Ssählawih oder C’est la vie? Gelungene Kurt-Tucholsky-Revue

Von Hans – Peter Kurr

Im Geburtsdatum trennen sie 22 Jahre, die „eiserne Schnauze“ Kurt Tucholsky, der nur 45 Jahre auf unserem Planeten verbrachte und das eiserne Hamburger Theaterschiff, das heute noch lebt….

Und das kam so (,……wie es in manchen Geschichten heißt)

Nach dem Zusammenbruch des „Großdeutschen Reiches“, das eintausend Jahre überleben sollte, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nach dem Verlust aller Kunst in deutschen Landen, nach den schrecklichen, lebenvernichtenden Bomberangriffen, die Hamburg in einem Umfang skelettierten wie mehr als ein Jahrhundert früher der Grosse Brand von 1842 und, nachdem er das Stadttheater Wernigerode, dessen Ensemble er seit 1945 angehörte, verlassen hatte und in die sog. „BRD“ übergesiedelt war, verdiente ein junger Mann im Hamburger Hafen sein Brot als „Schietgänger“. So nennt man – heute noch – Männer, die in die einzige Öffnung riesiger Behälter, nach dem Löschen derselben klettern, um sie von den Resten ihrer –zumeist klebrigen – Fracht zu reinigen

Die Rede ist von Eberhard Moebius, der sich seit 1958 langsam in Hamburgs Theaterszene einarbeiten mußte, ehe er, gemeinsam mit Ehefrau Christa, d i e I d e e seines Lebens hatte: Ein schrottreifes Schiff zu kaufen, es restaurieren zu lassen, es am Nicolaifleet zu vertäuen und ein Theater darauf zu installieren.

Das geschah 1975. Da war der Pott bereits 63 Jahre alt. In unseren Tagen nun hat er gut einhundert Jahre unter der Flagge, ist noch immer seetüchtig, steht inzwischen, in der Nachfolge des Moebius-Ehepaares , unter der Leitung von Anke, Gerd und Heiko Schlesselmann.

Berühmte Namen zählen zu den besten, die deutsches Theater und deutscher Film bis heute aufwiesen:

Gert Fröbe zeigte hier seine berühmte Torhüter-Nummer,der kürzlich verstorbene „Heini“ Reincke wurde hier zu Joachim Ringelnatz, Richard Münch sprach seinen gepflegten Goethe und andere hochrangige Literatur, bevor er, der in jenen Jahren noch unter Flugangst litt, den Schlafwagenzug nach Zürich nahm, um morgens mit seiner Frau Ella Büchi in Küsnacht frühstücken zu können.Das sind nur drei Beispiele aus vielen Jahren.

Nun also 100-jähriger Geburtstag. Einer der Höhepunkte der Jubiläums-Programm-Kette ist zweifellos die heiter mit „Ssälawih“ betitelte Kurt-Tucholsky-Revue, die Nadja Eustermann, Johannes Kirchberg und Frank Roder in diesen Tagen bieten: Drei bewundernswert vielseitig begabte Schauspieler und Kabarettisten sind an Bord zu erleben, die begeisterten Reaktionen des Publikum dröhnen, nahezu raumsprengend , durch den alten Kahn am Nicolaifleet, wenn dieses Terzett „Tucho“ präsentiert, musikalisch ebenso souverän wie verbal, dazu optisch, durch zahlreichen Kostümwechsel, äußerst abwechslungsreich.

Fazit: Ein faszinierender –in der Regie von Sylvia Richter (, die auch das Buch dieser Revue schrieb) einfallsreich gestalteter – Abend, gewürzt mit Tempo, Temperament , politischen Humor und gesellschaftskritischem Witz, der nicht nur den großen Tucholksky ehrt, sondern auch die Tradition des Theaterschiffes würdig fortführt.

Nächste Vorstellungen: 6., 9., 17., 18. Mai 2012.

 


Autor: Günther Falbe

Ehrenpräsident der DAP, freier Journalist

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