Bischkek , die Hauptstadt von Kirgisien.

Von Dr. Ferenc Horvath

Plötzlich ist es sehr kalt geworden, der erste Schnee liegt auf den Dächern. Dir Blätter sind noch nicht gefallen, es ist aber nur die Frage der Zeit.

Die Einkaufszentren, die Supermärkte , die Apotheken sind sauber und gefüllt wie in Europa. Auffallend ist die Dominanz der bei uns auch bekannten Marken auf den Regalen. Die Menschen konsumieren, wie überall in der Welt in Kirgisien gerne.

Die Jugend surft, chattet , telefoniert wo sie kann. Orte mit W-LAN Versorgung sind besonders geliebt. Sie ziehen die Anwender wie ein Magnet in die Passagen. Geschickt wird der Zugang von den großen internationalen Mode Marken gesponsert. Gewiss wird es sich längerfristig auszahlen.

Die Wahlen sind gestern zu Ende gegangen. 4-5 Kandidaten haben eine Chance für die Präsidentschaft. Die Zählungen können noch eine Woche andauern, bis dahin bleibt alles hoffentlich ruhig, sagt man hier.

Obwohl die Sonne scheint, bleiben wegen der Kälte an diesem Sonntag die Leute scheinbar zuhause. Die Straßen sind wie leergefegt. Wir sind unterwegs ins Frunze Haus.

Michail Frunze der berühmteste Bolschewik der Stadt wurde hier geboren. Sein Vater stammte aus Moldawien, seine Mutter aus Russland. Das Geburtshaus von Frunze (ehemaliger Namensgeber der Stadt) findet man unweit vom Stadtzentrum entfernt, umgeben von Ministerien. Das Reetdach-Haus scheint zwar kein Besuchermagnet mehr zu sein, interessant ist das Sowjetische „Haus im Haus“ Museum Konstrukt jedoch.

Ein massives, dreistöckiges Beton- und Glas- Gebäude hat man über das kleine Anwesen errichtet, wo man die Wichtigsten Stationen des Lebens des Revolutionärs verfolgen kann.

Unsere Museums- Führerin ist 65. Hat eine laute, gute Erinnerungen an die kommunistische Zeit. Sie betont es immer wieder während der Führung. Sie spricht enthusiastisch, Ihre Augen leuchten, trotzdem wird sie nicht überschwänglich.

Im Mittelpunkt der Präsentation steht ein außerordentlicher Mensch, der von der Kindheit an immer mehr sein wollte, der die Revolution in Sankt Petersburg zusammen mit Lenin entfaltet hatte, der Koltschak und andere Weißgardisten endgültig besiegt hatte, der schließlich so populär wurde, dass er fast auf eine Stufe mit Stalin stand. (Wie wir es später von unseren Freunden erfahren, wurde diese Eigenschaft eigentlich sein Verhängnis) Sie spricht, und durch Ihre Erzählung wird die Geschichte lebendig. Eine Art von Geschichte. Jetzt wird Stalin erwähnt. Ich frage kurz nach Ihm, wie sieht es mit Stalin heute aus? Nun sagt sie, wie soll es aussehen? Sie erinnert sich noch als Stalin starb. Damals weinten die Menschen überall auf den Straßen. Mann hatte das Gefühl des Verlustes eines Vaters.

So ein Mensch könnte eigentlich nur gut gewesen sein. Sie hat keinem gekannt, dem Stalin geschadet hatte. Vieles hat das Volk aber vom Stalin erhalten.

Wir spazieren weiter zwischen den Sowjet Reliquien, zwischen Uniformen, Gewähren und Plakaten.

Die führenden Menschen damals waren gut und aufrichtig. Besaßen fast Gar nichts als Eigentum. Trugen einfache Kleider, glaubten an eine bessere Welt. Dafür haben sie sogar ihr Leben geopfert , wie Frunze. Wie man sagt, war er ein Multitalent. Studierte zuerst Wirtschaft in Sank Petersburg, aber während der Revolution und danach hat er sich neben den ständigen Kampf – wie Karl der Große denke ich – unter anderem ebenfalls mit Fragen der Landwirtschaft sich befasst. Parallel dazu schrieb er unzählige Lehrbücher über die Kriegsführung. Deshalb hat man die Militärakademie in Leningrad nach ihm benannt. Dort studierten alle die großen sowjetischen Helden des zweiten Weltkrieges – Zhukow, Rokosowski, Malinowski und andere „Schauen Sie sein intelligentes Gesicht, ein guter Mensch“ – sagt und meint auch die Führerin. Frunze schlief 2-3 Stunden am Tag. Kein wunder also, dass seine Kräften schwanden. Stalin hat ihm in einem Sanatorium in die Krim geschickt. Dort „musste er operiert werden, obwohl er es nicht wollte“. Er starb als 40 jähriger in 1925 an den Folgen dieser Operation. Sein Sohn starb einen Heldentod im zweiten Weltkrieg, seine Tochter lebt heute noch in Moskau.

Und nun besuchen wir das kleine Bauernhaus von den Eltern. Als wir vor einem Spiegel stehen, wird die Führerin ganz leise: „Diesen Spiegel wird eine besondere Kraft nachgesagt. Wenn man hier beim Vorbeigehen wünscht, wird das in Erfüllung gehen! Tun sie das!„

Die Führung ist nun zu Ende. Sie bedankt sich bei uns. Es gibt nicht viele Besucher, nicht alle Kirgisier kennen sogar diese wichtige Geschichte. Die Welt ist nicht besser geworden, sagt sie in Jeans verabschiedend.

Draußen auf den sowjetischen Fassaden steht der Name einer amerikanischen privaten Universität. Die Welt ändert sich, rasend schnell.

Die Oper zeigt Ballett am Abend. Das Haus ist nur zu einem Viertel gefüllt. Die Heizung ist ineffektiv, jeder sitzt im Mantel. Die Tänzer und die Musiker geben trotzdem alles.

Sie arbeiten gewiss nicht für das wenig Gehalt. Sie genießen es einfach. Das Haus ist zum Teil renoviert. Ein Prachtstück.

Die Besucher sind entweder jung oder ganz alt. Alle begeistert von der Leistung der Künstler.

Eine schöne Vorstellung. Der Tag in Bischkek geht mit einem guten Gefühl zu Ende.

Ein Gedanke zu „Bischkek , die Hauptstadt von Kirgisien.“

  1. Lieber Ferenc,
    Sie überraschen die Leser unserer Homepage immer wieder mit sehr interessanten Berichten über Regionen, in die man normalerweise nicht reist. Ihr Artikel über Bischkek, die Hauptstadt des zentralasiatischen Kirgistan, gewährt Einblick in diese fremde Welt und die Mentalität der Kirgisen. Die Verehrung eines Verbrechers namens Josef Stalin erschreckt mich zwar , verwundert mich auf der anderen Seite jedoch nicht. An irgend etwas müssen die Menschen in diesem von Armut und Korruption gebeutelten Land ja wohl glauben können. Und wenn es nur falsche Helden und deren Propheten sind. Und Informationen von außen werden sicherlich von der Regierung so stark gefiltert, dass der Bevölkerung nur „Fakten“ zugänglich gemacht werden, die dem Regime nützlich sind. Ich las jüngst im SPIEGEL. dass dass eine junge mutige Kirgisin sich aus dem Staub gemacht hat, um im Westen zu studieren. In dem Artikel beklagt sie den eklatanten Bildungsnotstand in Kirgistan.
    Ich habe Ihren von leiser Ironie „beseelten“ Beitrag mit Genuss gelesen und freue mich auf weitere Berichte aus Regionen, in die wir normlerweise keinen Fuß setzen. Besonders toll finde ich, dass Sie neben Ihrer beruflichen Tätigkeit in diesen Ländern immer noch Zeit für persönliche Recherchen finden und uns so an Ihren Erfahrungen teilhaben lassen.
    Herzlichen Dank – und hoffentlich bald auf etwas Neues aus Ihrer Feder!
    Ihre
    Uta Buhr

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