Die Sünderin und der Teufel: In memoriam Hildegard Knef

Von Uta Buhr

Das hatte noch gefehlt. Der filmischen Biographie mit Heike Makatsch in der Hauptrolle folgte ein Theaterstück über das Leben der legendären Hilde auf dem Fuße. Als einem der bekanntesten und routiniertesten Drehbuchautoren Deutschlands ist es Fred Breinersdorfer und Co-Autorin Katja Röder gelungen, ein ebenso amüsantes wie fesselndes Stück über die Vita des Multitalents Knef auf die Bretter des Ernst-Deutsch-Theaters zu zaubern.

„Berlin trägt Trauer“, verkündet die Stimme eines Rundfunksprechers aus dem Off. „Geliebt, gehasst, bewundert. Doch keinen hat sie – Hildegard Knef – kalt gelassen.“ Als die Diva in einer surrealen Landschaft aus wahllos hin gestreuten weißen Buchstaben, die ihren Namen formen, erwacht,  fühlt sie sich zunächst wie neu geboren. War ihre Einlieferung in ein Berliner Krankenhaus, waren die Schläuche und Injektionsnadeln in ihrem Körper nur ein böser Traum? Als sie den Herrn im flatternden schwarzen Mantel – einer Fledermaus nicht unähnlich – näher in Augenschein nimmt und sich von ihm in ein Gespräch verwickeln lässt, erkennt sie, dass sie sich in einer Art Wartezimmer vor dem Gang ins Paradies oder in die Hölle befindet. Teuflisch sind die Fragen, die der Mann, der sich als Mephisto vorstellt, ihr entgegen schleudert. War es nicht purer Opportunismus, der sie, den aufgehenden Star,  eine Liaison mit einem hochrangigen Nazi eingehen ließ, bevor sie sich gleich nach der Kapitulation einem jüdischen amerikanischen Offizier deutscher Herkunft zuwandte und diesen gar gegen den Willen seiner Eltern heiratete. Wie konnte sie nur mit dem Teufel paktieren!

Mit beißender Ironie entschuldigt sich Hilde dafür, dass sie als damals Siebzehnjährige nicht ins Führerhauptquartier eingedrungen sei, um einen gewissen Hitler eigenhändig zu liquidieren. Wie ein Film läuft das Leben der Knef, in dem es so viele Brüche gab, vor den Augen der Zuschauer ab, unterstützt von einer Sequenz schwarz-weißer Filmaufnahmen, die Hilde in ihrer umstrittensten Rolle, jener der Sünderin im gleichnamigen, Anfang der Fünfziger gedrehten Streifen zeigen. Obgleich sie nur Sekunden hüllenlos dasteht – man muss schon genau hinsehen, um ihre Nacktheit überhaupt wahrzunehmen – löste dieser völlig unbedarfte Film eine Welle der Empörung in deutschen Landen aus. Kein Mensch wird heute noch nachvollziehen können, warum „Die Sünderin“  auf den Index gesetzt wurde.

Das Verhör durch den Teufel, unnachahmlich diabolisch dargestellt von

Peter Cremer, geht gnadenlos weiter. Wie war es seinerzeit in Hollywood, als sie keine angemessenen Rollen erhielt und sich stracks von Ehemann Nummer eins Kurt Hirsch trennte? Insgesamt dreimal war sie verheiratet – in zweiter Ehe mit dem Engländer David Cameron und in dritter bis zu ihrem Tode 2002  mit Paul von Schell, den sie als den warmherzigsten Menschen schildert, dem sie jemals begegnet sei. Doch es gibt kein Entkommen aus dem Verhör mit dem Mann der Hölle. Erinnert sie sich an ihren Zigarettenkonsum, ihre Tabletten- und Alkoholsucht? Und welche fatale Rolle  spielten die Astrologen in ihrem Leben? Kein Gang auf die Bühne ohne Horoskop. Da schüttet sich Mephisto vor Lachen aus. Doch es gab auch Sternstunden im Leben der Diva, die in den USA  unter dem Namen Hildegarde Neff firmierte und am Broadway einen sensationellen Erfolg  in dem Cole Porter Musical „Silkstockings“ landete –  einer Antwort auf den Kultfilm „Ninotschka“, in welchem Greta Garbo einst brillierte.

Nach Deutschland zurückgekehrt, startete die Vielbegabte eine zweite Karriere als Buchautorin und Sängerin. In  regelmäßigen Abständen tritt Judy Winter, die hin- und mitreißende Darstellerin der Knef, vor das Mikrophon an der Rampe und bietet Kostproben aus dem reichhaltigen Répertoire der Chansonnière. „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, klingt fast wie eine Aufforderung an das

Publikum, in den Refrain mit einzufallen. Auch Mephisto Cremer versucht sich als Interpret des Ohrwurms „So oder so ist das Leben.“

Das Duell Diva versus Mephisto endet als Patt.  Auf jeden seiner Frontalangriffe antwortet sie geistesgegenwärtig und schlagfertig, gelegentlich sogar mit rührender Verletzlichkeit. Das vor allen Dingen, wenn die Rede auf ihre Tochter Christina kommt, die sie mit über vierzig Jahren zur Welt brachte. Bleibt zum Schluss die Frage, wo Hilde die Ewigkeit verbringen wird. Auf keinen Fall  im Paradies, das ihr die himmlischen Heerscharen  auf Grund ihres skandalösen Vorlebens vehement verwehren.  Langweilig sei es dort, versichert Mephisto mit Nachdruck,  in der Hölle träfe man weitaus amüsantere Menschen. Namen von Verstorbenen, die sich dort aufhalten,  könne er aus Gründen des Datenschutzes jedoch nicht preisgeben. Und von Höllenqualen mit Feuer, Folter und zwickenden Teufelchen könne gar keine Rede sein. Reine  kirchliche Propaganda, tröstet der Teufel die Diva, ehe der Vorhang fällt.

Für die Regie dieses herrlichen Dialogstückes zeichnet Wolfgang Stockmann verantwortlich.  Das Trio Harry Ermer,  Johannes Huth und Stephan Krause sorgt am Klavier, Schlagzeug und Kontrabass, an der Mundharmonika und am

Vibraphon  für beste musikalische Unterhaltung.

Tickets für „Der Teufel und die Diva“ am Ernst-Deutsch-Theater an der Mundsburg unter der Telefonnummer  040 – 22 70 14 20, www.ticket-online.com oder der Hotline 01805 – 4470

 

 

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