Ein toller kleistischer „Krug“ in der neueröffneten „Burg“

 Von Hans-Peter Kurr

 Rasante Gerichts-comedy

Das Ensemble

Niemand wird je gezählt haben, wie häufig Heinrich von Kleists „Zerbrochener Krug“ seit seiner Entstehung in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts inszeniert und aufgeführt worden ist. Kaum ein namhafter Regisseur, der diese wundervolle klassische Komödie nicht inszeniert,  kein bedeutender Schauspieler, der den Dorfrichter mit dem beziehungsreichen Namen Adam nicht gespielt hätte.

Der Versuch des glatzköpfigen, offenbar sexsüchtigen einsamen Mannes, sich –wie in den Zeiten des Paradieses, dem er entstammt – wieder mit seiner Eva zu vereinigen, ist eine seit Beginn der Menschheitsgeschichte ebenso legitime wie zumeist unerfüllte Sehnsucht. Das wußte auch der depressive Selbstmörder Kleist und faßte diese diffizile Situation in ein literarisch-philosophisches Treatment, das später in die Form einer köstlichen Komödie zu fassen er die Kraft fand.

Diesen Hintergrund hat gewiß auch  Michael Jurgons recherchiert, bevor er seine intelligente Interpretation des Kruges in Parchim zum ersten Mal inszeniert hat und sich jetzt von der künstlerischen Leiterin des am Barmbeker Biederplatz wieder – oder besser unter dem Namen „Die Burg“ neu – eröffneten Theaters, Jennifer Rettenberger , zu einem Remake einladen ließ. Eine gute, ahnungsvolle Entscheidung der rührigen Rettenberger, die denn auch zu einem – künstlerisch – hocherfreulichen Ergebnis führte, das jetzt – präsentiert von einer begabten, begeisterten und begeisternden jungen Schauspielertruppe unter dem Namen  „die theatermacher“ für Hamburg, im funktionalen Parchimer Bühnenbild Ulrich Schreibers, neu ins Leben gerufen wurde.

Heinrich von Kleist hat seinem Stück in einer ‚Vorrede’ die Bildbeschreibung eines Kupferstiches von Le Veau vorausgeschickt, worin es heißt:

„Diesem Lustspiel liegt wahrscheinlich ein historisches Faktum, worüber ich jedoch keine nähere Auskunft habe finden können, zum Grunde. Ich nahm die Veranlassung dazu aus einem Kupferstich: Man bemerkte darauf zuerst einen Richter, der gravitätisch auf dem Richterstuhl saß: vor ihm stand eine alte Frau, die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren war,zu demonstrieren:. …..Ein Gerichtsschreiber schaute den Richter, der offenkundig persönlich in den Fall involviert war, mißtrauisch von der Seite an wie Kreon bei einer ähnlichen Gelegenheit den Ödip.“

Marc Laade als Dorfrichter Adam

Und Thomas Mann, in seiner Untersuchung „Um das Unmögliche ringend“, informiert uns klug über die Hintergründe der kleistischen – -ver-zwei-felten  (SIC!) Schaffenskraft:

„Heinrich von Kleist war es, wohl wegen eines Fehlers im Sprachorgan , der, wenn er sich einmal in geistige Gespräche mischte, seinen Äußerungen eine unangenehme Härte verlieh. Er wurde sehr leicht von Verlegenheit befallen, stotterte, errötete und zeigte in Gesellschaft fast stets ein unnatürlich verzerrtes, peinlich gezwungenes Wesen. Als dergestalt leidender Künstler aber war er einer der größten, kühnsten, höchstgreifenden Dichter deutscher Sprache, ein Dramatiker sondergleichen, tief unglücklich, um das Unmögliche ringend, von psychogenen Krankheiten niedergeworfen und zum frühen Tod bestimmt., müde seiner Unvollkommenheit, das Bruchstückhafte seiner Individuation ins All zu werfen, , als es ‚’ auf dieser Erde für mich nichts mehr zu erlernen’ gab!“

Dieser metaphysischen Sehnsucht im „Zerbrochnen Krug“, die das Stück in den Rang einer veritablen Tragikomödie hebt, hat Michael Jurgons feinsinnig nachgespürt. Er spricht –dem heutigen Zeitgeist entsprechend –von der „rasanten Gerichts-comedy“ und hat in seinen Darstellern begabte und folgsame Combattanten, allen voran Anne-Christine Gruntzdorff

mit dem ebenfalls so beziehungsreichen Rollennamen Eva (Hier: Eve) und Marc Laade als ungewohnt junger, sehr modulationsfähiger Dorfrichter Adam.

Auch die übrigen Ensemble-Mitglieder sind vorzüglich besetzt und dienen dem Erfolg des Abend, dessen Handlungsabfolge wohl bei einem der bekanntesten deutschen Schauspiele nicht erzählt werden muß.

Bemerkens-  und daher erwähnenswert die Dekoration von Zuschauerraum und Foyer der neueröffneten „Burg“ durch die originellen Papp-Plastiken der Silke Thoss, und die Schauspielmusik Konrad Thömmes’, dem das originelle musikalische Finale mit einem Original-Mozart-„Song“ zu verdanken ist.

Insgesamt ein sehr schöner, erfüllender Schauspielabend.

Die nächsten Vorstellungen finden ( jeweils um 20.00 Uhr, sonntags um 15.00 Uhr) statt am13., 14., 15., 16., 20., 21., 22., 23., 27., 28., 29., 30. September und am 4., 5., 6., + 7. Oktober

Fotos : Jennifer Rettenberger

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