Psychotherapiewissenschaft – ein neues, altes Fach geht an die Uni

Von Götz Egloff

– Tagung am Freitag, 12. April 2013 im Hotel Adlon, Berlin –

im Gespräch

Medizin und Philosophie sind seit jeher Wissenschaften von den Zuständen und deren Veränderung gewesen. Die Psychotherapie als Disziplin zwischen jenen Wissenschaften ist folgerichtig sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften beheimatet, wie in letzter Zeit wieder zu lesen war (Rieken, 2012). Es wird nun immer mehr erkannt, dass die Komplexität psychotherapeutischen Verstehens und Handelns ein solides wissenschaftliches Fundament erfordert, das dem Gegenstand gerecht wird (Pritz, 1996; Fischer,  2011). Auch Initiativen, die z.B. psychoanalytisches Denken wieder an die Universitäten bringen wollen, finden mittlerweile den Weg in die akademische Öffentlichkeit und werden vielerorts unterstützt.

Im Rahmen der in Berlin am Freitag, 12. April 2013 stattfindenden Tagung zur Zukunft der Deutschen Psychotherapie in Europa werden der Präsident der European Association for Psychotherapy, Wien (EAP), Adrian Rhodes, UK, mit Bernhard Strauß, Jena, Alfred Pritz, Wien/Paris und Volker Tschuschke, Köln, über Strategien und Notwendigkeiten hinsichtlich eines sinnvollen Studiums der  Psychotherapiewissenschaft sprechen.

Die Vielfalt der therapeutischen Richtungen und Methoden und deren möglicher Integration birgt zwar einige Probleme, doch auch vielversprechende Facetten (Wilkinson, 2011), und sie bietet andererseits auch vielfältige Möglichkeiten für die Patientenbehandlung. Schwer wiegt wohl bislang die technokratische Gesinnung mancher Wissenschafts- und Therapieansätze (Egloff,  2012b), die einem strengen naturwissenschaftlich-quantitativen Weltbild entstammen und in denen das Subjekt, der/die Patient/in, verloren zu gehen droht. Manche freie Psychotherapeuten erkennen dies mittlerweile; einen Überblick zum derzeitigen Status in Europa hat letztens Pritz (2012) gegeben.

Methodenübergreifende Ansätze sind teilweise bereits fruchtbar gemacht worden; nun ist es notwendig, manchen Unfug der deutschen Psychotherapie-Vermittlung unschädlich zu machen. Parallel zur Facharztausbildung in den psychosozialen Fächern ist ein grundständiges Psychotherapie-Studium, wie es in Deutschland zur Zeit diskutiert wird, ein gewiss vielversprechendes Unterfangen, wobei gewährleistet sein muss, dass nicht ein verengtes Wissenschaftsverständnis in den neuen Studiengang diffundiert. Hingegen könnte ein multidisziplinärer Ansatz wissenschaftlicher Zugänge zur Psyche unternommen werden, wie er an manchen neueren privaten Universitäten (SFU Wien/Paris, IPU Berlin) bereits begründet wird.

Die  Möglichkeit einer postgradualen Vertiefung in einem klassischen Verfahren wie der Psychoanalyse an einem privaten Institut bliebe möglich und wünschenswert. Die privaten Institute von staatlichen Vorgaben zu entlasten wäre sinnvoll und für manche Therapieverfahren nahezu unerlässlich, um nicht einer Verengung und Verwässerung zugunsten einer empiristischen medizinisch-naturwissenschaftlichen Evidenzbasierung weiteren Vorschub zu leisten. Das Junktim von Forschen und Heilen sollte gewahrt werden, muss doch jedes Wissen von Psyche als vorläufig gelten (Egloff, 2012a).

Und auch die ärztliche Psychotherapie verzeichnet schon seit längerer Zeit starke Rückläufe, was bedenklich ist. Somit gilt es auch die Ärzteschaft zu stärken, die insbesondere die klinisch-psychosomatische Erfahrung zur Verfügung stellt, die von Nicht-Medizinern oft mühevoll angeeignet werden muss. Im Gegenzug ist den Medizinern z.B. die kulturwissenschaftliche Dimension in der Psychotherapiewissenschaft zur Verfügung zu stellen, die mit ihren differenzierten  Verstehenszugängen sehr umfangreich und komplex, doch nicht weniger wichtig ist.

 

Literaturhinweise:

Egloff, G. (2012a). Psychodynamische Psychotherapie: Die Irrationalität durchdringen. Dtsch Ärztebl PP (11) 8: 358-360.

Egloff, G. (2012b). Wirksamkeit von Psychotherapie – Therapeutenpersönlichkeit und Beziehungsqualität. In: Schirmohammadi, A., Weishaupt, W. (Hg.). Die große Welt der Freien Psychotherapie. Shaker, Aachen, 208-209.

Fischer, G. (2011). Psychotherapiewissenschaft. Psychosozial, Gießen.

Pritz, A. (1996). Psychotherapie – eine neue Wissenschaft vom Menschen. Springer, Wien.

Pritz, A. (2012). The Struggle for Legal Recognition of the Education of Psychotherapy and an autonomous Psychotherapy Profession in Europe. Int J Psychotherapy (16) 3: 65-77.

Rieken, B. (2012). Rezension zu Fischer, G. (2011): Psychotherapiewissenschaft (Psychosozial, Gießen). Z f Individualpsychol (37) 4: 392-393.

Wilkinson, H. (2011). The Range of Modalities and Meta-Perspectives: The tactical Dilemma of the Psychotherapies. Int J Psychotherapy (15) 1: 15-22.

 

Ein Gedanke zu „Psychotherapiewissenschaft – ein neues, altes Fach geht an die Uni“

  1. Einige spontane Anmerkungen zur Darstellung von Götz Egloff:

    Wenn man davon ausgeht, dass Gegenstände wissenschaftlicher Forschung nicht einfach gegeben sind, sondern durch Fragestellungen erst konstituiert werden, dann stellt sich die Frage, durch welche Fragestellungen eine Psychotherapieforschung denn konstituiert wird. Welches Vorverständnis von Psychotherapie geht in diese Fragestellungen ein? Und welche offenen oder verdeckten Interessen? Gerade was letzteres betrifft, so bietet der Bereich der Psychotherapie bekanntlich ein Musterbeispiel unterschiedlicher Interessenvertretungen – auch im Kampf um Macht und Geld -, die erfahrungsgemäß höchst effektive Lobbyarbeit leisten. Dabei sind Interessen, Macht und Geld natürlich nichts a priori Negatives; erst ihre verdeckte Verfolgung zum vermeintlichen Wohl des Klienten ist ethisch verwerflich.

    Bei aller Erfordernis wissenschaftlicher Rationalität im Umgang mit psychotherapeutischen Konzepten und Prozessen: Rationalität trägt eben nur soweit, wie Rationalität tragen kann und gerät gerade in diesem Bereich an ihre Grenzen, wenn sie den involvierten Subjekten (und das ist nicht nur der Klient!) gerecht werden will und diese nicht zu Belegen für die Stimmigkeit von Theorien missbraucht.

    Erwünscht ist sicher eine interdisziplinär angelegte Psychotherapieforschung, die – dem oft zitierten Grundsatz der Gestaltpsychologie vom Ganzen und seinen Teilen folgend – nicht die in der Medizin vorgezeichnete Segmentierung und Partialisierung psychotherapeutischer Konzepte verstärkt. Wünschenswert ist ein Konsens über ein sinnvolles „diversity- management“ im Umgang mit der therapeutischen Vielgestaltigkeit zu Gunsten des Klienten.

    „Unfug der deutschen Psychotherapie-Vermittlung unschädlich machen“ klingt plausibel, da Unfug unverantwortlich wäre. Abgesehen von der Wortwahl und der sich anbietenden Konnotation von „Schädlingsbekämpfung“ stellt sich die Frage, wer mit welchen Interessen die Definitionshoheit beansprucht, die Kriterien für Unfug und Schädlingsbekämpfung zu bestimmen.

    Jenseits der Wissenschaftlichkeit ein bedenkenswertes Zitat:

    Psychotherapie als Grenzerfahrung, ein Können an der Grenze des Nichtkönnens, ein Mitsein an der Grenze des Fremdbleibens, ein Verstehen an der Grenze des Unverständlichen, ein sympathetisches Mitgehen an der Grenze der undurchdringlichen Geschiedenheit.
    Man kommt zu der Erkenntnis, dass die Geschichte einer Psychotherapie meistens die Geschichte einer menschlichen Unzulänglichkeit, der Fehler, der Blindheiten, der eigenmächtigen, emotionellen Ansprüche des Therapeuten ist und dass das Heilsame viel eher aus der Einsicht in die Situation der mitmenschlichen Verstrickung, als aus der oft schwindenden Gabe des Immer-verstehen-Könnens, des Immer-geduldig-Seins erwächst. Der Psychotherapeut, der nur sein eigenes Können sich selber und den anderen beweisen will, hat den Posten schon verloren.
    (Gaetano Benedetti)

    Ich bin gespannt auf das Symposion in Berlin mit dem nicht gerade bescheidenen Titel der „Zur Zukunft der deutschen Psychotherapie in Europa“.

    Jo Schnorrenberg (ECP-Holder / EAP-Mitglied)

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