Hans-Ulrich Klose zieht sich aus der Politik zurück

Von Johanna Renate Wöhlke

Hans-Ulrich Klose

Hans-Ulrich Klose hat am 28. Mai 2013 in Hamburg Harburg auf einer Veranstaltung der AWO bekannt gegeben, dass er nicht mehr für seinen alten Wahlkreis Harburg für den Bundestag kandidieren wird. Das ist ein guter Anlass, sich zu erinnern. In diesem Fall bezieht sich die Erinnerung auf einen Beitrag einer Serie, die ich vor 16 Jahren für das Hamburger Abendblatt/Harburger Rundschau geschrieben habe. Darin habe ich Prominente nach den Spielen ihrer Kindheit gefragt. Hans-Ulrich Klose hat im Interview nicht nur interessantes aus seiner Kindheit und Jugend erzählt, sondern darin auch Fäden gespannt zu seiner Entscheidung, in die Politik zu gehen und warum. Hier also der Beitrag von vor 16 Jahren. Damals war Hans-Ulrich Klose Bundestags-Vizepräsident.

Womit haben Sie als Kind gespielt?

Eine Gruppe kleiner Jungen läuft auf einem Friedhof hinter einem Beerdigungszug her, beobachtet was geschieht, stellt den Zug nach. Am Wegesrand pflücken die Jungen Löwenzahnblüten und werfen sie später auf das Grab. Wirklichkeit und Spiel mischen sich in dieser Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod im spielerischen Kontakt mit Trauer, Tränen, Spannung und Lachen. Der kleinste in dieser „Gang“ heißt Hans-Ulrich Klose.  Er hat ein an Grenzerfahrungen reiches politisches Leben vor sich: als Mitglied des Bundestages für die SPD, ihr Schatzmeister, Fraktionsvorsitzender, Erster Bürgermeister Hamburgs, jetziger Bundestagsvizepräsident und auch Vorsitzender der AG 60 Plus, der Seniorenorganisation der SPD.

An die Kindheit erinnert und erzählt – vor 16 Jahren im Interview mit dem Hamburger Abendblatt

Spielen als kleiner Junge, damals in seiner Geburtsstadt Breslau und als Sechsjähriger, ab 1943 evakuiert nach Bad Landeck im heutigen Polen, das bedeutete immer spielen in der Gruppe, in Gemeinschaft mit vielen Kindern. Diese Kindheitserfahrung hat Hans-Ulrich Klose nachhaltig geprägt: „Wir waren immer viele. Einige, mit denen man umging, so auch mein vier Jahre älterer Bruder, haben die jüngeren natürlich auch gedeckelt. Wir mussten einstecken, aber wir haben auch gelernt, nicht gleich von jetzt bis zur nächsten Sekunde aufzugeben.“

Spielen bedeutete immer spielen mit den Dingen, die es im Haus, der Nachbarschaft und Umgebung gab – nicht mit Spielzeug. Der Bauernhof gegenüber, der Sattler und Schmied daneben, sie waren das wirkliche Leben, aber auch die Spiel- und Beobachtungsfelder. Zuschauen und nachspielen waren angesagt, kreativ umgehen mit den Dingen, die es gab oder selbst gebastelt werden konnten.

Da wurden zwei Jungen zu Pferden, einer zum Wagen, ein anderer zum Kutscher. Da waren die nicht voneinander abgegrenzten Gärten ein Revier, das wie eine Wildnis durchschlängelt und durchstöbert werden konnte, und die Äpfel und Kirschen in Nachbars Garten immer wieder begehrte Ziele von Streifzügen. Gemeinsam pflückten die Kinder auch Beeren oder sammelten Pilze im Wald.

Hans-Ulrich Klose: „In unserer nicht wie heute so medial bestimmten Kinderwelt mussten wir kreativ mit den Dingen umgehen, die wir hatten.“ Umso mehr als zwischen 1944 und 1946 wegen des Krieges kein Schulunterricht stattfand. Dann wurde auch der Krieg im Spiel imitiert: Soldat zu sein, spannende Straßenkämpfe.

Zoff in der Gruppe, das gab es natürlich auch. Hans-Ulrich Klose erinnert sich mit gemischten Gefühlen daran, besonders aus einem Grund:  Er war bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr mit Abstand der Kleinste! „Kann sein, dass ich deshalb ein kleiner Terriertyp war, denn ich musste mich immer behaupten und kämpfen“, meint er heute.

Angenehm ist ihm die Erinnerung an den Vater, einen Lehrer. Er las an langen Winterabenden unter anderem auch  aus dem Schimmelreiter und aus Pole Poppenspeeler vor. Unverzichtbar waren auch Ballspiele in der kirchlichen Jungschar oder auf der Straße.  „Wo ein Ball ist, ist Klose!“, klingt es heute noch in seinem Ohr. „Ich war ein guter Tischtennisspieler“, erinnert er sich. Heute spielt er noch Tennis.

Geprägt durch die Spiele der Kindheit war auch sein erster kindlicher Berufswunsch: Sattler. Als Gymnasiast erwachte dann sein Interesse für Geschichte und Archäologie. Er wechselte sogar das Gymnasium, weil er Altgriechisch lernen wollte. Durch das Herstellen und Binden eigener kleiner Bücher zog es ihn kurzfristig auch zur Buchbinderei. Als er dann Abitur machte, wäre er gerne als Offizier Pilot geworden, schwankte dann zwischen den Fächern Germanistik, Englisch und Geschichte, entschied sich aber aufgrund der Lektüre des Buches „Einführung in das juristische Denken“, das ihm sein Vater gegeben hatte, für das Jurastudium.

Vorher aber geschieht im Jahr 1954 der entscheidende Einschnitt im Leben des jungen Klose: Er geht als Austauschschüler in die USA. Danach ist er nicht nur zwanzig Zentimeter gewachsen, sondern auch sein Interesse für Politik ist durch die Berührung mit der amerikanischen Demokratie und dem beeindruckenden Wohlstand des Landes erwacht. Dabei war die Entscheidung zwischen SPD und FDP zu Anfang nicht klar, obwohl der Vater SPD Mitglied war. Doch am 1. März 1964 trat er dann in die SPD ein. Klose: „Mein Vater war so klug,  mir nur wenige Ratschläge zu geben. Einer davon war: Wenn du nicht willst, dass die roten oder braunen Banausen es machen, mach es selbst. Mit roten Banausen meinte er die Stalinisten.“

Klose nennt fünf Punkte für seine Entscheidung, in die SPD einzutreten: die Spiegel Affäre, den amerikanischen Präsidenten Kennedy, sein Interesse für Geschichte, „die rationale Einsicht, dass die SPD eine ungebrochene demokratische Tradition hat“, und „dass die Freiheitsrechte unserer Verfassung nur umgesetzt werden können, wenn die materiellen Bedingungen stimmen“. Vor allem auch wollte er seinen eigenen Beitrag leisten, selbst etwas tun, mit eigenen Vorstellungen mitgestalten, „auch wenn mein Beitrag noch so klein sein würde“ und wenn es wie früher in der Gemeinschaft der spielenden Kinder eine Gratwanderung bedeutete, zwischen gedeckelt werden, einstecken müssen, durchhalten und nicht aufgeben.

Spielerisch begleitet hat ihn dabei seit dem zweiten Jurasemester ein Kartenspiel mit dem Namen „Stichling“. Dabei kommt es darauf an, vor jeder Runde vorauszusagen, ob man den nächsten Stich bekommen wird oder nicht. Ein Spiel mit drei bis sechs Personen, angesiedelt zwischen Glück und Berechnung. Alle vier Klose Kinder spielen es, die Familie und Freunde. Klose hat es ihnen beigebracht.

Miteinander, gemeinsam in der Gruppe etwas zu tun und auch zu spielen, Hans-Ulrich Klose scheint es immer noch zu mögen.

Fotos: JRWöhlke

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