Hilfe bei Magersucht

Von Götz Egloff

Rezension zum Buch „Mehr vom Leben – Wege aus der Anorexie“ von Georg Eifert und Alix Timko, Beltz, Weinheim, 2012

Mehr vom Leben

Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Familientherapie stellen in der Behandlung der Magersucht die Mittel der Wahl dar. Motivierte Patientinnen haben hier die Chance, ihre Symptomatik zu verlieren oder deutlich zu lindern. Doch woher die Motivation nehmen, wenn man jede Nahrungsaufnahme fürchtet, da sie die subjektive Traumfigur in weite Ferne rücken lässt? Eine übertriebene Kontrolle über Nahrungsaufnahme und Körperform stellt meist ein verschobenes Kontrollbedürfnis über das eigene Leben dar, hat also mit Autonomie, Eigensinn und dem tiefen Bedürfnis nach Identität zu tun. Diese alte Einsicht der psychoanalytischen Theorie konzeptualisieren die Autoren Eifert und Timko nach der Acceptance- und Commitment-Devise in diesem Selbsthilfebuch. Keine Frage, dass eben dieser Ansatz für jede Therapie sehr wichtig ist. Mittels durchaus gelungener Übungen wie Denkvorschlägen, Atemübungen, Umdeutungen und einigem mehr sollen Menschen mit Anorexia nervosa mehr innere Akzeptanz sowie Distanzierung gegenüber ihren Gedanken und ihrer Symptomatik erlernen.

Die Autoren kombinieren manche psychoanalytische Einsicht mit verhaltenstherapeutischen und systemischen Interventionen, die sich die Leserinnen als Selbst-Instruktionen auferlegen dürfen. Systemische Topoi wie Wunderfrage und Fokussierung von Aufmerksamkeit allerdings werden  zumindest in diesem Selbsthilfebuch nicht konsequent zu Ende gedacht bzw. instruiert. Wahrscheinlich ist dies auch an dieser Stelle nicht möglich. Insgesamt zeigt sich jedoch ein ausgewogener Weg irgendwo zwischen Stoizismus und Neuro-Linguistischem Programmieren (NLP).

Die verwendeten Konzepte von irrationalen Bewertungen, hedonistischem Kalkül und Disputationen entstammen der Rational-Emotiven Therapie (RET) von Albert Ellis aus den 1960er Jahren, sind gewiss also nicht neu. Die dem Buch zugrunde liegende Idee des hedonistischen Kalküls ist grundsätzlich ein fragliches, da ein Großteil von Psychotherapien meist darin besteht, genau jene Motivation zu schaffen, von der die Autoren selbstredend ausgehen. Andersherum gesagt: hätten Patientinnen diesen gesunden Hedonismus, ließen sie sich meist gar nicht derart leiden. Der Rezensent erinnert sich mit sehr gemischten Gefühlen einer seiner Therapieausbildungen Mitte/Ende der 1990er Jahre, in der dieses Konzept schon damals ein alter Hut war – und dennoch immer wieder einmal wirksam. Erstaunlich, dass die Verhaltenstherapie an diesen Konzepten so global festhält. Epiktet lässt grüßen: Es sind nicht die Dinge selbst, sondern unsere Vorstellungen über die Dinge, die uns Probleme machen, so das Credo. Nicht ganz falsch, und nicht ganz richtig. Es liegt aber eine gewisse uramerikanische Faszination darin, von einer grundlegenden Veränderungs-, ja Verbesserungsfähigkeit des Menschen auszugehen. Und dies tut natürlich jede Therapierichtung, weil es irgendwie stimmt – und irgendwie auch nicht…

Interessant ist der typische Rogers-Einfluss, der in der akademischen Psychologie US-amerikanischer Prägung nach wie stark vertreten ist, ein Einfluss, der nicht zuletzt auf die aktive Technik Sándor Ferenczis und Otto Ranks zurückzuführen ist. Albert Ellis, der ursprünglich auch Psychoanalytiker war, hat letztlich ebenso versucht, aus Freuds Theoriegebäude zentrale Ideen zuzuspitzen, umzufokussieren und gewissermaßen neu zu definieren. Und jede Therapierichtung hat etwas Besonderes an sich, was spannend und hilfreich ist. Ob Patientinnen mit allem immer gut zu helfen ist, ist fraglich. Ohne eine Bearbeitung der intrapsychischen und/oder der interpersonellen Dynamik erscheinen die Erfolgsaussichten begrenzt, daher bieten psychoanalytische und systemische Ansätze gewiss ein runderes Profil an. Daher der leider etwas zaghafte Rückgriff der Autoren auf eben diese.

Eine Therapie kann und soll das Buch ohnehin nicht ersetzen, es kann diese aber sinnvoll ergänzen. Für manche Patientinnen wird es gewiss eine hilfreiche Unterstützung sein. Gerade für Patientinnen in psychotherapeutischer Behandlung stellt es eine geeignete Begleitliteratur dar, in der außerhalb der Therapiestunden selbstbestimmt Übungen durchgeführt und Haltungen angeeignet werden können.

Foto: Götz Egloff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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