Wie die Westdeutschen wieder auf die Räder kamen

erschienen in der Preußischen Allgemeinen Zeitung

Von Dr. Manuel Ruoff

Die Ausstellung »WirtschaftsWunderWagen« spiegelt nicht nur mit Autos den ökonomischen Wiederaufstieg von 1945 bis 1963 wider

WirtschaftsWunderWagen“ ist der Titel und auch das Thema der neuesten Sonderausstellung im Hamburger Automuseum „Prototyp“. Man merkt der Ausstellung an, dass sie mit Simon Braker von einem studierten Historiker, der auch Kunstgeschichte gehört hat, gemacht wurde und nicht etwa von einem Ingenieur. So stehen weniger Design und Technik im Vordergrund als der Zeitgeist sowie die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des deutschen „Wirtschaftswunders“ in der Nachkriegszeit. Bilder des international bekannten deutschen Fotografen Josef Heinrich Darchinger, Leihgaben des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, führen in das private und politische Leben der Westdeutschen jener Zeit ein. Daneben gibt es auch eine größere Zahl dreidimensionale Exponate, wie man sie damals in den Haushalten von Otto Normalverbraucher vorfinden konnte. Aber auch eine Jukebox und der Originalstern des Hamburger „Star-Club“ sind zu sehen. In einer Ecke ist ein Wohnzimmer nachgestellt einschließlich eines Fernsehers, vor dem man sich in zeitgenössischen Sitzmöbeln Werbefilme der damaligen Zeit ansehen kann. Doch nicht nur fürs Auge, sondern auch für die Nase des Besuchers wird etwas geboten. So bietet eine oben mit einem Schlitz versehene und mit entsprechenden Sanitärartikeln gefüllte Vitrine den „Duft der 1950er Jahre“.

Nichtsdestoweniger stehen natürlich „Wirtschaftswunder“-Wagen, also Autos, im Vordergrund. Chronologisch ist die Ausstellung in die drei Teile „wieder aufbauen“ (1945–1948), „wieder fahren“ (1949–1956) und „wieder leben“ (1957–1963) geteilt. Die Ausstellung transportiert die Botschaft, dass in Nachkriegsdeutschland die Bevölkerung zu arm gewesen sei, als dass sie sich Autos im engeren Sinne für den Privatgebrauch hätte leisten können. Motorisierte Zweiräder seien das höchste der Gefühle gewesen. Zu sehen sind das Motorfahrrad „Mücke“ (1952), eine Vespa 125 (1953) und eine NSU Max (1953).

Aufgrund der Klimaverhältnisse in Deutschland und des langsam Fahrt aufnehmenden „Wirtschaftswunders“ seien diese Zweiräder dann zu Drei- und Vierrädern weiterentwickelt worden. Diese Gefährte bilden einen Großteil der Ausstellung. Gezeigt werden ein Kleinschnittger F 125 (1954), eine Heinkel Kabine (1954), ein Isetta-Cabrio von BMW (1957), eine Mopetta (1957) von Brütsch, ein von vorne wie hinten gleich aussehender Janus 250 von Zündapp (1958) und ein „Tiger“ (1959) von Fahrzeug- und Maschinenbau, Regensburg (FMR), eine Weiterentwicklung des „Schneewittchensarges“.

Autos im engeren Sinne seien als Nutzfahrzeuge der Wirtschaft vorbehalten gewesen. Zu sehen ist neben einem Dreiradlieferwagen von Goliath der VW Plattenwagen von 1946. Dabei handelt es sich um einen kleinen Lastentransporter Marke Eigenbau auf der Basis des VW „Käfer“ (Typ 1), der im VW-Stammwerk Wolfsburg eingesetzt wurde. Er gilt als Stammvater des „Bully“ (Typ 2).

1956/57 setzt die Ausstellung eine Zäsur und lässt den letzten Teil des „Wirtschaftswunders“ beginnen. Der Wiederaufbau und das Fahren zum reinen Zwecke des Transports  haben an Dominanz eingebüßt. Das Leben einschließlich Spaß daran beginnt mit mehr oder weniger Luxus. Es muss nicht mehr alles nützlich sein. Man leistet sich den Luxus, nun auch auf ästhetische Gesichtspunkte Rücksicht zu nehmen und auch für den Privatgebrauch Autos im engeren Sinne zu verwenden.

Wenigstens einen Abglanz des „American way of life“ bietet der Opel Rekord P1 Caravan (1960), eine auf europäische Maße geschrumpfte Kopie der amerikanischen Straßenkreuzer jener Zeit mit Heckflossen, viel Chrom und Panoramascheibe. Urlaubsgefühle erweckt der gerne als Reisegefährt genutzte Samba-Bus (1956) von VW mit seinen vielen Fenstern sowie ein Gespann aus einem VW „Käfer“ (1956) als Zugfahrzeug und einem Wohnwagen vom Typ Fahti Junior 400 (1965).

Doch auch Luxus pur – selbst nach heutigen Maßstäben – gab es wieder auf Westdeutschlands Straßen. Zu bestaunen sind eine offene Isabella (1961) von Borgward und ein ebenfalls offener Mercedes 300 SL (1961) auf der Basis des legendären Flügeltüren-Mercedes sowie ein Mercedes 300 D (1960), der sogenannte Adenauer-Mercedes, der außer vom ersten Bundeskanzler auch vom ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, gefahren  wurde, der seinerseits durch seinen Kopf, eine Leihgabe des Hamburger Panoptikums, vertreten ist. Womit man wieder sieht: eine Ausstellung für Autofreunde – aber nicht nur.

Die Sonderausstellung „WirtschaftsWunderWagen. Fahrzeuge der 1950er Jahre“ ist noch bis zum 7. April im Automuseum Prototyp, Shanghaiallee 7, 20457 Hamburg, Telefon (040) 39 99 69-70, Fax (040)  40 39 99 69-89, E-Mail: info@prototyp-hamburg.de, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintrittspreis einschließlich Aufschlag für die Sonderausstellung  beträgt 12/7,50 Euro.

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