Die Welt – ein Haifischbecken?

Von Hans-Peter Kurr

Die Welt ein Haifischbecken?

 Notizen zur „Mahagonny“-Inszenierung im Forum der Hochschule für Musik und Theater

Die Welt ist ein Haifischbecken. Diese brutale Halbwahrheit hört man leider allenthalben, wo es gilt, die Sinnfälligkeit des „Schulungsplaneten“ Erde oberflächlich in Frage zu stellen. Und da die Zahl der Haifische – metaphorisch gesprochen – sich seit den 20er Jahren, in denen Bertolt Brecht und Kurt Weill ihre Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ schufen, offensichtlich beträchtlich vermehrt hat, ziert ein Gruppenbild dieser niedlichen Geschöpfe den Rücksetzer der Bühne des Forums der „Hochschule für Musik und Theater“, aus deren Studentenschaft sich ein Ensemble rekrutieren ließ, das hohe Achtung verdient.

Regisseur Florian -Malte Leibrecht hat , statt der ,von Brecht gewünschten, Spruchbänder, mit deren Hilfe das jeweilige Bild thematisch eingeleitet wurde, einen Sprecher engagiert, der nicht nur diese, sondern auch noch manch andere  (zumeist aktuelle) Texte wie Formulierungen mit dem heute so beliebten Wort „geil“ von sich gibt.

Er hat auch in seiner zügigen und spannenden Inszenierung auf die fünf Demonstrationszüge, die Brecht für das Finale vorgesehen hatte, verzichtet und läßt  sie aus dem Off singen. Entscheidender ist, daß ein gesellschaftspolitisch so wichtiges Werk wie „Mahagonny“ seit seiner Uraufführung vor ca. 80 Jahren nicht nur nichts von seiner Wichtigkeit verloren, sondern bedauerlicherweise an Aktualität gewonnen hat, weshalb man es nur als verdienstvoll bezeichnen kann, daß dieses Bekenntnis zu „Wie man sich bettet, so liegt man“ heute mit künstlerischem Nachwuchspersonal so eindruckvoll auf die Bühne gebracht wird wie es in diesen Tagen im Forum der Hochschule geschieht. Kämpfen sie doch alle – nicht nur für sich – um  eine lebenswerte Zukunft, da wir uns ja ,neuerlich  und globally,  in einer Situation befinden, in der die Aktien fallen, die Gewerbesteuer absinkt, die Kämmerer Kassandra-Rufe ausstoßen und die Parlamente Treibjagden auf jene parasitären Untiere veranstalten, die Zuschüsse fressen und damit dem Ausgleich der Wirtschaftspläne im Wege stehen. In der Vermittlung jener Erkenntnis liegt die Qualität dieses Abends ebenso wie in der künstlerischen Realisation .

Da der Rezensent die sogenannte B-Premiere erlebt hat, bedarf es  darüber einiger weniger Randnotizen:

  1. ist Steinunn Skjenstadts Verkörperung der Jenny herausragender Bewunderung würdig.Es wäre unfair, die übrigen jungen Sänger etwa an Martha Mödl ( Begbick) zu messen oder an Ivan Rebrow (Ackermann) , die Harry Buckwitz bei seiner  w e s t  deutschen Erstaufführung in Frankfurt 1966 /67 zur Verfügung standen. Aber Skjenstadts Jenny ist glanzvoll an die Seite einer Olive Moorefield zu stellen, die dortselbst vor einem halben Jahrhundert die Jenny sang.
  2. Markus Meyers originelles Bühnenbild  ( mit absenkbaren Segmenten weit in den Zuschauerraum hineingebaut ), überzeugt nicht nur durch die geschickt -optische Fortsetzung einer heutigen amerikanischen Strassenlandschaft mit Flyovers und Flyunders, wie man sie etwa in Los Angeles erleben muß.
  3. bietet diese szenische Lösung die Möglichkeit, die Sänger  v o  r   den Klangkörper der Hamburger Symphoniker zu positionieren, deren Volumen unter dem Dirigenten Siegfried Schwab häufig zu gewaltig gerät und die Sänger überdeckt.
  1. haben wir einen prächtigen Hochschul-Abend erlebt, der das alte Buckwitz-Wort wieder einmal bewies:
    „Education, also (auch künstlerische) Erziehung basiert auf dem lateinischen Wort E-ducere. Wörtliche Übersetzung: Aus einem Menschen  h e r a u s f ü h r e n , was in ihm steckt..Das ist den Leitenden dieser Produktion inbezug auf ihre begabten Studenten durchaus gelungen.

Weitere Vorstellungen, jeweils um 19.30 Uhr finden statt am 12., 14., 16.,25. Juni sowie am Sonntag, 24. Juni um 16.00 Uhr

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