Zugang zur Kultur: Hamburger Kulturschlüssel

Von Johanna Renate Wöhlke

Bärbel Dräger – eine Kulturbegleiterin im Hamburger Kulturschlüssel

„Hamburger Kulturschlüssel“ – ein Angebot von „Leben mit Behinderung in Hamburg“

Bärbel Dräger

Mit dieser Frau möchte ich auch mal gerne ausgehen! Der Gedanke kommt mir gleich nach der ersten Sekunde, denn: Bärbel Dräger hat am helllichten Tag im Advent eine Kerze im Glas vor der Haustür angezündet, um mich zu empfangen. Ich habe mich mit ihr verabredet, weil sie mir etwas über ihre ehrenamtliche Tätigkeit im „Hamburger Kulturschlüssel“ erzählen soll. Dort nämlich geht man miteinander aus: „Kulturbegleiter“ nehmen „Kulturgenießer“ unter ihre Fittiche und begleiten sie zu kulturellen Veranstaltungen aller Art, wenn sie durch Behinderungen nicht in der Lage sind, allein in ein Theater zu gehen, ein Konzert, das Kino, Museen oder Sportveranstaltungen zu besuchen. Die Karten werden von den Hamburger Kulturorganisationen gespendet. Der „Hamburger Kulturschlüssel“ vermittelt die freiwilligen Begleiter und die Freikarten.

Nun gilt meine Aufmerksamkeit einer freundlichen und fröhlichen Frau, deren Charme und wachen Augen ich mich nicht entziehen kann. Die Stiefel aus dem Schnee kann ich am Abtreter vom Schnee befreien und anbehalten. Den Mantel muss ich mit in den zweiten, warmen Flur nehmen, damit er kuschelig warm bleibt. Es geht die Treppe nach oben in ein Zimmer, in dem sie Klavier spielt und auf der Flöte übt.

Dort warten Tee und Kekse, ein bequemer Sitz auf dem Sofa. Aber damit ist der Aufmerksamkeit und fast liebevollen Sorge nicht genug. Es folgt eine Frage, die mir in meinem langen Journalistenleben noch nie vor einem Interview gestellt worden ist: „Brauchen sie Papier und etwas zu schreiben? Ich hätte das da!“ Säße ich nicht, ich verlangte fast sprachlos nach einem Stuhl. Vor mir steht ein Energiebündel. Diesen wachen Augen entgeht nichts und mitdenken scheint angeboren.

Sich Bärbel Dräger sprachlos vorzustellen – unvorstellbar. Sie erzählt, berichtet und erklärt. Ich bekomme auch gleich eine Kostprobe ihrer noch immer nicht verlernten schwäbischen Mundart, nach vielen Jahrzehnten hier in Hamburg, denn als junge Sozialpädagogin kam sie  aus Stuttgart, um in Wilhelmsburg zu arbeiten. Sich zu kümmern und zu sorgen, das scheint ihr im Blut zu liegen.

Musik liegt ihr im Blut

So ist es fast selbstverständlich, dass die sozial engagierte und kulturinteressierte Neugrabenerin und Rentnerin sich auch noch vor zwei Jahren beim „Hamburger Kulturschlüssel“ meldete und anbot, behinderte Menschen zu Kulturveranstaltungen zu begleiten. Seither war sie mit Blinden und Sehbehinderten unterwegs – vom Don Giovanni, Literaturhaus bis zur Kunsthalle, ja Kunsthalle! Kein Problem für Bärbel Dräger, denn dass sie in der Lage ist, einem Blinden Bilder zu beschreiben, daran zweifle ich nicht eine Sekunde. „Es ist immer eine Win-Win-Situation“, meint sie überzeugt, „Außerdem bekommen wir Begleiter eine Freikarte.“

Wenn sie jemanden begleiten soll, bekommt Bärbel Dräger normalerweise fünf Tage vorher Bescheid, man telefoniert und verabredet sich. Entweder holt sie die Menschen Zuhause ab oder ein Treffpunkt wird vereinbart. Nach der Veranstaltung bringt sie ihre Besucher wieder nach Hause zurück. Das alles kann schon einen halben Tag dauern und dann sitzt sie in der vorletzten S-Bahn zurück nach Neugraben. „Ich kenne inzwischen alle Wege, wie man mit Fahrstühlen bequem bis zur Oper kommt“, lacht sie verschmitzt.

Weitermachen? Das ist keine Frage. Sie mag gerade diese Kombination zwischen Kultur und sozialem Engagement. Zusammen mit ihren Ehrenämtern in der Michaeliskirche Neugraben und ihrer Tätigkeit als Senioren-Gymnastiklehrerin beim DRK in Vahrendorf wird sie sich nie über Langeweile beklagen können, und dann ist da noch ihr Hobby, die Musik. Weihnachtliche Musik bekomme ich noch zu hören und bin auch davon begeistert, denn nun spürt man ihr die Gymnastiklehrerin ab, die es fast nicht mehr auf dem Stuhl hält. Ein Tänzchen am Morgen? Wahrscheinlich sprühende Lebensfreude einer Frau, die ihre Energie gerne auch für andere Menschen einsetzt, weil es ihr Freude macht.

 

Gemeinsame Wege zur Kultur

Was ist der Kulturschlüssel?

Der „Hamburger Kulturschlüssel“ ist seit 2009 ein Angebot von „Leben mit Behinderung  Hamburg“, einem Zusammenschluss von über 1500 Angehörigen körper-, geistig- und mehrfach behinderter Menschen. Sein Ziel ist es, den Menschen in Hamburg Zugang zur Kultur zu eröffnen und Inklusion zu fördern. Er war eines von 46 Leuchtturmprojekten im Programm der Freiwilligendienste aller Generationen (FDaG), das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde.  www.hamburger-kulturschluessel.de, Tel: Mo-Do: 12-14 Uhr, 040-412 63 00- 32, E-mail: kulturschluessel@lmbhh.de

 

 

 

 

Fotos: Wöhlke

 

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