Einheit in Vielfalt: Carl Friedrich Siemens

Von Dr. Manuel Ruoff

Er lenkte das »Haus Siemens« durch die Zwischenkriegszeit

Nur die Elektrotechnik, aber die ganze Elektrotechnik“, lautete der Grundsatz Carl Friedrich von Siemens’, dem Chef des „Hauses Siemens“ in der Zwischenkriegszeit. Während Carl Friedrich – heute wieder ganz modern – auf Diversifikation in unterschiedliche Branchen verzichtete und eine Konzentration auf das Kerngeschäft anstrebte, gehörte der von ihm geleitete Konzern andererseits zu den wenigen, die sowohl Schwach- als auch Starkstromtechnik anboten. Ersteres tat Siemens mit der auf Nachrichtentechnik spezialisierten Siemens & Halske AG, letzteres mit den auf Energietechnik spezialisierten Siemens-Schuckert-Werken (SSW). Die Stärkung der von ihm erstrebten „Einheit des Hauses Siemens“ durch die Übernahme aller SSW-Aktien durch Siemens & Halske unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges betrachtete Carl Fried­rich als Krönung seines Lebens.

Wenn Siemens auch die „Einheit des Hauses“ zum Ziel hatte, so doch nicht die Zentralisation. Auch hier wieder hochmodern, legte er Wert darauf, durch die rechtliche Selbstständigkeit der zum Konzern gehörenden Einheiten die Eigenverantwortlichkeiten zu stärken und die Verantwortlichkeiten klar zu machen.

Carl Friedrich ist als Nesthäkchen des Unternehmensgründers Werner von Siemens aufgewachsen. Sein einer Bruder Georg Wilhelm war mit Jahrgang 1855 17 Jahre und der andere, Arnold, mit Jahrgang 1853 gar 19 Jahre älter. Wie bei der Branche des Familienunternehmens kaum anders zu erwarten, studierte Carl Friedrich technische und naturwissenschaftliche Fächer sowie Mathematik. 1899 trat er in das Familienunternehmen Siemens & Halske ein und absolvierte dort eine Stammhauslehre.

Neben einer akademischen und einer Ausbildung im Betrieb sollte der Unternehmerspross auch Auslandserfahrungen sammeln. Nach Reisen nach Großbritannien, Frankreich und in die USA trat er 1901 in die Leitung der englischen Niederlassung Siemens Brothers & Co. ein.

Über Asien kehrte er 1908 nach Deutschland zurück und übernahm am Stammsitz in Berlin die Central-Verwaltung Übersee. Als Leiter der Exportabteilung des Gesamtkonzerns lernte er, über die Grenzen von Stark- und Schwachstrom, Nachrichten und Energietechnik, Siemens & Halske sowie Siemens-Schuckert hinauszudenken.

1918 und 1919 starben erst Arnold und dann Georg Wilhelm. Als neue Nummer 1 des Konzerns übernahm Carl Friedrich 1919 den Aufsichtsratsvorsitz von Siemens & Halske sowie Siemens-Schuckert. Seine Auslands- und Exporterfahrungen halfen Siemens, nach dem verlorenen Krieg wieder ins internationale Geschäft zu kommen.

Da Carl Friedrich die Volkswirtschaft für zu wichtig hielt, um sie den Politikern zu überlassen, engagierte er sich über die für Großunternehmer typische Mitarbeit in industrienahen Verbänden und Gremien hinaus in der Politik. Von 1920 bis 1924 saß er für die Deutsche Demokratische Partei im Reichstag. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten legte er seine öffentlichen Ämter nieder. Die erneute Niederlage des Deutschen Reiches erlebte er nicht. Vielmehr starb er, als das Dritte Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht war, vor 70 Jahren.

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