Irrungen und Wirrungen – Shakespeares Sitcom im English Theatre of Hamburg

Von Uta Buhr

IRRUNGEN UND WIRRUNGEN – SHAKESPEARES SITCOM IM ENGLISH THEATRE OF HAMBURG

Wie wird das wohl enden?

Endlich wieder ein Shakespeare in Hamburgs englischem Theater. Und was für einer! „The Comedy of Errors“ – Die Komödie der Irrungen – entstand um das Jahr 1590. Als einziges Lustspiel des großen Dichters ist sie  in possenhafter Weise ausschließlich auf Situationskomik zugeschnitten. Also eine Art  Sitcom, die auch heute nach über vierhundert Jahren ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt. Der Stoff entstammt ebenso wie die Mittel seiner Behandlung römischen Komödien des Plautus, die aufgrund ihrer derben Komik und lebendigen Dialoge außerordentlich bühnenwirksam sind.

Die an verschiedenen Plätzen des antiken Ephesus spielende Handlung ist – nomen est omen – recht verwirrend und erfordert dem Zuschauer ein hohes Maß an Aufmerksamkeit ab. Im Mittelpunkt stehen die männlichen Zwillinge des Kaufmannes Ägeon aus Syrakus  und seiner Ehefrau Ämilia. Die Kinder werden während einer Überfahrt auf dem Mittelmeer geboren. Aus dramaturgischen Gründen hat Shakespeare dem plautinischen Zwillingspaar noch ein zweites hinzugedichtet, das zur selben Zeit auf dem Schiff von einer Sklavin zur Welt gebracht wird. Bei einem schweren Sturm gehen Ämilia und eines der Kinder verloren. Vater Ägeon kann sich mit dem anderen Sohn retten und kehrt nach Ephesus zurück. Wie durch ein Wunder hat auch der Bruder überlebt. Nun existieren zwei Männer mit dem Namen Antipholus, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Jener der ein Syrakus lebt, kennt seinen Bruder in Ephesus jedoch nicht. Als Antipholus aus Syrakus nach Ephesus aufbricht, um dort nach seinem verschollenen Zwilling zu suchen, gerät das Leben der gesamten Stadt aus den Fugen.

Genuss für Augen und Ohren

Völlig unbekannte Menschen grüßen ihn, und sein Bediensteter Dromio – einer der Zwillinge der Sklavin an Bord des Schiffes – dreht seinem Herrn eine Nase und will einfach nicht mehr gehorchen. Auch Adriana, die Frau des Antipholus von Ephesus, verwechselt den Bruder ihres Ehemannes mit ihrem Gatten und verwöhnt diesen nach alles Regeln der Kunst. Die Verwirrung ist perfekt. Keiner scheint mehr zu wissen, wer er wirklich ist und mit wem er sich eingelassen hat. Mehr Chaos war nie. Da wird geprügelt und geschrien, was das Zeug hält. Nach schönster Slapstickmanier erscheint ein bloßes Hinterteil in einem Fenster, ergießt sich der Inhalt eines Nachttopfes über dem Kopf  eines Passanten. Der Zuschauer hat zuweilen Mühe, diesem turbulenten Geschehen zu folgen. Doch gemach.

Noch ist nichts sicher

Es versteht sich, dass sich der gordische Knoten am Ende des Stückes ganz von selbst auflöst. Die beiden Zwillingspaare finden wieder zueinander, und auch die tot geglaubte Ämilia meldet sich im Gewand einer Äbtissin zurück. Eine Familienzusammenführung, wie sie nur im Buch oder auf der Bühne stattfinden kann. Man möchte fast sagen: „….und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.“

In welche Richtung soll es gehen?

Eine reife Leistung des English Theatre! Sechs wunderbare Schauspieler agieren auf der Bühne, ein jeder gleich in mehreren Rollen. Die großartige Fiona Finsbury ist sogar in fünf Parts zu sehen – sie verwandelt sich mühelos von der Kurtisane in schwarzem Latex in eine züchtig gekleidete Ordensfrau. Es grenzt fast an Zauberei, in welcher Geschwindigkeit die Mimen von einem Kostüm, von einer Rolle in die nächste schlüpfen und zudem auch noch als Musiker brillieren. Mit Geige, Gitarre, Banjo, Akkordeon und fröhlichem Gesang begrüßen sie das Publikum, bevor das Stück beginnt. Die Bühnenausstattung ist gekonnt minimalistisch und lebt einmal mehr von den Beleuchtungseffekten des viel gelobten Geoff Humphrys.

Fragen?

Besuchern sei empfohlen, sich vor dem Theaterbesuch mit dem Stück zu befassen, weil  der rote Faden im Laufe der turbulenten Handlung  allzu schnell verloren gehen kann. Hinzu kommt, dass das Shakespear’sche Englisch nicht jedem geläufig ist. Die Schauspieler sprechen dem Stück gemäß sehr schnell, und der eine oder andere Dialog geht im Laufe der burlesken Handlung und dem Lärm  zuweilen  unter. Alles in allem eine ungewöhnliche, sehr interessante  Aufführung, die wir diesmal Regisseur Graham Watts, einem Import aus Großbritannien, verdanken. Dieser hat sich bereits mit der Inszenierung der meisten Stücke William Shakespeares einen Namen gemach. Wieder einmal  tritt in diesem herrlichen Verwirrspiel  eine Riege einzigartiger Schauspieler auf. Jeder von ihnen blickt auf eine lange Reihe von Erfolgen auf der Bühne, im Film und/oder Fernsehen zurück. Für sämtliche Darsteller  ist dieser Auftritt der erste auf den Hamburger Brettern. Hoffentlich nicht der letzte.

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zum Autor dieses Lustspiels. William Shakespeares Stücke sind auch vierhundert Jahre nach seinem Tod  genauso beliebt wie zur Zeit seiner großen Erfolge am Londoner Globe Theatre. Trotz seines weltweiten Ruhmes ist wenig über seine Person bekannt. Getauft am 26. April 1564 in Stratford und eben dort gestorben am 23. April 1616, Autor von siebenunddreißig Theaterstücken sowie zahlreichen Gedichten und Sonetten, als Schauspieler und Regisseur einer der „King’s Men“ unter Jakob I. So nüchtern liest sich seine Biographie. Wahrscheinlich liefert das Fehlen von Details immer noch genügend Stoff für wilde Spekulationen darüber, wer dieser William Shakespeare, der „Schwan von Stratford“, in Wirklichkeit war. Manche behaupten, sein Name sei das Pseudonym einer seiner berühmten Zeitgenossen gewesen. Zur Auswahl stehen Christopher Marlowe, Francis Bacon oder Edward de Vere, 17. Earl of Oxford. Manche halten auch Ben Johnson für den „wahren“ Shakespeare. Wir werden es wohl nie wissen. Fest steht, dass die unter dem Namen dieses genialen Autors  verfassten Werke die Menschen auch in über  hundert Jahren noch begeistern werden. Und darauf kommt es schließlich an.

„The Comedy of Errors“ läuft bis einschließlich 21. April 2012 – Karten unter Telefon 040 – 227 70 89 – Online-Buchungen: www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Moon over the Brewery“ von Bruce Graham –  am 3. Mai 2012

 

 

 

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