Ludwig Windthorst: Er war Bismarck »für den Hass da«

Von Dr. Manuel Ruoff

Vor 200 Jahren kam mit Ludwig Windthorst der »genialste Parlamentarier, den Deutschland je besaß« zur Welt

Hass ist aber ein ebenso großer Sporn zum Leben wie Liebe. Mein Leben erhalten und verschönern zwei Dinge: Meine Frau und Windthorst. Die eine ist für die Liebe da, der andere für den Hass.“ Dieses bemerkenswerte Wort sprach Otto von Bismarck während des Kulturkampfes, als die Beziehung zwischen den beiden Politikern auf ihrem Tiefpunkt war. Doch auch schon vor dieser Neuauflage des Machtkampfes zwischen Papst und Kaiser, zwischen Rom und Reich, ja selbst zu einer Zeit, als die beiden noch in unterschiedlichen Staaten lebten und politisch aktiv waren, war ihre Beziehung gestört. So verzieh Windthorst Bismarck nie, dass der Preuße 1853 zum Sturz des damaligen liberalen Kabinetts Hannovers beigetragen hatte, dem er als Justizminister angehört hatte. Es war eben nicht nur die Konfession, die den Katholiken vom Protestanten trennte. Vielmehr setzte der überzeugte Hannoveraner auf Rechtsstaat und Parlamentarismus sowie eine föderalistische großdeutsche Lösung der nationalen Frage.

Wie in ihren Ansichten unterschieden sich die beiden auch rein äußerlich. Glich Bismarck einem Recken, war bei Windthorst das Gegenteil der Fall. Der laut Golo Mann genialste Parlamentarier, den Deutschland je besaß, sah sich gezwungen, im Reichstag von seinem Platz aus zu sprechen, weil er hinter dem Rednerpult nicht zu sehen gewesen wäre. Es spricht für Windthorst, dass er seine äußerliche Deformation mit Selbstironie zu tragen wusste.

Erschwert wurde sein Dasein auch durch die Erfahrung, fast nie der dominierenden Mehrheit, aber dafür umso häufiger mehr oder weniger diskriminierten Minderheiten anzugehören. Das fing schon in der Schulzeit an, wo er der einzige Vertreter seines Geschlechts an einer Mädchenschule war. Der am 17. Januar 1812 auf dem Gut Kaldenhof bei Osterkappeln geborene Niedersachse identifizierte sich zwar mit dem Königreich Hannover, in dem er aufwuchs sowie nach Schule und Studium als Jurist Karriere machte, aber nichtsdestotrotz gehörte er auch dort als Katholik einer Minderheit an. 1866 verlor er als Folge des Deutschen Krieges mit der Annexion Hannovers durch Preußen seinen Heimatstaat und gehörte nun als überzeugter Hannoveraner einer – zudem von der Staatsmacht kritisch beäugten – politischen Minderheit an.

Aus seinem durch die Annexion neuen Verhältnis zur (neuen) Staatsmacht zog Windthorst Konsequenzen. Der Kronoberanwalt (Oberstaatsanwalt) schied aus dem Staatsdienst aus. Und obwohl das Verhältnis des liberalen Windthorst zum weniger liberalen Georg V. während dessen Regierungszeit und seiner eigenen Zeit als dessen Justizminister von 1851 bis 1853 sowie von 1862 bis 1865 nicht frei von Spannungen geblieben war, übernahm er nun die Vertretung von dessen Interessen gegenüber Preußen bei den Abfindungsverhandlungen.

Wenn Windthorst also auch berufliche Konsequenzen aus der Annexion zog, so zog er sich doch im Gegensatz zu der Mehrheit der anderen überzeugten Hannoveraner nicht aus der Politik zurück. Vielmehr ließ er sich ab 1867 sowohl in das Abgeordnetenhaus Preußens als auch in den Reichstag des Norddeutschen Bundes beziehungsweise des Deutschen Reiches wählen, wobei der großdeutsch Gesinnte der kleindeutschen Lösung unter preußischer Führung ähnlich kritisch gegenüberstand wie Preußen selbst.

Wie schon als Politiker des Königreiches Hannover definierte sich Windthorst in der Anfangszeit auch als Parlamentarier Preußens und des Reiches nicht primär über seinen katholischen Glauben. Vielmehr hatte für ihn das Streben nach Unabhängigkeit von Preußen Priorität. Eine Veränderung bewirkte hier die Gründung des Zentrums Ende 1870 und der beginnende Kulturkampf. Anfang 1871 trat Windthorst der Partei des politischen Katholizismus bei. Schnell entwickelte er sich zu einem ihrer führenden Repräsentanten und zu einem der profiliertesten Gegenspieler Bismarcks im Parlament, zumindest im Kulturkampf, aber auch darüber hinaus.

Gefährlich wurde Windthorst Bismarck nicht nur als Rhetoriker, sondern auch als Integrator. Bewundernd stellte der Preuße fest: „Es gibt nicht zwei Seelen in der Zentrumspartei, sondern sieben Geistesrichtungen, die in allen Farben des politischen Regenbogens schillern, von der äußersten Rechten bis zur radikalen Linken. Ich für meinen Teil bewundere die Kunstfertigkeit, mit welcher der Kutscher des Zentrums all diese auseinanderstrebenden Geister so elegant zu lenken versteht.“ In der Tat hat Windthorst das Seinige zur Entwicklung des Zentrums zur ersten deutschen Volkspartei beigetragen. Aufgrund seiner eigenen leidvollen Erfahrungen galt Windt­horsts Solidarität jedoch nicht nur seinen Parteifreunden, sondern auch den anderen von Bismarck als Reichsfeinde bekämpften Minderheiten. Windthorst musste damit in Bismarcks Augen zum Reichsfeind par excellence werden.

Bismarck und der Papst beendeten schließlich den Kirchenkampf über Windthorsts und des Zentrums Kopf hinweg. Diese Schlappe ändert jedoch nichts daran, dass der am 14. März 1891 in Berlin verstorbene Preuße wider Willen bis heute zu den bedeutendsten Vertretern des politischen Katholizismus zählt und nach wie vor seine Bewunderer hat.

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