Zum Tode von Walter Jens

Von Hans-Peter Kurr

Größen von Gesten –  Zum Tode von Walter Jens – Ein persönlicher Abschied

Er war mein letzter noch lebender Lehrmeister, bis er vor zwei Tagen – neunzigjährig – auf die andere Lebensebene hinüberwechselte, endlich erlöst von dem schweren Leiden, das ihn – ausgerechnet ihn, dem wohl glänzendsten Denker seit Lessing in der deutschsprachigen Theater- und Literaturwelt – vor Jahren bereits seiner rhetorischen und intellektuellen Brillianz beraubte: die Demenz.

Wer das Glück hatte wie der Chronist, Jens in seinen verschiedenen Funktionen zu erleben  –  als Rhetoriklehrer, Hochschulprofessor (Er gründete und besetzte den ersten Lehrstuhl für allgemeine Rhetorik an der Uni Tübingen), Bühnenautor, Übersetzer altgriechischer Stücke, als Präsident des PEN-Zentrums der BRD, als einen der letzten „homme de lettre“ seiner Generation,  als Romancier, Hörspielautor, als Präsident der Berliner Akademie der Künste, als Produktionsdramaturgen bei Inszenierungen seiner Stücke wie „Der Untergang“ am Deutschen Theater in Göttingen (Inszenierung: Harry Buckwitz) oder des sophokleischen „Oedipus Rex“ mit eigens geschriebener Rahmenhandlung vor dem Nouveau Palais Friedrichs des Grossen in Potsdam (Inszenierung: Hans-Peter Kurr) – ja als Fußballfan, als protestierenden Atomkraftgegener oder auch als Erholungssuchenden auf der Insel Sylt, stets mit seinen Schülern in tiefreichende Gespräche während stundenlanger Sommerspaziergänge vertieft – wer als Mitglied der nächsten Generation das mehrfach im Jahr an seiner Seite miterleben und von ihm lernen durfte, mag sich als reicher beschenkt wissen denn durch jeden anderen Menschen!

Danke, Herr Professor! Requiescas in pace !

Ihr ergebener und dankbarer Schüler Hans-Peter Kurr

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