Ein Parteiloser war der erste Bildungsminister der Bundesrepublik Deutschland

Von Dr. Manuel Ruoff

SPD-Linke, Bildungsföderalismus und fehlende Hausmacht beendeten Hans Leussinks Ausflug nach Bonn

In der ersten Reformeuphorie der Ära Willy Brandt war er dessen Minister für die Bildung, einem der liebsten Steckenpferde der studentenbewegten SPD-Linken. Und trotzdem war Hans Leussink ein Fachmann, ein „Technokrat“, der auf Vernunft statt auf Ideologie setzte.

Staat statt Markt lautet die Formel der Linken. Folglich wurde in der Bundesrepublik nach dem Wechsel von den bürgerlichen Nachkriegsregierungen über die Große Koalition zur SPD-geführten Regierung Brandt der Staatsapparat aufgebläht. Besonderer Aufmerksamkeit und finanzieller Förderung erfreute sich dabei der Bildungssektor.

Der ideologische Hintergrund war dabei die linke These, dass von Natur aus alle gleich seien und erst die Umwelt Ungleichheit bringe. Diese Ansicht führt von eine Strafjustiz, die in Verbrechern statt Tätern Opfer der Gesellschaft sieht, über Gender Mainstreaming bis zum Versuch im Stalinismus, die mendelschen Regeln zu widerlegen. Da nicht die Erbanlagen, sondern die Sozialisation entscheidend sei, kommt von daher der Bildungspolitik in der linken Ideologie größte Bedeutung zu.

So hieß es nach der Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition in der Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969: „Bildungspolitik, Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung stehen an der Spitze der Reformen, die es bei uns vorzunehmen gilt. Wir haben die Verantwortung, soweit sie von der Bundesregierung zu tragen ist, im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft zusammengefasst.“ Das war ein Kratzen an dem im Grundgesetz festgeschriebenen bundesdeutschen Dogma des Bildungsföderalismus. An die Spitze des neugebildeten Bundesministeriums wurde Hans Leussink berufen. Der erste Bundesbildungsminister steht wie kein anderer Bundesminister für die bundesdeutsche Bildungsexplosion mit ihren fetten Jahren und ihrer Fülle an Planstellen für Jungakademiker, von denen Studenten späterer Jahrgänge, denen eine Zukunft im akademischen Proletariat drohte, nur träumen konnten. Inzwischen versucht zwar die Linke, mit der „Bildungsrepublik Deutschland“ die damaligen Zeiten zurückzuholen, aber heute fehlt dazu das Geld. Das war damals nach „Wirtschaftswunder“ und jahrzehntelanger bürgerlicher Regierung noch anders. So war Minister Leussink eine Erhöhung des Bildungs- und Forschungsetats um 43 Prozent vergönnt.

Nichtsdestoweniger entsprach Leussink nicht dem Idealbild der damals dominierenden linken Bildungspolitiker. Er war weder Soziologe, Politologe, Sozialpädagoge oder sonst ein …oge, noch nicht einmal Ideologe, was ihm die SPD-Linke besonders übel nahm. Leussink war auch kein Berufspolitiker mit SPD-Parteibuch, sondern ein parteiloser Seiteneinsteiger, der schon lange vor dem Linksruck der Republik in seinem erlernten Beruf Karriere gemacht hatte.

Bis zu seinem Ausflug in die Bonner Bundespolitik war die Berufslaufbahn des am 2. Februar 1912 im preußischen Schüttorf, Kreis Bentheim zur Welt gekommenen Architektensohnes eine bunte Mischung aus Tätigkeiten in Wissenschaft und Industrie. Nach einem Bauingenieurstudium an der Technischen Hochschule in Dresden wechseln Tätigkeiten am Institut für Technische Mechanik an der Bergakademie im sächsischen Freiberg, an einem ebendort ansässigen Ingenieurbüro und am Erdbau-Institut der Technischen Hochschule München.

Nach dem Krieg sammelte er Erfahrungen als Selbständiger. So betrieb er ab 1946 ein Architektur- und Ingenieurbüro in seiner Geburtsstadt. 1950 gründete er das Erdbaulaboratorium Essen. Er spezialisierte sich auf Großprojekte und wirkte unter anderem beim Bau des Assuan-Staudamms mit.

Nach der Habilitation folgte er 1954 einem Ruf als Professor für Grundbau, Tunnelbau und Baubetrieb an der Technischen Hochschule Karlsruhe. 1956 wurde er Dekan der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen, 1958 Rektor der TH Karlsruhe.

1960 bis 1962 war Leussink Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz und 1962 wurde er Vorsitzender des neu gegründeten Ausschusses für Universitäten und Forschung beim Europarat. 1965 wurde er Präsident des Wissenschaftsrates, dem er seit 1962 angehörte. Leussink war also kein Kind der sogenannten Studentenbewegung, das erst infolge des Linksruckes der Republik nach oben geschwemmt worden wäre. Vielmehr war er schon zu Zeiten der Adenauer- und Ehrhard-Regierungen an der Bildungspolitik beteiligt gewesen, wenn auch nicht auf der Seite der Politiker, sondern der Wissenschaftler.

Heute wissen wir, dass Leussink ab 1937 NSDAP-Mitglied gewesen war, und an Planungen für den Autobahnbau soll er auch beteiligt gewesen sein, was das linke Feindbild komplett macht. Der Vorsitzende der Bundes-Assistenten-Konferenz Tilman Westphalen bescheinigte ihm 1970 das „konzentrierte Miss­trauen aller Wissenschaftler unter 35“. Das erinnert an den 68er-Spruch „Trau keinem über 30!“ Westphalen musste jedoch die Altersgrenze heraufsetzen, war er selber damals doch schon 34. Leussink, der wie manch anderer politischer Quereinsteiger dem Irrglauben anhing, dass sich Vernunft schon durchsetzen werde, sah seine Aufgabe und sein Ziel darin, die Funktions- und Leistungsfähigkeit des Bildungssektors zu verbessern. Dass brachte ihm von Seiten der SPD-Linken das Verdikt „Technokrat“ ein. Für sie war Sinn und Zweck der Bildungsreform nicht die Ergebnisverbesserung. Ihr bildungsreformerisches Credo lautete stattdessen mehr Chancengleichheit und Emanzipation. Wer denkt da nicht an aktuelle Frauenförder- und Integrationspläne?

Doch nicht nur die Linke machte Leussink das Leben schwer, sondern auch die Bundesländer. Stieß er mit seinem Appell an die Vernunft bei den SPD-Bildungspolitikern auf Ideologie, so bei den Länderpolitikern auf Ressortegoismen. Leussink besaß mit der Bildung zwar ein Ressort, das damals wahnsinnig angesagt war, doch stand er als Parteiloser den SPD-Bildungs- und den Länderpolitikern ohne Hausmacht gegenüber. So scheiterte Leussink mit seinem Versuch eines Hochschulrahmengesetzes. Erst setzte der linke SPD-Flügel 1970 im Bundestag seine Wünsche in dem Gesetzesentwurf durch und dann scheiterte dieser 1971 im Bundesrat.

Der einzige, auf den der Bildungsminister sich stützen konnte, war sein Freund und Kabinettskollege an der Spitze des Finanzressorts Alex Möller. Diesem hatte Leussink bis zu einem gewissen Grade auch seine Berufung in die Bundesregierung zu verdanken. Da Möller als zuständiger Minister das explosionsartige Anwachsen der Ausgaben des Bundes nicht mehr verantworten zu können glaubte, weil er die Stabilität der Finanzen in Gefahr sah, reichte er allerdings schon am 12. Mai 1971 ein Rücktrittsgesuch beim Bundeskanzler ein, das dieser auch annahm. Bereits wenige Monate später, im Herbst des Jahres 1971, strich Möllers Nachfolger als Bundesfinanzminister, Karl Schiller, Leussink 460 Millionen D-Mark Planungsreserve, ohne dass es im Kabinett Widerspruch gegeben hätte. Nach diesem eklatanten Beispiel seiner Machtlosigkeit zog der Bildungsminister die Konsequenzen und trat am 15. März 1972 von seinem Amt zurück.

Leussink fiel nicht ins Bodenlose. Er kehrte in den Wissenschaftsbetrieb zurück, aus dem er 1969 gekommen war und arbeitete zudem in diversen wissenschaftlichen und unternehmerischen Gremien mit. Als „Stiftologe“ wurde er deshalb auch scherzhaft bezeichnet. Am 16. Februar 2008 starb Hans Leussink in Karlsruhe.      Manuel Ruoff

Schreibe einen Kommentar