Im Haus der Weisheit

Die Relevanz früher arabischer Wissenschaftler im Licht der europäischen Krise
Von Josef Wilhelm Knoke
Ein faszinierendes und überaus lesenswertes Buch bringt mich dazu, diesen Artikel zu schreiben. Es heißt „Im Haus der Weisheit“ und ist geschrieben von dem britisch-irakischen Wissenschaftshistoriker und Professor für theoretische Atomphysik Jim Al – Khalili (Originaltitel: Pathfinders. The Golden Age of Arabic Science. Penguin 2010). In dem Buch beschreibt er sehr anschaulich die Entwicklung der „arabischen Wissenschaft“ in der Zeit, die wir als Blütezeit des Islam betrachten, dem 9. bis 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Nach Beendigung der Lektüre wurde mir bewusst, wie sehr unsere modernen Geistes- und Naturwissenschaften ihre Wurzeln dort haben, und nicht nur in der, viel häufiger zitierten, griechisch-römischen Antike. Von den vielen Beispielen an Gelehrten, die in dem Buch mit ihrem Leben und Werken vorgestellt werden, ist mir ein Name besonders im Gedächtnis geblieben:

Ibn Khaldun (1332 bis 1406)

Bei seinem Tode befand sich die Wissenschaftstradition des Islam bereits im Niedergang. Die auf Vernunft basierende Deutung der Welt und der Politik der großen Philosophen des islamischen Rationalismus, wie sie noch im 9. – 11. Jahrhundert üblich war, wurde verdrängt durch die Weltsicht orthodoxer, rein schriftgläubiger Ulema Gelehrter, die alles mit dem von Gott persönlich diktierten Koran-Text erklären wollten.


Ibn Khaldun befasste sich in seinem mehrbändigem Hauptwerk, der „Muquaddima“ (wörtlich: Prolog, Einleitung. Besser: Grundlagen), mit der Geschichte von Völkern, dem Wesen von Staat und Gesellschaft, damit, wie Zivilisationen entstehen, aufblühen und niedergehen. Sein Werk reflektiert natürlich primär den Aufstieg und Niedergang der damaligen islamischen Zivilisation, wobei ihn als Philosoph aber mehr die Deutung als die Chronik der Geschichte interessierte.
Ibn Khaldun war nicht nur Philosoph, sondern auch Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler. Arthur Toynbee hat ihn als den „brillantesten und scharfsinnigsten Geist, den die Menschheit je hervorbrachte“ bezeichnet. Josef Schumpeter nannte ihn den „wahren Vater der Wirtschaftswissenschaft“, da er bedeutende wirtschaftliche Zusammenhänge schon lange vor dem Zeitalter von Aufklärung und Industrialisierung entdeckt und beschrieben habe: die Nützlichkeit des Prinzips der Arbeitsteilung (vor Smith), das Prinzip des Wertes der Arbeit (vor Ricardo), eine Bevölkerungstheorie (vor Malthus), sowie die Rolle des Staates in der Wirtschaft (vor Keynes).
Für Ibn Khaldun ist das Kennzeichen einer starken Zivilisation, aber auch notwendig für deren Entstehen, die gemeinsame Werteorientierung ihrer Mitglieder. Auch der Ökonomie räumt er in seiner Bewertung des Zustandes einer Zivilisation einen hohen Stellenwert ein. Nach seiner Meinung müssen Menschen die Werte, die sie konsumieren, auch selbst produzieren. Mit zunehmendem Alter einer Zivilisation neigen jedoch deren Angehörige zu Luxus und konsumieren mehr, als sie an Werten schaffen. Sie finanzieren dies durch Schulden. Für Ibn Khaldun beginnt damit der Niedergang einer Zivilisation.
Seine Erkenntnisse haben eine frappierende Relevanz für die Deutung des heutigen Zustandes Europas. Wendet man seine Geschichtsphilosophie an auf unser heutiges Europa, mit seinem Mix von als Toleranz präsentiertem Werterelativismus sowie einem auf immer höherer Verschuldung basierenden, extensiven Lebensstil, so zeigt unsere Zivilisation deutliche Zeichen eines Niedergangs.
Zwar wächst inzwischen bei vielen Politikern die Einsicht, dass die ausufernde Schuldenmacherei der letzten Jahre, die zu der heutigen, gigantischen Verschuldung der Staaten führte, letzlich zum Zusammenbruch derselben führen kann. Gesetzliche Maßnahmen wie Schuldenbremse und Verbot der Kreditaufnahme über einen bestimmten Rahmen hinaus, sollen dem entgegenwirken.
Andere Politiker fordern dagegen eine stärkere Besteuerung, um dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen. Für Ibn Khaldun war vermehrte Steuererhebung keine Lösung, denn dadurch wurden seiner Meinung nach nicht mehr Werte geschaffen.

Ich befürchte, gerade auch unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse, Ibn Khaldun könnte mit seiner Zivilisationstheorie Recht behalten.

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