Einigkeit und Recht und Freiheit

erschienen in der Preussischen Allgemeinen Zeitung

von Dr. Manuel Ruoff

Vor 90 Jahren machte Reichspräsident Friedrich Ebert das Deutschlandlied zur Nationalhymne

Ähnlich formlos wie die Bundesrepublik erhielt auch das Deutsche Reich das Deutschlandlied zur Nationalhymne. Wie in der zweiten übernahm auch in der ersten deutschen Demokratie diese Aufgabe der Staatspräsident.

Der 1871 gegründete kleindeutsche Nationalstaat hatte keine Nationalhymne. Ersatzweise wurde die preußische Hymne „Heil dir im Siegerkranz“ gesungen. Bei der Feier der Übergabe Helgolands an Deutschland wurde das „Lied der Deutschen“ am 9. August 1890 erstmals bei einem Staatsakt gesungen. Das war sinnig, war der Text doch ein knappes halbes Jahrhundert zuvor von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf eben dieser Insel für eine 1797 komponierte Melodie Joseph Haydns geschrieben worden.

Zu einer inoffiziellen Hymne der Nation wurde das Deutschlandlied dann im Ersten Weltkrieg. Bei den häufig unübersichtlichen Frontverläufen diente es als Erkennungslied. „Heil Dir im Siegerkranz“ war dazu weniger geeignet, da es dieselbe Melodie hatte wie die britische Nationalhymne „God Save the King“ (Gott schütze den König). Zudem war es angesichts der antibritischen Stimmung in diesem Krieg auch ein Problem, dass die Melodie britischen Ursprungs war. Folgerichtig wurde versucht, „Heil Dir im Siegerkranz“ mit einer neuen Melodie zu versehen. Doch ist grundsätzlich der Versuch vermessen, von einer historisch gewachsenen Nation zu erwarten, dass sie eine Neukomposition als ihr Nationalsymbol akzeptiert und sich damit identifiziert. Diese Lehre musste auch Theodor Heuss nach dem Zweiten Weltkrieg mit der von ihm in Auftrag gegebenen „Hymne an Deutschland“ machen.

Die „Wacht am Rhein“ war nach dem Sieg über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 ein im Kaiserreich sehr beliebtes Lied. Nachdem der Erste Weltkrieg nach der ersten Euphorie im opfer- und verlustreichen Stellungskrieg erstarrt war, war ein derart schmissiges Stück der Lage allerdings weniger angemessen als das getragenere Deutschlandlied.

Gelinde gesagt aufgewertet wurde das Lied zumindest in den Augen der deutschen Rechten durch einen Heeresbericht vom 11. November 1914: „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ,Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie.“ Das Lied war damit untrennbar mit dem sogenannten Langemarck-Mythos verbunden.

Das belastete das Lied in den Augen mancher Linker. Noch schwerer wog in ihren Augen, dass vor allem die Kriegsgegner „Deutschland, Deutschland über alles“ – teils unbewusst, teils aber auch bewusst – in der Weise fehlinterpretierten, dass nicht etwa Deutschland über alles geliebt werde, sondern über allen zu stehen habe. Ein Amerikaner übersetzte den Liedanfang in „Deutschland, Deutschland, first of nations, over all in this wide world“ und ein Franzose in „L’Allemagne, l’Allemagne par-dessus tout“.

Es gab aber auch Ausländer, die dem Lied Gerechtigkeit widerfahren ließen. Dazu gehörte der Schwede Gustav Steffen: „Es gehört also unter anderem zur Geschichte, dass Shaws vorzügliche Kenntnisse der deutschen Sprache und der deutschen Literatur ihn zur Auffassung geführt haben, dass ,Deutschland, Deutschland über alles‘ eine imperialistische Eroberungshymne sei, die wortgetreu aussage, dass Deutschland sich zum Herrn über alles machen werde. Er ahnt nicht das Vorhandensein des wirklichen Gesinnungsunterschiedes zwischen ,Rule Britannia‘ und dem Vaterlandsliede ,Deutschland, Deutschland über alles‘ … Beiläufig und mit der Wirkung, die es haben mag, bitte ich meinen Freund George Bernard Shaw darüber aufklären zu dürfen, dass ,Das Lied der Deutschen‘ im Jahre 1841 von einem Manne namens August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gedichtet wurde und dass es absolut nichts mehr, aber auch nichts Geringeres ist als der wohl herrlichste Hymnos an die Einigkeit und Treue der deutschen Stämme, Einigkeit untereinander und Treue gegen ihr eigenes Wesen, welcher in dem liederreichsten, sangfrohesten und sangesandächtigsten Lande in der ganzen weiten Welt – Deutschland – gedichtet worden ist.“ Allerdings hatte Steffen in Deutschland studiert und kannte die Deutschen. Bei vielen anderen Ausländern ohne derartige Deutschlanderfahrung verfingen jedoch die Falschübersetzungen, was das Lied in den Augen mancher deutscher Linken belastete.

Genauso wie nach dem Zweiten hat das Deutschlandlied auch schon nach dem Ersten Weltkrieg seine Gegner gehabt. Es war vor allem das Lied der Nationalen. Allerdings profitierte es nach dem Ersten wie später auch nach dem Zweiten Weltkrieg davon, dass seine Gegner ihm nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hatten oder, um es mit den Worten aus dem Protokoll einer Reichskabinettssitzung vom 30. Juli 1920 zu sagen: „Die Zeit nach der Revolution hat kein Lied mit natürlicher Kraft emporgetragen.“

An anderer Stelle stellt dieses Protokoll die Rechtslage klar: „Welches Lied in der Armee und Marine als Nationalhymne zu spielen ist, kann der Reichspräsident auf Grund seiner Kommandogewalt … im Verordnungswege bestimmen. Damit würde das betreffende Lied den Charakter als Nationalhymne in genügender Weise erhalten können. Eine Festlegung durch Gesetz ist nicht nötig.“

Den dritten Verfassungstag der Weimarer Republik, den 11. August 1922, nahm Reichspräsident Friedrich Ebert zum Anlass, um dem Reich eine Nationalhymne zu geben. Als Mittel wählte er einen Aufruf zum Verfassungstag, der vorab zur Verbreitung der Presse zugeleitet wurde:

„Einigkeit und Recht und Freiheit! Dieser Dreiklang aus dem Liede des Dichters gab im Zeichen innerer Zersplitterung und Unterdrückung der Sehnsucht aller Deutschen Ausdruck, er soll auch jetzt unseren harten Weg zu einer besseren Zukunft begleiten. Sein Lied, gesungen gegen Zwietracht und Willkür, soll nicht Missbrauch finden im Parteikampf, es soll nicht der Kampfgesang derer werden, gegen die es gerichtet war; es soll auch nicht dienen als Ausdruck nationalistischer Überhebung. Aber so wie einst der Dichter, so lieben wir heute Deutschland über alles. In Erfüllung seiner Sehnsucht soll unter den schwarz-rot-goldenen Fahnen der Sang von Einigkeit und Recht und Freiheit der festliche Ausdruck unserer vaterländischen Gefühle sein!“

Also schon damals und nicht erst nach dem Missbrauch des Deutschlandliedes durch die Nationalsozialisten versuchte die deutsche Politik der vor allem ausländischen Kritik an der ersten Strophe durch eine Betonung der dritten Rechnung zu tragen. Allerdings wurde das ganze Deutschlandlied mit allen drei Strophen Nationalhymne. Sechs Tage nach dem Aufruf zum Verfassungstag ordnete Reichspräsident Ebert als Oberbefehlshaber an: „Die Reichswehr hat das Deutschlandlied als Nationalhymne zu führen.“

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