Hinreißende Albee-Premiere im „Polittbüro“

Das Spiel der Entmenschlichung

Von Hans-Peter Kurr

Wer hat nun Angst?

Bis zum Ende der fünfziger Jahre gab es in USA bei allen von den sogenannten „Angels“ (Das war der Nickname für Produzenten und Investoren) für wichtig erachteten Stücken mit  m ö g l i c h e n  Erfolgschancen – ob Schauspiel, ob Musical – eine umumstössliche Regel: Die des Try-outs, also der Test-Aufführungen in, gemessen am Broadway New Yorks, unbedeutenden kleineren Theatern. Erst ,als deren Direktoren bereits die Idee des großen Geldes, das zuweilen mit „Kunst-commercials“ hereinzuholen ist, auch dort umzusetzen begannen, fing die eigentliche Geschichte des „Off-off-Broadway“ an, einer noch weiteren Verlagerung dieser performances unter nahezu tourneegleichen Bedingungen.

Es schlug die Stunde der jungen Autoren wie Sam Shepard, Adrienne Kennedy, Lanford Wilson und…..Edward Albee. Letzterer startete seinen künstlerischen Siegeslauf mit Werken gegen die institutionalisierte amerikanische Gesellschaft jener Tage  wie  „Zoogeschichte“, „Der Sandkasten“, “Der amerikanische Traum“ und – 1962, also vor genau 50 Jahren, uraufgeführt- mit „Wer hat Angst vor Virginia Wolfe?“, jener fleischwolfartig Menschen zermahlenden Zimmerschlacht, deren unterschiedliche künstlerische Realisationen bis heute ständig in allen Metropolen der zivilisierten Welt ebenso zu sehen sind wie in Provinznestern…..globally spoken.

Was Wunder also, daß aus Anlass  ihres zehnjährigen Theaterjubiläums im Hamburger Stadtteil St. Georg, die Gründerin und Direktorin der nach ihr benannten Bühne  „Polittbüro“, Lisa Politt, dieses Wahnsinns-Stück auf ihre Bühne gehoben hat mit sich selber als schriller, notvoller Martha, dem unglaublich differenzierungsfähigen Oliver Törner als George, jene Rolle, die Charles Regnier 1968 in der Schweiz unter Gerhard Klingenberg für die Eidgenossen aus der Taufe hob, nur sechs Jahre nach der Uraufführung, als sich in der damaligen Bundesrepublik bereits namhafte Regisseure wie Im Moszkowicz in München, Werner Düggelin in Hamburg, Boleslav Barlog in Berlin dieses brutalsten aller zeitgenössischen Schauspiele angenommen hatten.

Lisa Politts Ensemble, das unter der Regie von  Erik Schaeffler sorgsam und intensiv auf dem Nudelbrett von Bühne am Steindamm arbeitet,wird ergänzt durch das homogene, ausdrucksstarke Paar Jantje Bilker als Putzi und Tommaso Cacciapuotti als Nick.Sie alle vier prägen die handelnden Figuren zu armseligen Menschen, die ihr wüstes, sinnentleertes, zielloses alkoholdurchtränktes Leben plötzlich und schaudernd erkennen als Matrix, ähnlich der von Vivisektionsopfern, die , verzweifelt und ratlos, im finsteren Aufruhr ihrer Leidenschaften versinken.

Eine wirklich genialische Arbeit, aus der unser Foto stammt, die bis zum29. September täglich, außer montags, um 20.00 Uhr am Steindamm zu sehen sein wird.

Foto: Jo Jakobs

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