Die Hamburger Staatsoper – eine Bestandsaufnahme Anfang 2012

Von Dr. Ferenc Horvath

Eine Meinung, eine Kritik ist immer persönlich. Sie basiert auf dem Geschmack und auf den Erfahrungen des Kritik stellenden. So entstand dieses kurze Schreiben nach einer langjähriger Beobachtung der durch öffentliche Gelder subventionierten Hamburger Staatsoper im Jahre 2012.

Wunderbare Musik, ein professionelles Orchester, brillante Sängerinnen und Sänger.

Hier  könnte man halt machen, man darf aber nicht! Warum? Weil man weiter reden muss, und zwar weil die Besucher langsam rar werden.

Ein Grund mag vielleicht sein:  die Inszenierungen! Und hier kann und sollte man bestimmt ansetzen. Diese sind mit einigen, den Regel bestätigenden ausnahmen ( wie zB. die Cerenterola), nämlich einfach schwach. Warum eigentlich- würde man fragen?

Nun ist es wie folgt: Man kommt in die Oper, und sieht laute graue Uniformen, und das fast unabhängig vom Sujet. Ob Simon Boccanegra, Aida, Die Pique Dame, der Maskenball oder Machbet – der Tenor ist Mantra mäßig, mit ein paar Wörter beschreibbar immer wiederkehrend:

Faschismus, Elend, Depression, absolute seelische Verarmung. Und das alles sehr sehr einseitig, trivial wirklich erdrückend.  Einprägend, belehrend, entmutigend, traurig und weil es wiederholt passiert eigentlich nach einer Weile einfach langweilig.

Dazu kommt immer wieder ein Schuss Sexismus , ganz häufig aus Frauenhand – zum Beispiel in der Inszenierung bei  Doris Dörrie – in Don Giovanni, wo die Sänger aus in der Mitte   der Bühne aufgestellten weit gespreizten Frauenbeinen, physisch aus einer feuerroten Vagina hinein und heraus spazieren müssen.

Oder in der Oper Aida, wo während des Triumph Marsches die Statisten und der Chor sich in unmissverständlichen Positionen auf der Bühne quasi öffentlich lieben, und dabei, vor allem die Frauen, lange Minuten lang eigentlich sinnlos und fast ekelhaft begrapscht werden.

Besonders in dem zweiten Fall hat diese Idee mit dem Geschehen überhaupt kein Kontakt, das hei,t sie ist eine Erfindung für sich, eine Selbstdarstellung sonst gar nichts. Dabei ist sie hier ein wirklich  ziemlich geschmackloser Einfall, der zu einigen Etablissements von St. Pauli sehr wohl passt, vor allem wenn man dort dafür den Eintritt bezahlt.

Nicht zuletzt kommt noch eine tendenziöse Botschaft zu den vorab erwähnten zwei: Die gnadenlose Diffamierung und  Bloßstellung der bösen katholischen Kirche.

Dass das zum Beispiel in  Aida überhaupt nicht hineinpasst?

Dass der als katholischer Kardinal gekleidete Sänger warum eigentlich zu Isis beten soll?

Das alles stört das Konzept nicht! Hauptsache , dass die Priester allesamt böse sind, zur Waffe  greifen, gnadenlos Rache schwören. Noch wichtiger:  dass Sie sogar für einen Laien mit bloßem Auge sofort erkennbar äußerlich identisch sind mit denjenigen, die am Sonntag in den heute mehr und mehr leer werdenden  Kirchen über Liebe und Toleranz predigen.

Dabei könnte die Oper grundsätzlich mit ein wenig mehr Einfallreichtum, viel viel reicher an Botschaften und vor allem an Genuss sein! So haben es sich die großen Komponisten eigentlich  auch vorgestellt.

Die Bühne öffnet die Möglichkeiten für die Darstellung von Leiden und Elend, das nur ein Sinn macht wo das  Schöne und Prunkvolle auch dargestellt wird. Das eine ohne das Andere ergibt eigentlich auf längerer Sicht keinen Sinn. Schade, dass es von den Regisseuren heute scheinbar völlig außer Acht gekommen ist.

Wohl aber sieht und erkennt es der Betrachter, die Audienz.

Die Folge: sie interessiert sich mehr für Tarzan oder für den König der Löwen, weil dort zwar die Musik und die künstlerische Darbietung vielleicht weniger qualitativ ist, aber die Bilder sind wenigstens schön und bunt. Dort kann man sich auch mal amüsieren,dort muss man nicht nur ständig das Elend, und die  ständig wiederholte, bereits fast stereotyp gewordene Belehrungen  über sich ergehen lassen müssen.

Wer diese Meinung liest, den bitte ich die Staatsoper zu besuchen, dort für sich auch eine Meinung zu bilden, und diese ebenfalls gegenüber Dritten zu betonen. Vielleicht ändert sich dadurch etwas irgendwann mal wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Die Hamburger Staatsoper – eine Bestandsaufnahme Anfang 2012“

  1. Mein grosses Kompliment, Herr Kollege!
    Da ich seit fast 50 Jahren in beiden Berufen tätig bin, nämlich dem des SCHAUSPIEL-Regisseurs und Feuilletonredakteurs, habe ich meine journalistische Berichterstattung über „Inszenierungen“ der Staatsoper vor drei Jahren aufgegeben uind die mir zugestandene Pressekarte zurückgegeben.
    Chapeau vor Ihrem Mur! Ihr Hans-Peter Kurr

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