Prämenstruelles Syndrom, Zyklusstörungen & Co. in Forschung und Praxis

 Von Götz Egloff

Pressemitteilung der Studiengemeinschaft für dermatologische, gynäkologische und andrologische Psychosomatik Heidelberg (SDGAP)

Menstruationsbeschwerden

Prämenstruelles Syndrom (PMS) kann auch Premenstrual Dysphoric Disorder (PMDD) sein

Zyklusstörungen, Kopfschmerzen, schlechte Stimmung – Mädchen und Frauen jeden Alters kennen diese Symptome und werden in gynäkologischen, psychosomatischen und naturheilkundlichen Praxen vorstellig. Nicht alles davon ist krankheitswertig – kann es aber sein. Ein paar Stunden PMS lassen sich womöglich noch aushalten, einige Tage im Bett mit starkem Schmerz und tiefen Leeregefühlen allerdings sind durchaus behandlungsbedürftig.

Nicht nur in der Pubertät, die etwa im Lebensalter zwischen 8. und 16. Lebensjahr anzusetzen ist (1), können bereits massive psychosomatische Beeinträchtigungen auftreten; im Gegenteil sind diese hier nicht die Ausnahme, da sich körperliche Abläufe erst einspielen müssen. Auch im jungen und mittleren Erwachsenenalter, aber insbesondere um die Zeit der Menopause herum können starke körperliche und psychische Symptome eine Alltagsbewältigung nahezu verunmöglichen. Auch hier lässt sich mit verschiedensten Interventionen hormoneller, psychoedukativer und naturheilkundlicher Art Linderung verschaffen.

Für das Jugendalter hat Draths (2) den Fall einer 13-jährigen Patientin mit über dreimonatiger Dauerblutung beschrieben, die die skeptische, zuwartende Haltung ihrer Eltern mit vielen Schulfehltagen, starkem Leistungsabfall und einigem Leiden bezahlen musste. Dies ist kein Einzelfall, wie die Autorin des Artikels aus der Praxis weiß. Die seit einigen Jahren implementierte Initiative Mädchen-Sprechstunde ist nicht ohne Grund erfolgreich und stellt eine sehr wichtige Anlaufstelle dar (3), bei der Patientinnen mit körperlichen und psychologischen Anliegen Antworten finden. Und auch das männliche Geschlecht weist immer wieder einmal analoge Problemstellungen auf (4). Das junge und mittlere Erwachsenenalter mit seinen spezifischen Problemfeldern erfordert wiederum ebenso spezifische ganzheitlich-psychosomatisch orientierte Interventionen, die von Cimicifuga racemosa bis zu psychotherapeutischen Interventionen reichen können und die entwicklungs- und lebensstilbedingte Fragestellungen aufwerfen (5)(6). Wichtig erscheint hier, dass eine grundlegende Berücksichtigung individueller und biologischer Rhythmiken hilfreich ist; dies gilt auch für Fragen von Kontrazeption und Sexualität und all derer vielfältigen Implikationen (7)(8).

Die perimenopausale Symptomatik von Hitzewallungen und Unruhezuständen ist hinlänglich bekannt. Mittlerweile gibt es ein breites Angebot von Nahrungsergänzungsmitteln und Phytopharmaka, die ihre Wirkung einmal mehr, einmal weniger nachgewiesen haben, die jedoch von sehr vielen Patientinnen als nützlich erlebt werden. Eine perimenopausale 48-jährige Klientin, die sich vorstellte und um Beratung ersuchte, lieferte einen ganzen Karton an Akten von behandelnden Ärzten und Heilpraktikern ab. Ihre jugendlich-elegante Erscheinung stand in Kontrast zu den, wie sie sagte, starken postmenopausalen Gefühlen von Unwohlsein und andauernden Verstimmungen.

Nachdem die Klientin aufwändige Anamnese-Erhebungen und –Interviews ausgefüllt und durchlaufen hatte und über mehrere Wochen ein Tagebuch zu führen bereit gewesen war, in dem minutiös ihre Tages- und Nachtabläufe festzuhalten waren, hatte sie eine gestörte Schlafarchitektur aufgewiesen, die sie auf Eigeninitiative mit Melatonin und Nahrungsergänzungen reguliert hatte. Es zeigt sich hier, dass sehr individuelle Maßnahmen greifen können.

Auf dem Ende Mai 2013 in Berlin stattfindenden Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) und der International Society of Psychosomatic Obstetrics and Gynaecology (ISPOG) werden Psychosomatiker und Gynäkologinnen referieren, die z.Zt. darum kämpfen, die Prämenstruelle Stimmungsstörung (Premenstrual Dysphoric Disorder PMDD) heraus aus dem Anhang der alten Diagnosesysteme DSM-IV und ICD-10 zu holen, um den Unterschied zwischen alltäglichem und krankheitswertigem Befinden deutlich zu machen (9). Das Plädoyer für einen geschlechtsadäquaten, gender-sensitiven Umgang damit erstreckt sich auch auf psychische und psychosomatische Störungen (10). Noch in diesem Jahr wird das DSM-V erscheinen, die ICD-11 vermutlich in 2015. Hier wird für ca. zwei Jahrzehnte festgeschrieben, was krankhaft ist und was nicht – mit erheblichen Folgen für die Mitglieder von Krankenkassen, die daran entscheiden, welche Therapiekosten sie übernehmen. Ein weites Feld mit jeder Menge Stolpersteine.

Dass noch dazu massive gesellschaftliche Veränderungen konstitutive Veränderungen hinsichtlich Störungsbilder mit sich bringen, wird neben aktuellen gynäkologischen und geburtshilflichen Fragestellungen ebenso Thema des Kongresses sein (11).

Abschließend ist noch einmal wichtig festzustellen, dass Prämenstruelles Syndrom (PMS) und Premenstrual Dysphoric Disorder (PMDD) nicht ein und dasselbe sind und dass es ein Level menstrueller Beschwerden gibt, das nicht einfach einmal im Monat abbuchbar sein muss; chronobiologische Überlegungen (12) sowie psychosomatische Korrelationen von Zyklus und Stimmung (13) verweisen auf notwendige integrative Ansätze in deren Behandlung. Der Natürlichkeitstrend im deutschsprachigen Raum sollte nicht dazu führen, dass notwendige und rechtzeitige Interventionen verschleppt werden – entgegen landläufiger Meinung werden Hormone wie Östrogen nämlich nicht nur im Reproduktionstrakt, sondern auch im Gehirn gebildet (14).

 

(1)   Dolores Foth, Juvenile dysfunktionelle uterine Blutungsstörung – Diagnostik und Therapie bei jungen Mädchen. In: gynäkologie & geburtshilfe (2008): 3 (18-21).

 

(2)   Ruth Draths, Zyklusstörungen im jugendlichen Alter. In: Gynäkologie (2011): 5 (6-9).

 

(3)   Gisela Gille, Die Initiative Mädchen-Sprechstunde. In: Frauenarzt (2005): 46 (388-392).

 

(4)   Götz Egloff, Jugendliche Depression – wie angemessen behandeln? In: CoMed (2010): 16, 7 (6-8).

 

(5)   Götz Egloff & Britta Becker, Defizit- und Lösungsorientierung in der systemischen Psychotherapie. In: CoMed (2011): 17, 3 (66-69).

 

(6)   Götz Egloff, Hysterie – wo ist sie hin? Hysterische Störungen im Dschungel der ICD. In: CoMed (2011): 17, 1 (74-75).

 

(7)   Götz Egloff, Neues vom Langzyklus (Rezension). In: Gynäkologische Endokrinologie (2011): 9 (132).

 

(8)   Götz Egloff, Wirklichkeiten und Möglichkeiten – analytisch-systemische Psychotherapie einer 25-jährigen Patientin mit sexueller Funktionsstörung. In: KONTEXT (2013): 44, 2 (im Druck).

(9)   Teri Pearlstein, Premenstrual Dysphoric Disorder: out of the appendix. In: Arch Womens Ment Health (2010):13 (21-23).

 

(10)  Joy Johnson & Donna E. Stewart, DSM-V: toward a gender sensitive approach to psychiatric diagnosis. In: Arch Womens Ment Health (2010):13 (17-19).

 

(11)  Götz Egloff, Alterations in Postmodernity: Setting up Bulimia nervosa. In: The Brain – The Body – The Society. Abstracts of the 17. International Congress of the International Society of Psychosomatic Obstetrics and Gynaecology (ISPOG), Berlin, 2013.

 

(12)  Jan Fauteck & Imre Kusztrich, Leben mit der inneren Uhr. Econ, Berlin, 2006.

 

(13)  P. Baldinger et al., Hormonersatztherapie und deren Wirkung auf Psyche und Gehirn. In: Nervenarzt (2013): 84 (14-19).

 

(14)  Janine Prange Kiel, Östrogene im Gehirn. In: Gynäkologische Endokrinologie (2011): 9 (8-13).

 

für die SDGAP: Götz Egloff

 

Die Studiengemeinschaft für dermatologische, gynäkologische und andrologische Psychosomatik Heidelberg (SDGAP) wurde im September 2011 gegründet. Zielsetzung ist die Integration psychosomatischen und somatopsychischen Denkens und Handelns in der Medizin insbesondere in den Bereichen Haut, Hormone und Psyche.

 

Kontakt: SDGAP Heidelberg c/o G. Egloff, Bergheimer Str. 87a, 69115 Heidelberg,

sdgap-heidelberg@email.de

 

 

 

 

 

 

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