New Yorker Freiheitsstatue: Auf deutschem Zement gegründet

Von Dr. Manuel Ruoff

Vor 125 Jahren wurde die New Yorker Freiheitsstatue eingeweiht

Für das Fundament und den Sockel der Freiheitsstatue in New York lieferte die 1864 von Wilhelm Gustav Dyckerhoff gegründete Portland-Cement-Fabrik Dyckerhoff & Söhne 8000 Fass Portlandzement. Die daraus hergestellte Betonmasse war die bis dahin größte der Welt. Und das war nicht der einzige Weltrekord. Mit einer Figurhöhe von 46,05 Metern und einer Gesamthöhe von 92,99 Metern war die Freiheitsstatue die höchste der Welt.

Abgesehen von dem, was Lady Liberty mit Füßen tritt beziehungsweise ihr einen sicheren Stand in bewegter Zeit gibt, ist allerdings kaum etwas deutsch. Vielmehr handelt es sich bei dem Objekt ganz bewusst um eine französisch-amerikanische Co-Produktion als Symbol der französisch-amerikanischen Freundschaft, basierend auf dem gemeinsamen Ideal der Freiheit.

Die Idee dazu stammte aus Frankreich. Die Inspiration kam von Édouard René Lefebvre de Laboulaye. Nach einem festlichen Abendessen meinte der französische Jurist, Publizist, Journalist, Politiker und Präsident der damals gerade gegründeten französisch-amerikanischen Gesellschaft: „Wenn in Amerika zur Erinnerung an seine Unabhängigkeit ein Denkmal gebaut werden sollte, dann wäre es für mich nur natürlich, dass es als gemeinsames Werk beider Nationen errichtet würde.“

Ein anwesender Gast, der mit Laboulaye befreundete Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi, nahm den Impuls auf. Als Motiv wählten die beiden eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Die Frau ist sowohl in der französischen als auch in der US-amerikanischen Kultur eine positiv besetzte allegorische Figur. Mit Marianne und Columbia haben beide Länder eine Frau als Nationalsymbol. Und Libertas, die Göttin der Freiheit, die ja beide Republiken als Ideal verbindet, ist ebenfalls weiblich. Um bei den Amerikanern Akzeptanz zu finden, musste jedoch der Versuchung widerstanden werden, ihnen ein französisches Symbol als ihr Unabhängigkeitsdenkmal zu präsentieren. So entschied sich Bartholdi statt für die ursprünglich angedachte Kopfbedeckung der Marianne, den Pileus, für eine siebenstrahlige Krone als Kopfbedeckung. Und ganz ladylike (damenhaft) und im Sinne des antirevolutionären Laboulaye ist Lady Liberty weder barbusig noch mit einem Gewehr bewaffnet wie Eugène Delacroix’ das Volk führende „Freiheit“, sondern wie eine römische Göttin mit Stola und Pella züchtig gekleidet und mit einer Fackel versehen, die den Fortschritt symbolisieren soll. Hierauf Bezug nehmend lautet der offizielle Titel des Kunstwerkes denn ja auch „Liberty Enlightening the World“ (Die Freiheit erleuchtet die Welt). Von den Gesichtszügen schließlich heißt es, dass sie entweder von der Mutter Bartholdis oder der zweiten Ehefrau Isaac Merritt Singers stammen.

Nachdem Frankreich infolge des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 wieder eine Republik wie die Vereinigten Staaten von Amerika geworden war, traten Bartholdi und Laboulaye an die Realisierung. Mit einem Empfehlungsschreiben seines einflussreichen Freundes ausgestattet, reiste der Bildhauer nach Amerika. Dabei kam er wie so viele Europäer bei ihrer Reise nach Amerika am heutigen Standort der Freiheitsstatue vorbei, Liberty Island. Der Franzose kam zwar zu der Erkenntnis, dass die Zeit für das beabsichtigte Denkmal noch nicht reif sei, doch brachte er immerhin die Versicherung des US-Präsidenten Ulysseus S. Grant mit, dass die im Bundesbesitz befindliche Insel als Bauplatz zur Verfügung stehe.

1875, also unmittelbar vor dem großen Jubiläumsjahr 1776, in dem die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 100 Jahre alt wurde, unternahmen Laboulaye und Bartholdi einen zweiten Anlauf. Sie setzten auf eine Lastenteilung. Die französischen Schenker und die US-amerikanischen Beschenkten sollten sich die Kosten teilen. Die Europäer sollten für die Figur und die Amerikaner für Fundament und Sockel sorgen. Bemerkenswerterweise gestaltete sich das Spendensammeln in den USA schwieriger als in Frankreich. So kritisierte das Magazin „Harper’s Weekly“, dass die Amerikaner sich an dem französischen Geschenk beteiligen sollten und argumentierte: „Kein wahrer Patriot kann bei der aktuellen Lage unserer Finanzen irgendwelche Ausgaben für bronzene Frauen gutheißen.“ Dann stachelten jedoch andere US-amerikanische Städte den Lokalpatriotismus der New Yorker an, indem sie anboten, die Kosten zu übernehmen, wenn sie das Denkmal bekämen. Schließlich startete Joseph Pulitzer mit der von ihm herausgegebenen „New York World“ eine Pressekampagne und nun begannen auch auf dieser Seite des Atlantiks die Spendengelder allmählich zu fließen.

Ursprünglich sollten an einem Backsteinpfeiler die einzelnen Teile der Statue befestigt werden, doch dieser Plan wurde aufgegeben, nachdem es gelungen war, den späteren Erbauer des Eiffelturms für eine Mitarbeit zu gewinnen. Entsprechend dem nach ihm benannten Wahrzeichen von Paris setzte Gustave Eiffel auf einen Turm aus Eisenfachwerk als Kern und Halt der Statue.

Im Juni 1885 brachte das französische Schiff „Isère“ die in Frankreich gefertigten Einzelteile der Statue. Im April 1886 hatten die Amerikaner den Sockel vollendet. Unmittelbar danach begann der Zusammenbau der Statue. Am 28. Oktober 1886 wurde die Freiheitsstatue im Rahmen einer großen Zeremonie einschließlich der ersten Konfettiparade im Beisein ihres Schöpfers Bartholdi und des damaligen US-Präsidenten Grover Cleveland enthüllt.

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