Regent Bayerns in dessen »goldenem Zeitalter«

erschienen in der Preussischen Allgemeinen Zeitung

Von Dr. Manuel Ruoff

Prinz Luitpold regierte das Königreich mit 26 Jahren so lange wie kein anderer – Vor 100 Jahren ist er gestorben

Kein anderer Regent verkörpert bayerische Gemütlichkeit und die „gute alte Zeit“ in dem blau-weißen Flächenstaat, das sogenannte goldene Zeitalter Bayerns, so sehr wie Prinz Luitpold. Vor 100 Jahren ist er in der Hauptstadt München an einer schweren Bronchitis verstorben.

Dass mit Luitpold die genannten Assoziationen verbunden sind, hat sicherlich eine Reihe von Gründen, die zu einem großen Teil, aber nicht ausschließlich in seiner Person liegen. Seine Regierungszeit liegt fast vollständig in der wilhelminischen Ära. Sie war eine Zeit der Prosperität – und des Friedens. Denn während die wilhelminische Zeit im Ersten Weltkrieg endete, was die vielen Jahre des Friedens davor bis heute überschattet, en­de­te Luitpolds Regentschaft 1912, ist also durch keine Kriegsjahre getrübt.

Als Regent eines Bundesstaates des Deutschen Reiches waren seine Möglichkeiten zumindest im Vergleich zu seinen Vorgängern eingeschränkt. Er konnte also weniger falsch machen – und damit auch für weniger verantwortlich gemacht werden.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem „Märchenkönig“ Ludwig II., der sich in der Tradition Ludwigs XIV. sah und dessen Gehabe als Sonnenkönig in einem diametralen Gegensatz zu seiner eingeschränkten Macht im Kaiserreich und im bürgerlichen Zeitalter stand, war Luitpolds präsidialer Regierungsstil angemessen. Dieser passte auch zu der Tatsache, dass der Prinzregent kein Monarch war, sondern nur ein Statthalter, des Königreich Bayerns Verweser, wie sein offizieller Titel lautete. Luitpold genügte das. Im Gegensatz zu seinem Sohn, dem späteren Ludwig III., griff er nicht nach der Krone, machte weder Ludwig II. noch dessen Bruder und Nachfolger Otto den Thron streitig. Selbst die Regentschaft hatte er nach Ludwigs II. Entmachtung nur widerwillig übernommen.

Den bayerischen Prinzen zierte die preußische Tugend der Bescheidenheit. So sehr er sich von Ludwig II. in Selbstverständnis und Selbstdarstellung unterschied, so unterschieden sich doch beide von Ludwig XIV. in ihrem Desinteresse an der Ausübung von Macht. Das Machtvakuum füllten Ministerium und Kabinett, so dass man Ludwig II. wie Luitpold für nur wenige politische Taten verantwortlich machen kann, sicherlich auch ein Grund für die Popularität beider. Bescheiden, wie Luitpold war, traf er politische Entscheidungen nach Möglichkeit nur nach Rück­sprache mit Vertrauenspersonen seiner engsten Umgebung.

Wenn Prinzregent Luitpold auch ungern im politischen Rampenlicht stand, so stand er doch seinen Mann, denn neben Bescheidenheit war Pflichtbewusstsein eine weitere preußische Tugend, die ihm eigen war. So drückte er sich nicht vor der Regentschaft, auch wenn sie mit Anfeindungen verbunden war, denn sein entmachteter Neffe erfreute und erfreut sich bis heute in seinem Land breiter Beliebtheit.

Was die bayerische Gemütlichkeit angeht, so kommen bei Luitpold zu seiner Volkstümlichkeit, seiner Geselligkeit, seiner Leutseligkeit, seiner Natürlichkeit und seinem unaufgeregten, präsidial-bescheidenen Regierungsstil noch der volle Rauschebart und die Tatsache hinzu, dass er trotz seiner langen Regierungszeit von Beginn an ein Regent im Großvateralter war. Als er 1886 die Regentschaft übernahm, war er bereits 65 Jahre alt.

Luitpold scheint ein richtiger Sympath gewesen zu sein. Das muss auch sein Vater so empfunden haben, denn Luitpold gilt als Lieblingssohn König Ludwig I. Am 12. März 1821 kam er in Würzburg zur Welt. Die Auswahl seiner Erzieher spiegelt die Handschrift des Vaters wider. Zu ihnen zählten neben einem Theologen, einem Nationalökonom und einem Juristen auch ein Naturphilosoph, ein Turner und Germanist, ein Philosoph aus dem Kreis um Joseph Görres sowie ein Maler. Wenn Luitpolds Kunstverständnis auch wie sein politisches Talent als begrenzt gilt, so sah er sich doch als Prinzregent in der Pflicht, das väterliche Erbe insoweit fortzuführen, als er wie dieser die Künste in seinem Lande förderte. Es spricht dabei für Luitpolds Toleranz und Bescheidenheit, dass er dabei seinen eigenen Geschmack nicht zum Maßstab machte.

Anders als sein Neffe Ludwig II., der bereits mit 18 Jahren den Thron bestieg, genoss Luitpold eine ordentliche militärische Ausbildung. Sie begann 1835. Im selben Jahr wurde er Hauptmann der Artillerie. In den folgenden 13 Jahren stieg er bis zum Generalleutnant auf. 1856 übernahm er das Kommando über eine Division. 1861 wurde er Feldzeugmeister bei der Armee-Inspektion. Am Deutschen Krieg von 1866 nahm er als Kommandeur der 3. Division teil. Im Anschluss an die Niederlage reorganisierte er, ab 1869 als Generalinspekteur, die bayerische Armee nach dem Vorbild der preußischen Sieger. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde er 1876 Generalfeldzeugmeister mit dem Rang eines Generalfeldmarschalls.

Im Krieg gegen Frankreich hatte er für Bayern im Großen Hauptquartier gesessen. Wie nun Ludwig II. hatte er zuvor auch schon dessen Vorgänger und Vater, seinen älteren Bruder Maximilian II. Joseph, bei offiziellen Anlässen vertreten. Insofern traf es Luitpold nicht völlig unvorbereitet, als er nach der Entmachtung seines Neffen 1886 Regent wurde. Ludwig II. hatte keine Kinder, sein einziger Bruder Otto Wilhelm Luitpold galt damals bereits als geisteskrank und Luitpolds ältere Brüder waren bereits tot. So wurde Luitpold die Aufgabe angetragen, die Geschicke Bayerns zu lenken. Der Tod Ludwigs II. änderte für Luitpold nichts an seinem Status. Otto Wilhelm Luitpold wurde neuer König und er selber übte fortan für jenen Neffen die Regentschaft aus.

Viele Urbayern empfanden Luitpolds Übernahme der Regentschaft als Verrat an Ludwig II. Dabei fühlte er sich diesen durchaus verbunden. Luitpold war nicht preußisch-kleindeutsch, sondern großdeutsch gesinnt. Mit Auguste Ferdinande hatte er sich 1844 eine Erzherzogin von Österreich zur Frau genommen. Die Entrüstung der katholischen Volksbewegung über die Behandlung Ludwigs II. und deren daraus resultierende Verweigerungshaltung trieb Luitpold jedoch in die Arme des preußenfreundlichen Nationalliberalismus. Liberal-konservative Regierungen prägen Luitpolds Regentschaft, so dass in dieser die Integration Bayerns in den kleindeutschen Nationalstaat ungeachtet seiner eigenen Weltanschauung voranschritt. Diese Regentschaft endete am 12. Dezember 1912 mit Luitpolds Tod.

Es scheint paradox: Auf der einen Seite mit Luitpolds Vorgänger als Regent, Ludwig II., ein menschenscheuer, jugendlicher Märchenkönig mit dem Habitus eines Sonnenkönigs und auf der anderen Seite mit Luitpold ein leutseliger großväterlicher, volkstümlicher Staatsrepräsentant zum Anfassen – und trotz dieser Gegensätzlichkeit hat der eine wie der andere im Herzen seiner Bayern seinen festen Platz.         Manuel Ruoff

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