Vor der Brust-OP zum Psychosomatiker!

 Von Götz Egloff

Vor dem Eingriff

Pressemitteilung der Studiengemeinschaft für dermatologische, gynäkologische und andrologische Psychosomatik Heidelberg (SDGAP)

Keine Brustkorrektur bei Dysmorphophobie

Die ästhetische Brustvergrößerung gehört heute zu den am häufigsten durchgeführten plastischen Operationen. Seit den 1960er Jahren haben bereits über drei Millionen Frauen Brustimplantate erhalten (1). Wird verantwortungsvoll gearbeitet, so enthält das Polymer Silikon keine Zusätze und ist sehr gut verträglich. Allergische Reaktionen wurden nicht nachgewiesen. Das sogenannte hochvernetzte Silikongel wird in der Medizin oft verwendet; es stellt derzeit den besten Weichteilersatz dar. Gegenüber der eher instabilen Kochsalzlösung als Füllmaterial ist es in der Form stabil und kehrt nach mechanischem Einfluss wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Frauen mit Silikon-Implantaten, so hat kürzlich eine amerikanische Studie gezeigt (2), sind mit dem Ergebnis zufriedener als Frauen mit Kochsalz-Implantaten.

Die in den 1980er Jahren eingeführten rauen, sog. texturierten Implantate weisen mit 15% eine deutlich geringere Kapselkontrakturrate auf als glattwandige Implantate (3). Die Verwendung der neuesten Mikropolyurethanschaum-beschichteten Implantate zeigt sogar nur eine sehr geringe Kapselkontrakturrate von 0 bis 3%, verglichen mit ca. 30% bei glatten Implantaten (4)(5)(6). Dies sind erfreuliche Entwicklungen, die Frauen die Entscheidung für eine ästhetische Brustkorrektur erleichtern mögen.

Dennoch gibt es auch Kontraindikationen. Eine größer werdende Zahl von Frauen wünscht nämlich eine Brustkorrektur, meist eine Vergrößerung, ohne sich im Klaren darüber zu sein, welche Erwartungen sie an diese haben. Die Erwartungen können deutlich zu hoch oder verzerrt sein, sodass selbst eine gelungene Korrektur als Enttäuschung erlebt wird.

Im besonders ungünstigen Fall kann bei einer Frau eine Dysmorphophobie (körperdysmorphe Störung) vorliegen, die sich in der permanenten, zwanghaften Vorstellung äußert, ein Körperteil sei extrem hässlich und entstellend und müsse unbedingt korrigiert werden (die Außenwelt teilt diese Einschätzung aber nicht) (7). Wenn dem so ist, führt eine Brustkorrektur lediglich dazu, dass die Frau nach der Operation meint, dass ein anderer Körperteil nun extrem hässlich und entstellend sei. Daraus kann sich ein Teufelskreis von immer mehr Operationen ergeben, der mit tiefem Leiden verbunden ist. Dieses Phänomen wird immer wieder beobachtet (8)(9).

 

Was also kann eine ästhetische Brustkorrektur?

Die Brust korrigieren: im besten Fall so, wie man es sich gewünscht hat

Ein dem vorherrschenden Ideal angepassteres Körperbild schaffen

Einen Kick an mehr Selbstwertgefühl geben

Die Körperlichkeit verändern: abschwächen oder betonen

Die Wahrnehmung der Weiblichkeit verändern: Attraktivität erhöhen oder reduzieren (Erhöhung ist nicht automatisch an Brustvergrößerung, Reduzierung nicht an Brustverkleinerung gekoppelt)

 

Was kann eine ästhetische Brustkorrektur nicht?

Von dem dauerhaften, zermürbenden Gedanken befreien, wenn nur die Brust korrigiert würde, wäre man mit seinem Leben glücklich und zufrieden

Von dem dauerhaften, überwertigen Gedanken befreien, man habe körperlich viele Makel

Die Partnerschaft verbessern

Die Chance, den/die richtige/n Partner/in zu finden, erhöhen

Dauerhaftes Selbstwertgefühl schaffen

 

Da man sich bei Selbsteinschätzungen erheblich täuschen kann, ist frühzeitig vor einem geplanten OP-Termin die Konsultation eines Experten oder einer Expertin zum Thema dringend anzuraten. Insbesondere Ärzte für psychosomatische Medizin und Psychotherapeuten mit Schwerpunkt Psychosomatik kennen sich mit dieser Thematik gut aus. Eine frühzeitige Terminvereinbarung mit einem mehrmonatigen Vorlauf vor einer OP kann Enttäuschungen begrenzen oder – falls notwendig – von überwertigen Gedanken befreien und eine falsche Entscheidung verhindern.

Eine autonome Entscheidung zu treffen ist in jedem Fall wichtig. Denn sich mit klarem Kopf und aus vollem Herzen für eine Brustkorrektur zu entscheiden, ist gewiss nicht krank oder anstößig; aber man sollte diese schließlich hinterher auch genießen können.

 

(1)    Ein Brustimplantat – für mich? Informationen rund um das Thema Brustaufbau und –vergrößerung. Polytech Health & Aesthetics, Dieburg, 2009

 

(2)    Ärzte-Zeitung, 11.11.2010

 

(3)    Malata CM, Feldberg L, Coleman DJ, Foo IT, Scarpe DT (1997). Textured or smooth implants for breast augmentation? Brit J Plast Surg 50 (2), 99-105

 

(4)    Vazquez G, Pellon A (2007). Polyurethane-coated silicone gel breast implants used for 18 years. Aesth Plast Surg 31, 330-336

 

(5)    Handel N, Cordray T, Gutierrez J, Jensen JA (2006). A long-term study of outcomes, complications, and patient satisfaction with breast implants. PRS 117, 757-765

 

(6)    Handel N (2006). Long-term safety and efficacy of polyurethane foam-covered breast implants. Aesth Surg J 26, 264-274

 

(7)    Bürgy M (1998). Dysmorphophobie. Das Sich-selbst-fremd-werden als Störung der Kommunikation. Nervenarzt 69, 446-450

 

(8)    Postel A, Egloff G (2012). „Süchtig nach Schönheit: Manche werden depressiv“

(Interview). Closer 24, 40-41

 

(9)    Holthausen-Markou S, Brosig B, Gieler U (2004). Psychodynamische Therapie der körperdysmorphen Störung. In: Wollmann Wohlleben V, Knieling J, Nagel-Brotzler A, Neises M. Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe. Gießen, 249-253

für die SDGAP: Götz Egloff

Die Studiengemeinschaft für dermatologische, gynäkologische und andrologische Psychosomatik Heidelberg (SDGAP) wurde im September 2011 gegründet. Zielsetzung ist die Integration psychosomatischen und somatopsychischen Denkens und Handelns in der Medizin insbesondere in den Bereichen Haut, Hormone und Psyche.

Kontakt: SDGAP Heidelberg c/o G. Egloff, Bergheimer Str. 87a, 69115 Heidelberg,

sdgap-heidelberg@email.de

 

 

 

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