Ökonomie als Waffe


Nicht NUR eine Buchkritik

Von Dr. Wolf Tekook

Es gibt Bücher, deren prophetische Wirkung man erst nach einiger Zeit erfasst. Ein solches Buch ist Bekenntnisse eines Economic Hit Man von dem amerikanischen Autor John Perkins.

Das Buch ist keine Fiktion, sondern die Autobiographie eines Mannes, Jahrgang 1946, der vom amerikanischen Geheimdienst NSA und der internationalen Beratungsfirma MAIN für den titelgebenden Beruf ausgebildet wurde. Seine Aufgabe: Entwicklungs- und Schwellenländer durch bewusst übertrieben optimistische Wirtschaftsprognosen zu überdimensionierten Technikprojekten zu drängen. Diese Projekte wurden oft von der Weltbank finanziert, von stets amerikanischen Konzernen ausgeführt und trieben die Länder durch sich anhäufende Schulden in eine wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den USA.

Von 1970 bis 1982 arbeitete John Perkins bei der Firma MAIN. Detailliert beschreibt der die Projekte, an denen er gearbeitet hat – und die politischen Ziele der Vereinigten Staaten bei diesen Mammutunternehmen:

  • Die Elektrifizierung von Java in Indonesien – um dieses große Land zu Zeiten der kalten und heißen Kriege vor dem Einfluss der damaligen Sowietunion zu „bewahren“.
  • Die Bewahrung des status quo in der Kanalzone von Panama – um die Pläne der Japaner, die einen neuen Kanal dort bauen wollten, zu boykottieren.
  • Die Entwicklung einer modernen Infrastruktur und enorme militärische Aufrüstung in Saudi- Arabien – gegen Liefergarantien für Öl an die USA.
  • Der – fehlgeschlagene – Versuch, den Iran durch diese Methode an die USA zu binden – ebenfalls, um die Erdölreserven in das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ umzuleiten.
  • Energie- Investitionen in Ecuador – um die riesigen Vorräte an fossilen Brennstoffen für die USA zu sichern.

Nicht immer war das Ziel, die Länder durch immense Schulden an die USA zu binden. Saudi- Arabien und der Iran konnten dank ihrer riesigen Erdölreserven die Kosten für die Projekte mühelos aus dem eigenen Staatshaushalt bezahlen. In diesen Fällen wurde den Ländern Hochtechnologie im zivilen – und dem militärischen! – Sektor inklusive Wartungsverträgen verkauft. Immer profitierten ausschließlich amerikanische Konzerne, und immer wurde die politische Abhängigkeit zementiert.

Und wenn ein Land den Verlockungen der Vereinigten Staaten nicht erliegen wollte?

Dann wurden die Stufen zwei und drei eingesetzt!

Stufe zwei – das waren und sind die Schakale, Operationen der amerikanischen Geheimdienste, um nicht kooperationswillige ausländische Politiker zu eliminieren. Perkins nennt explizit zwei Beispiele:

  • Der Absturz eines Flugzeugs mit dem ecuadorischen Präsidenten Jaime Roldós am 24. Mai 1981. Der neugewählte Präsident hatte einen Kampf gegen die Abhängigkeit seines Landes von den US- amerikanischen Ölkonzernen begonnen, die Riesengewinne aus seinem Land abzogen, während die Bevölkerung Ecuadors weiter am Existenzminimum kämpften.
  • Ein weiterer Flugzeugabsturz am 31. Juli 1981. An Bord der kleinen Privatmaschine war der panamesische Präsident Omar Torrijos, der jahrelang dafür gekämpft hatte, dass die Kanalzone in Panama endlich wieder inländischer Kontrolle unterstellt wurde. Der friedensliebende amerikanische Präsident Jimmy Carter hatte ein solches Abkommen unterzeichnet, sein Nachfolger, der Republikaner Ronald Reagan, wollte diesen Schritt wieder rückgängig machen.

Weitere Beispiele – etwa in den 50ern die Entmachtung des iranischen Präsidenten Mossadeq zugunsten des wieder inthronisierten Schahs – werden kurz angerissen.

Stufe drei – Führten auch diese Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg, so kam es zu einer letzten Steigerung: Der militärischen Invasion der USA in die betreffenden Länder. Beispiele: Afghanistan und zwei Mal Irak.

John Perkins bekam im Laufe seiner – sehr erfolgreichen – Tätigkeit Gewissensbisse und schied 1982 bei MAIN auf eigenen Wunsch aus. Doch er beschreibt den Fortgang dieser Geschichte aus der Sicht des kenntnisreichen Beobachters – die wirtschaftlichen Verflechtungen der beiden Präsidenten George und George W. Bush, denen Ölfirmen und Anteile an der United Fruit Company gehören, und deren Reaktionen auf „Probleme“.

Interessant gegen Ende des Buches ist die Beschreibung, wie Pläne für eine de facto- Machtübenahme in Venezuela durch den Anschlag auf das Word Trade Center am 11.9.2001 und die nachfolgenden Kriege in Afghanistan und dem Irak nicht zur Ausführung kamen. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez wollte sein – auch erdölreiches – Land aus der freundschaftlichen Umklammerung des nordamerikanischen Nachbarn lösen. Die Verstaatlichung der Ölindustrie hätte das Eingreifen der USA nach den oben beschriebenen Mustern erfordert. Doch die Jagd auf Saddam Hussein rettete Chávez augenscheinlich den Kopf.

Parallelbetrachtung – Wie ist es heute?

Am 8. Oktober 2011 schreibt die Rheinische Post auf der Titelseite:

  • Die <US- amerikanische> Rating- Agentur Moody’s senkt die Bonitätsnoten von zwölf britischen Banken, darunter Lloyds und die Royal Bank of Scotland
  • Moody’s erteilt neun portugiesischen Banken eine schlechtere Bonitätsnote.

Im Innenteil wird weiter über die hoffnungslose Lage des schuldengeplagten Griechenland diskutiert. Wie äußerte sich vor drei Tagen erneut der aktuelle amerikanische Präsident Barack Obama? Die Europäer sollten sich gefälligst Mühe geben, ihre Bankprobleme in Ordnung zu bringen, sonst drohe der amerikanischen Wirtschaft Schaden. Hatte der Präsident vergessen, wo die aktuelle Wirtschaftskrise ursächlich entstanden ist?

Parallelen zu den Bekenntnissen eines Economic Hit Man?

Honi soit, qui mal y pense!

Fazit: Ein SEHR wichtiges Buch – nicht nur für historische Betrachtungen!

John Perkins
Bekenntnisse eines Economic Hit Man

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (12. März 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442154243
  • ISBN-13: 978-3442154241
  • Originaltitel: Confessions of an Economic Hit Man
  • Größe: 18,2 x 12,4 x 2,8 cm
  • Preis: 9,95 €

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