Harte Männer, zarte Mädel – oder war es ganz anders?

Beobachtungen am Rande des Eier mit Speck- Festivals 2013 in Viersen

Von Dr. Wolf Tekook

Wenn die Musikfreunde der Republik zu Festivals strömen, ist der tiefe Griff der professionell Kommentierenden in die Klischeekiste vorprogrammiert: Martialisch kostümierte Rocker versuchen erfolgreich, mit dem Sound ihrer Harleys den Lärmpegel selbst Kilometer um das Festival- Gelände ins Unerträglich zu steigern. Sex, drugs and Rock’n’Roll werden nicht nur theoretisch diskutiert, sondern handfest öffentlich praktiziert. Der genervte Normalo meidet den Ort des Geschehens aktiv und intensiv, Polizei, technisches Hilfswerk und einige der auf Samariterpfaden wandelnden Notfallhelfer arbeiten nonstop am Rande der Erschöpfung, während die Dezibels von der Bühne Trommelfelle im Akkord reißen lassen.
Dass Klischees nicht immer der Wahrheit entsprechen, konnten die Besucher des heuer zum sechsten Mal veranstalteten Eier mit Speck– Festivals in Viersen erleben.

Der Name ist Programm: Fester Bestandteil des alljährlich am letzten Juliwochenende stattfindenden Festivals ist für alle Gäste ein Frühstück mit Kaffee, Brötchen sowie Rührei mit Speck. Geduldig reihen sich die Besucher in der langen Schlange vor dem Festivalgelände ein, um vor akustischen Erlebnissen den Bauch zu füllen. Diese Mahlzeit ist im Ticketpreis inbegriffen. Die Stimmung der Speisenden ist friedlich ausgelassen.

Die Müllbändchen
Die Müllbändchen

Ein Mitarbeiter des professionell und freundlich auftretenden Sicherheitsdienstes berichtet dem in der Schlange auf das Frühstück wartenden Rezensenten, dass schon in aller Frühe Mitarbeiter der Stadt Viersen die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Eiermasse kontrolliert hätten: „Um den Speck kümmern sie sich kaum, aber beim Ei sind sie sehr kritisch – und das ist gut so.“ Überhaupt: Die Sicherheitskräfte. In einheitlich schwarzen Hosen und T- Shirts sind sie überall, aber unaufdringlich zur Stelle, wenn es etwas zu regeln gibt – bei der Eingangskontrolle, vor der Bühne, selbst vor den sanitären Einrichtungen stehen sie bereit, um Hilfestellungen zu geben oder ordnend einzugreifen.

Selbst wenn man am frühen Morgen nach dem ersten Festivaltag über das Areal wandert, fällt auf, wie wenig Müll auf dem Boden liegt. Des Rätsels Lösung sind die gelben Bändchen mit der Aufschrift Müllpfand, die die meisten Besucher an ihren Unterarmen tragen. Jeder, der einen Zeltplatz betreten will, bekommt ein solches Bändchen im Tausch gegen Bargeld. Wer sein Geld zurückhaben möchte, muss eine blaue, bis oben gefüllte Mülltüte mitbringen. Diese einfache Maßnahme sorgt dafür, dass das Festivalgelände stets proper erscheint. Zwar stöhnt ein gerade Erwachsener, dass er gar nicht so viel Müll finden kann, um den Sack zu füllen, doch er weiß sich zu helfen: Einer der vielen herumstehenden Abfallbehälter liefert das begehrte Entsorgungsmaterial, wenn der Boden es nicht mehr hergibt. Der junge Mann weiß Bescheid: „Viersen hat vor einiger Zeit einen Preis als sauberste Stadt bekommen. Seither achten sie noch mehr als früher auf Sauberkeit.“

Zeltmusik
Zeltmusik

Zwei junge, noch etwas müde Damen berichten einander, wie aufregend die Nachfeier auf einem der vier Zeltplätze war. Zwei Amateurmusiker hatten mit Stimmen und Gitarre für gute Laune gesorgt. Ein kleines Kinderplanschbecken ermöglichte die äußere Abkühlung vor Ort, während mitgebrachte Getränke für die innere Befeuchtung sorgten.

Eine Andere erzählt stolz, dass sie nach dem Bühnenauftritt einer neuseeländischen Band intensiven Kontakt zu den Musikern bekam. Da sie selbst ein Jahr im fernen Land verbracht hat, gab es viele Anknüpfungspunkte.

Während die Letzten ihr Frühstück ausklingen lassen, beginnt die Musik. Eine Nachwuchsband aus dem benachbarten Grevenbroich – sie nennen sich City Light Thieves –  bearbeitet Gitarren und Stimmbänder aufs Äußerste. Noch wirken die Bewegungen etwas ungelenk, einstudiert, aber sie haben den ersten Auftritt auf großer Bühne. Nach einigen Titeln werden sie lockerer. Der reichliche Applaus entschädigt sie für ihr Lampenfieber.

Seit dem ersten Festival vor sechs Jahren wird Nachwuchsmusikern immer wieder Gelegenheit gegeben, ihr Können vor Publikum zu zeigen. Eine Besucherin weiß Bescheid: „Eine Band, die vor zwei Jahrfen hier aufgetreten ist, hat es danach sogar bis in die charts geschafft.“

Ohrenschutz
Ohrenschutz

Der große Platz vor der Bühne füllt sich, als die nächste Band ihren Auftritt hat. Die Sonne meint es sehr gut mit den Besuchern; die ersten Männer beginnen, sich ihrer T- Shirts mit langen Namenslisten von früheren Festivalbesuchen zu entledigen. Es sind reichlich Kinder vertreten bei diesem Familienfest. Meist sind die empfindlichen Ohren der ganz jungen Gäste mit voluminösem Lärmschutz geschützt. Ihre Mienen verraten, dass sie Spaß haben.

Vor der Bühne zucken Schultern und Beine. Eine Männergruppe tanzt im Kreis und versucht, sich gegenseitig aus dem Rund zu stoßen. Ein Mädchen wirft sich wagemutiger Miene in das Getümmel und kreischt vor Freude. Die Bierstände erfreuen sich regen Zuspruchs, ohne dass es zu langer Wartezeit kommt. Hier zahlt sich aus, dass die Zahl der Festivaltickets im Vorverkauf auf 5000 begrenzt ist. Wer sich spontan zu einem Tagesbesuch entscheidet, zahlt deutlich mehr. Wie Mitorganisator Christoph Tappesser erklärt, soll Eier mit Speck nicht so schnell wachsen, dass die Organisation darunter leidet. Dennoch kommen jedes Jahr mehr Besucher; in diesem Jahr wurden 4 Zeltplätze und zwei Parkbereiche für Wohmobile bereitgestellt. Für Zelten und Wohnwagenplatz wird keine Extragebühr erhoben.

Am Rand des Festivalplatzes reihen sich neben Getränkekiosken einige Verkaufsstellen, in denen T- Shirts und Essen angeboten werden. Eine Holländerin, die handgearbeitete Kleidung anbietet, berichtet, dass Eier mit Speck das einzige Festival außerhalb ihres Heimatlandes ist, das sie regelmäßig ansteuert: „Die Leute sind so nett hier!“

Zweitnutzen
Zweitnutzen

Im Publikum nimmt die Zahl der Selbstdarsteller zu. Ein hagerer Bärtiger tanzt ausgelassen im langen weißen Hochzeitskleid, dessen untere Ränder langsam die Farbe des Bodens annehmen. Eine Frau hat sich auf die Rückseite der Oberschenkel kleine rote Teufelshörner gemalt, die bei jeder Bewegung anders unter den kurzen Jeans herausragen. Natürlich ist auch die Rockerkluft deutlich vertreten; deren Trägern sieht man an, dass sie den Status des Urgesteins erreicht haben: Lange graue Haare, Bärte in derselben Farbe, Gesichter wie Landschaften, die verraten, dass ihre Besitzer schon zu Woodstock- Zeiten aktiv waren. Aufwändige Jacken mit in Leder gebrannten Zeichnungen und Symbolen verraten, dass es die Wilden der früheren Jahre inzwischen zu einem ordentlichen Wohlstand gebracht haben. Doch auch die in Metallketten Gewandeten sind nicht weniger friedlich als die übrigen Besucher. Andere feiern in ihrer Alltagskleidung. Sie tanzen, stehen oder sitzen in Gruppen zusammen. Es ist ein fröhliches Familienfest – generationenübergreifend.

Als es Abend wird, vermischt sich der Duft von Menschen, Nahrung und Zigarettenrauch mit dem etwas süßlicheren Duft betörender Pflanzen. Die Bräuche der Festivalkultur sind auch in dieser Beziehung nur wenig geändert. Die großen Bands haben ihre Auftritte, die Stimmung steigt. Nachdem die letzte Zugabe eifrig beklatscht wurde, ziehen sich die Besucher in ihre Zelte oder Wohnwagen zurück. Wer nahe genug wohnt, geht zu Fuß nach Hause oder bestellt ein Taxi. In einem Punkt sind sich alle einig: Für das nächste Eier mit Speck– Festival werden die Karten frühestmöglich geordert.

Die Fakten

 

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