TOUCH AND GO – Das neue Stück am English Theatre of Hamburg

Von Uta Buhr

Wer mit wem – das ist hier die Frage…

Dieses Stück des britischen Komödienschreibers Derek Benfield ist so recht nach dem Herzen der Besucher des kleinen feinen Theaters an der Mundsburg. Und vor allen Dingen eine das  Herz erwärmende Komödie an diesen grauen Novembertagen. Zudem geeignet für die Weihnachtstage und als Ouvertüre zu einer feucht-fröhlichen Silvesterparty 2012/2013. Der Autor hat sich sicherlich etwas dabei gedacht, dieses Stück nicht „comedy“, sondern „farce“ zu nennen. In der Tat, der Plot von „Touch and Go“ ist so turbulent und – ja – so banal, dass diese Bezeichnung den Nagel auf den Kopf trifft. Ein Problem jedoch bleibt: Wie soll man den im Englischen so griffigen Titel eigentlich ins Deutsche übersetzen? Touch and Go ist in seinem Ursprung ein Terminus aus der Fliegersprache und bedeutet Aufsetzen und Durchstarten des Flugzeuges, heißt im übertragenen Sinne aber riskant, prekär. Da „Riskante Beziehungen“ etwas flach klingt, wäre der Titel „Tauschbörse“ für dieses Beziehungschaos durchaus eine Alternative.

Zum Stück

Sieht so ein Karbolmäuschen aus?

Es ist das alte Lied. Hilary und Brian, ein gut situiertes Ehepaar, das in einem großzügigen Apartment irgendwo in London, residiert, langweilt sich miteinander. Sechzehn Ehejahre – oder waren es gar mehr – immer mit demselben Partner. Wer hält das schon aus. Deshalb ist Hilary auch begeistert, als ihr Mann Brian – souverän gespielt von dem großartigen James Walmsley – sich dazu entschließt, an jedem Mittwoch der Woche im nahe gelegenen Park zu joggen. Und dies in einem flammend roten Jogginganzug, den Hilary ihm extra für seine „Leibesübungen“ gekauft hat. Die sind jedoch etwas anderer Natur, als die Ehefrau vermutet. Denn statt zu laufen, trifft Brian an seinem „jour fixe“ in der Wohnung seines besten Freundes George die blutjunge Wendy zu einem Schäferstündchen. Auf der anderen Seite empfängt  die attraktive Hilary an jedem Mittwoch George in ihrem und Brians Apartment zu einem zärtlichen „tête-à-tête.“  Ergo – Waffengleichheit!

In flagranti erwischt

Dieses außereheliche Arrangement läuft bereits seit mehreren Monaten reibungslos und für die beteiligten Parteien mehr als befriedigend. Bis eine bis dato völlig unbeteiligte Person die Idylle von einem Augenblick zum anderen zerstört. Als Jessica, Georges Ehefrau, mehrere Tage verfrüht und völlig unerwartet von einer Dienstreise in die USA zurückkehrt, fällt das so sorgfältig konstruierte Kartenhaus der Ehebrecher mit einem Schlag zusammen. Da treffen Personen aufeinander, die sich eigentlich nie begegnen sollten. Wendy, das sexhungrige junge Mädchen im Minirock, wird von ihrem angegrauten Liebhaber Brian als Krankenschwester im Dienste des Roten Kreuzes denunziert. Absolut shocking, wie diese findet, denn sieht sie etwa aus wie ein Karbolmäuschen? Auf beiden Seiten wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Manche Situationen erinnern lebhaft an die wundervollen Sketche eines Loriot, der zwischenmenschliche Beziehungen stets auf den Punkt und das Publikum zum Lachen brachte.

Ein Slapstick folgt auf den nächsten. Einmal sehen wir George auf der Suche nach einem verräterischen Morgenrock auf allen Vieren durch seine Wohnung kriechen, verfolgt von den verständnislosen Blicken Jessicas, die im Übrigen den Eindruck einer Frau macht, die man leicht hinter’s Licht führen kann, es aber faustdick hinter den Ohren hat, wie wir am Ende dieses herrlichen Verwirrspiels erfahren werden. Während die Handlung rasant voranschreitet, jagt eine Cocktailparty die nächste – mal in Brians und Hilarys Apartment, ein anderes Mal in der Wohnung von George und Jessica. Da wird Scotch in Mengen konsumiert, werden Martinicocktails aus zarten Kelchen geschlürft. Wäre in den Gläsern wirklich Alkohol, die Mimen würden binnen kürzester Zeit nur noch torkeln und lallen.

Mann in Erklärungsnöten

Seinen Höhepunkt erreicht das Stück, als zufällig sämtliche fünf  Protagonisten in der Wohnung von Brian und Jessica zu einer Dinnerparty zusammentreffen. Da kommt endlich die Wahrheit auf den Tisch. Die „Rote-Kreuz-Schwester“ Wendy gibt sich als die zu erkennen, die sie ist – als Brians junge Gespielin – während Hilary und George sich etwas zerknirscht zueinander bekennen. Ein empörter Brian ist entsetzt darüber, dass ausgerechnet sein „best man“ bei der Hochzeit mit Hilary ihm Hörner aufgesetzt hat. Die einzige in der Runde, die Verständnis für alle Beteiligten zeigt und geheimnisvoll in sich hineinlächelt, ist Jessica. Bis das Telefon klingelt, sie den Hörer abhebt und ihr Gesicht sich selig verklärt, bevor der Vorhang fällt.

Frenetischer Beifall im bis auf den letzten Platz besetzten Theater. Ein ganz großer Abend mit tollen Schauspielern, die mit ihrer Spielfreude fast die kleine Bühne sprengten. Bis auf Amy Newton, die die hübsche Wendy verkörperte, begegneten  wir lauter bekannten Gesichtern  – dem bereits erwähnten Gentleman-Darsteller James Walmsley, Debbie Radcliffe (Hilary), Stephen Chance (George) sowie Yvonne Delahaye. Ein Kompliment an das Theater, das diese Riege erstklassiger Mimen immer wieder an das Haus binden kann. Weiter so!

Der Autor

Leider wird Derek Benfield uns nicht mit weiteren Komödien beglücken können. Denn der 1926 in Yorkshire geborene Bühnenautor starb im Jahre 2009. Er hat der Nachwelt eine Reihe höchst amüsanter Stücke hinterlassen. Darunter „Caught on the Hop“ (In der Klemme), „Bedside Manners“ (Zwei Links, Zwei Rechts), „Funny Business“ (Kein Zimmer frei)  sowie „Touch and Go.“ (Titel auf Deutsch bislang unbekannt). Bleibt zu hoffen, dass das English Theatre in einer der nächsten Saisons das eine oder andere Stück auf die Bühne bringt – am besten wieder mit dem hier beschriebenen, perfekt aufeinander eingespielten Ensemble.

 

PS: TET-Fans dürfen sich schon jetzt auf ein weiteres Highlight in ihrem Lieblingstheater freuen: Am 21. Februar 2013 startet Oscar Wildes herrliche Komödie „The Importance of Being Earnest.“ Erleben Sie selbst, wie wichtig es ist, Ernst zu sein!

 

Sofortiger Kartenkauf empfohlen, weil „Touch and Go“ beim Publikum sehr gut ankommt. „Touch and Go“ läuft bis einschließlich 9. Februar 2013 – Karten unter Telefon 040 – 227 70 89  – Onlinebuchungen: www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „The Importance of Being Earnest“ von Oscar Wilde am 21. Februar 2013

 

 

 

 

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