anna Bardis literarischen Nachlass vor.
Der Schriftsteller Uwe Friesel stellte im Logensaal der Hamburger Kammerspiele Anna Bardis literarischen Nachlass vor.

Sowie eben jene tückische Krankheit Krebs: Sie hatte mir Unterkunft und Gastfreundschaft geboten, nachdem ich im Oktober 2006 im UKE operiert worden war und fast drei Wochen stillliegen musste, ehe ich zurück nach meinem damaligen Wohnort Stockholm fliegen konnte.

Eines Abends hatten wir, in Ermanglung brauchbarer Fernsehprogramme, zusammen eine Kassette mit dem berühmten Film „Mein Freund Harvey“ angesehen. James Stewart spielt darin einen freundlichen Whisky-Trinker, der einen großen unsichtbaren weißen Hasen namens Puca zum Freund hat. Wirklich, man sah ihn nie, obwohl es doch ein Film war. Nur am Wehen der Vorhänge oder dem Zuklappen einer Tür konnte man erkennen, dass dieser Puck soeben ins Haus eingestiegen war oder es verlassen hatte. Die lieben Bekannten einschließlich der Schwester sehen den ganzen Film lang keinen weißen Hasen, erklären Stewart für verrückt und wollen ihn in ein Irrenhaus einweisen. Allerdings landet die Schwester dort, irrtümlich. Doch der grundgütige Stewart kann die Ärzte nicht nur von ihrem Normalsein, sondern auch von der Existenz Pucas überzeugen…

Anna und ich waren sofort überzeugt und forschten nach weiteren Indizien. Sein Name (auch Puka oder Phooka oder Poika, fanden wir heraus) entstammt der keltischen Mythologie. Wie die Derwische unternimmt Puca seit undenkbaren Zeiten ausgedehnte Zeitreisen, oft in Tiergestalt. Bei Shakespeare heißt er Puck und treibt im „Sommernachtstraum“ Schabernack im Dienste Oberons. Ein vielseitiger Kobold. Auf Segelschiffen kennt man ihn als Klabautermann.

Warum, fragte da Anna, ist er unsichtbar? Wäre er nicht viel akuter, wenn man ihn wirklich sehen könnte?

Puca in Ohlsdorf
Puca in Ohlsdorf

Diese ebenso einfache wie geniale Überlegung war die Geburtsstunde von Bardis Prof. Puca  (Sidney) mit dem abgeschabten kleinen Lederkoffer, den Knickohren und den Knopfaugen. So nahm er jedenfalls in ihrem Eimsbütteler Kelleratelier Gestalt an. Parallel dazu entstand in meinem Kopf Prof. Pukas Biographie, nachzulesen in der Anthologie „Literarische Spaziergänge auf dem Ohlsdorfer Friedhof“ und im Szenarium „Puca in Ohlsdorf“.

Die „Literarischen Spaziergänge“ haben tatsächlich in Zusammenarbeit mit der HAV auf dem Ohlsdorfer Friedhof stattgefunden, zwischen 2006 und 2009 insgesamt drei. Die darauf basierende Anthologie versammelt Texte von vierundzwanzig Hamburger Autoren. Sie erinnern an dort begrabene Kollegen und Kolleginnen, die sie einst persönlich gekannt hatten oder zu deren Werk sie noch immer in besonderer Beziehung stehen. Allerdings, der weit ausgreifende  Essay von Prof. Puca (Sidney) über den niederdeutschen Dramatiker Fritz Stavenhagen muss wohl als Gastbeitrag betrachtet werden. Ich habe ihn aus dem Englischen übersetzt.

Es ist ein ziemlich einzigartiges Buch über letzte Ruhestätten, durch das der weitläufige Ohlsdorfer Friedhof gewissermaßen lebendig wird, hierin dem St. Petersburger Künstler-Friedhof „Neropol masterov iskusstv“ vergleichbar, wo Prof. Puca seinen ersten großen öffentlichen Auftritt hatte. Auch war auf beiden Friedhöfen die Installation „Café der toten Dichter“ von Anna aufgebaut. Aber ich will davon nicht zu viel verraten. Sie können alles in dem Buch „Puca in Ohlsdorf“ nachlesen.

Spaziergänge auf dem Ohlsdorfer Friedhof
Spaziergänge auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Der von Annas schwedischer Freundin Birgitta Sjöblom bibliophil gestaltete Schuber „Leben, Liebe, Zeit und Vergänglichkeit“ versammelt neue Texte von neun verschiedenen Autoren. Dazu enthält jedes der Bändchen, die hier in den Farben des Regenbogens beisammen stehen, eine DVD, auf der jeweils der betreffende Autor auf zweiundzwanzig Fragen Auskunft gibt. Die Fragen sind alle gleich, die Antworten naturgemäß grundverschieden. Dass die neun überhaupt geantwortet haben, ist Annas Kommunikationstalent geschuldet. Sie hat die Interviews auf eigenwilligen Schwarzweiß-Videos festgehalten, für die sie eigens ein kleines Studio in ihrer verwunschenen Wohnung in Eimsbüttel am Weiher einrichtete.

Schuber Anna Bardi
Schuber Anna Bardi

Bei der Veranstaltung In Memoriam Anna Bardi haben wir von diesen neun Autoren die Antworten auf zwei Fragen, nämlich nach Glück und Unglück, auf die Leinwand projiziert. Und haben dann auch Prof. Puca samt Lederköfferchen mittels Beamer durch den Ohlsdorfer Friedhof streifen lassen, auf der Suche nach Annas Botschaft an einem geheimen Ort. So vereinten sich Melancholie und Leichtigkeit, Abgründiges und Humor zu einem wunderschönen Abend des Gedenkens. Zumal Gino Leinweber zum Schluss noch die beste von Annas Geschichten vorlas, „Menschsein in Eimsbüttel“. Viele der Zuhörer haben hinterher Annas besondere Bücher gekauft. Sie wäre zufrieden gewesen, denke ich. Auch darüber, dass sie nun weiterhin lieferbar sind.

Literaturnhinweise:

Anthologie „Literarische Spaziergänge auf dem Ohlsdorfer Friedhof“, Hamburger Autoren erinnern an tote Kollegen, Hrsg. Anna Bardi, 152 Seiten mit 25 Original-Textbeiträgen, illustriert mit Fotos, Zeichnungen und Lageskizzen, ISBN 978-3-944200-36-1, Jeudi Verlag UG Simander / Wendland <www.jeudi-verlag.de>, Buchhandelspreis EUR 15,00

Bibliophiler Schuber „Liebe, Leben Zeit und Vergänglichkeit“, Hrsg. und Videos Anna Bardi, 9 Bde. von 9 Autoren plus 9 DVD’s, ISBN 978-3-944342-00-9, jmb Verlag Hannover <www. jmb Verlag.de>, Buchhandelspreis 59.95 EUR

„Puca in Ohlsdorf“. Ein Szenario. ISBN 978-3-944342-26-9, jmb Verlag Hannover <www. jmb Verlag.de>, Buchhandelspreis 7,95 EUR

Website von Uwe Friesel

 

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