Ludwig I. von Bayern – ein großer König mit tragischem Ende

Von Dr. Manuel Ruoff

Ludwig I. von Bayern war einer der glühendsten deutschen Patrioten unter Deutschlands Fürsten

„Wir wollen Deutsche sein und Bayern bleiben“ war sein Credo als König. Ludwig I. gehörte zu jenen Bayern, die über den Tellerrand Bayerns hinaussahen und das größere deutsche Ganze im Blick hatten. Sein Geist war beeinflusst von den Ideen und Idealen des Liberalismus und der Romantik. Im Gegensatz zur heutigen deutschen Bundesregierung gelang es ihm, Griechenlandhilfe und Haushaltskonsolidierung zu vereinen. Daneben baute er wie sein Enkel Ludwig II., allerdings nicht wie dieser für sich selbst, sondern zur Erziehung seines Volkes. Ungeachtet dieser Leistungen scheiterte er schließlich wie der Held in einer griechischen Tragödie nicht ohne eigene Schuld.

Ludwigs Vater Maximilian I. von Bayern war frankreichorientiert. Er war Oberst des Regiments d’Alsace in Straßburg, machte Ludwig XVI. zum Taufpaten seines Ältesten und ließ sich von Napoleon zum König machen. Der am 25. August 1786 in Straßburg geborene Romantiker Ludwig hingegen dachte und fühlte national und hasste Bonaparte als den „Erb-Feind der deutschen Nation“. Umso schwerer muss es ihm gefallen sein, gerade in seinem ersten Krieg, dem Vierten Koalitionskrieg von 1806/07 gegen Preußen und Russland, im bayerischen Kontingent an der Seite des „Korsen, der den Teutschen Sklavenketten schmiedet“, fechten zu müssen. Als er im Gefolge von Napoleons Marschällen in Berlin einzog, führte ihn sein erster Weg zum Bildhauer Johann Gottfried Schadow, um eine Büste Fried­richs des Großen in Auftrag zu geben. Schon zu dieser Zeit tiefster, nicht nur preußischer Schmach soll Ludwig bereits die Idee zur Walhalla gekommen sein, diesem einmaligen Ruhmestempel großer Deutscher.

Als deutscher Patriot war er voller Wohlwollen gegenüber den deutschen Gebieten, die Bayern als Folge der napoleonischen Kriege zugefallen waren. Hiervon ist während der napoleonischen Ära seine Tätigkeit als Statthalter in Salzburg ebenso geprägt wie nach Napoleons Sturz sein Wirken als Kronprinz im fränkischen Würzburg. Sehr schönen Ausdruck findet sein Verbundenheitsgefühl mit den nichtbayerischen Deutschen in der von ihm nach dem Tode seines Vaters 1825 eingeführten Titulatur eines Königs von Bayern, Herzogs von Franken, Herzogs in Schwaben und Pfalzgrafen bei Rhein. Wenn diese Titulatur auch nicht analog zum österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 bedeutet hat, dass Ludwig seinen Staat in ein Königreich, zwei Herzogtümer und eine Pfalzgrafschaft aufgeteilt hätte, so wird darin doch deutlich, dass er sich eben nicht nur als Bayer verstand. Man mag diese Symbolpolitik belächeln, doch haben Ludwigs Nachfolger die von ihm geschaffene Titulatur beibehalten.

Ludwig fühlte sich als Deutscher, und als Bayer fühlte er sich seit der Gründung des Deutschen Bundes wie die Bundesrepublik Deutschland seit der Nato-Osterweiterung von Verbündeten umzingelt. In der Tat hatte Bayern nur Staaten des Deutschen Bundes zum Nachbarn. Kriege zwischen Bundesstaaten schloss die auf dem Wiener Kongress von 1815 beschlossene Bundesakte aus. Und da der Deutsche Bund im Gegensatz zur Nato ein Verteidigungsbündnis war, waren auch keine Rüstungsanstrengungen für Out-of-area-Einsätze notwendig. Dass der Deutsche Bund nur ein rundes halbes Jahrhundert halten würde, ahnte Ludwig nicht, und so strich der Friedensfürst den Militäretat kräftig zusammen. Ebenso verschlankte er rigoros den Staatsapparat durch den Abbau unnötiger Beamtenstellen. Mit derartigen Einschnitten gelang Ludwig als erstem bayerischen Herrscher nach eineinhalb Jahrhunderten ein ausgeglichener Staatshaushalt, später gar ein Schuldenabbau. Anders als die heutige Bundesregierung setzte er jedoch nicht auf sogenannte Einnahmeverbesserungen, sprich Steuererhöhungen, denn das verbot ihm der Respekt vor dem Eigentum seiner Untertanen. Vielmehr führte er ein drastisches Sparprogramm durch, an dem sich die Euro-Staaten ein Beispiel nehmen könnten.

Diese Sparpolitik verband Ludwig mit nicht immer erfolgreichen, aber so doch redlichen Bemühungen, die Infrastruktur seines Landes zu verbessern. So förderte er den Eisenbahnbau. Nicht ohne Grund tragen die Bayerische Ludwigsbahn, die erste deutsche Eisenbahn für Personenverkehr zwischen Nürnberg und Fürth, die Ludwig-Süd-Nord-Bahn mit der Strecke Hof–Nürnberg–Augsburg–Kempten–Lindau und die Pfälzische Ludwigsbahn zwischen Bexbach und Ludwigshafen am Rhein seinen Namen. Ludwigshafen verdankt seinen Namen übrigens auch dem umtriebigen König. Es entstand 1843 als bayerische Konkurrenzhafenstadt zum badischen Mannheim. Schließlich initiierte Ludwig auch den Ludwig-Donau-Main-Kanal als Verbindung von Nordsee und Schwarzem Meer.

Nicht nur wirtschafts-, sondern auch nationalpolitische Ziele verfolgte Ludwig mit seiner Freihandelspolitik. Unter dem Einfluss Friedrich Lists versuchte er, der politischen durch die wirtschaftliche Einigung vorzuarbeiten. 1828 gründete er mit dem württembergischen König den Süddeutschen Zollverein. 1833 gelang dann gegen den Widerstand Frankreichs und Österreichs die Gründung des Deutschen Zollvereins.

Wenn Ludwig auch mit Geld umzugehen wusste, so gab es doch zwei Länder, die ihn spendabel machten. Eines davon war Griechenland. Gegenüber den Helenen betrieb der Bayer ganz im Sinne heutiger Gutmenschen keine an den Interessen des eigenen Staates, sondern an übernationalen Menschheitsidealen ausgerichtete Außenpolitik. Wie Lord Byron und andere Romantiker begeisterte sich auch Ludwig für den Freiheitskampf der Griechen. Die Unterstützung des Bayernkönigs für die Helenen war derart bedeutend, dass diese die bayerischen zu ihren Nationalfarben erwählten und Ludwigs zweiten Sohn Otto zu ihrem König. Ludwigs Philohellenismus führte übrigens auch dazu, dass er gleich nach seinem Regierungsantritt im Namen seines Landes das „i“ durch das „griechische Ypsilon“ ersetzte, so dass aus Baiern Bayern wurde, was es bis zum heutigen Tag geblieben ist.

„Ich zählte einen zweiten Geburtstag, als ich Rom betrat. Die einzige Stadt, wo der Himmel der Erde sich öffnet.“ Noch mehr als das antike Griechenland begeisterte den Süddeutschen Italien. Als Student sollte und wollte der Kronprinz die Welt kennenlernen und dabei lernte er 1804 „das Land, wo die Zitronen blüh’n“, lieben. An die 40-mal besuchte er im Laufe seines Lebens das südeuropäische Land. In der Ewigen Stadt lernte er 1821 mit der Marchesa Marianna Florenzi die vermutlich einzige wirkliche Liebe seines Lebens kennen. Nach seiner eigenen Aussage fand in Venedig 1805 vor der Hebe des italienischen Bildhauers Antonio Canova sein künstlerisches Erweckungserlebnis statt. Daraufhin verwandte Ludwig schon als Kronprinz alle seine Ersparnisse für den Ankauf von Kunstwerken, besonders von antiken, die ihm seine Agenten in Italien und Frankreich vermittelten.

Nach der Besteigung des Throns bemühte er sich, München zu einem Zentrum europäischer Kunstpflege zu machen. Kunst war ihm dabei nicht Selbstzweck, sondern Erzieherin des Volkes. Für die Sammlungen baute er die Alte und die Neue Pinakothek, die Glyptothek und die heutige Staatliche Antikensammlung. Gleichfalls einem erzieherischen Zeck dienten seine Nationaldenkmäler, die Walhalla, die Ruhmeshalle, die Befreiungshalle, das Siegestor und die Feldherrnhalle. Obwohl seine Bauten dem Ganzen verpflichtet waren – „Auf daß die Teutschen teutscher herauskommen, als sie hineingegangen“ –, finanzierte er sie doch gro­ßenteils aus seinem eigenen Etat.

Ludwig schuf jedoch nicht nur viel Neues, sondern machte sich – ganz Romantiker – auch um den Erhalt von Überliefertem verdient. Per Erlass von 1826 verbot er den Abriss mittelalterlicher Stadtmauern und könnte so für sich auch in Anspruch nehmen, einer der ersten Denkmalschützer Deutschlands zu sein.

Außer wegen seiner tätigen Vaterlandsliebe, dem Ausbau Münchens zur Kulturmetropole und der Sanierung der bayerischen Staatsfinanzen ist die Bescheinigung von Größe auch durch seine erste, liberale Regierungsphase gerechtfertigt. Zu einer von Ludwigs ersten Taten als König gehörte die Aufhebung der Pressezensur im Jahre 1825. Mit Entschlossenheit bekannte er sich zu Verfassung und Liberalismus. Entschieden verteidigte er die Freiheiten seiner Landeskinder gegen die Metternichsche Restaurationspolitik. 1826 ließ er die Ludwig-Maximilians-Universität aus dem provinziellen Landshut in die Hauptstadt München verlegen und sorgte für einen ebenso qualifizierten wie pluralistischen Lehrkörper. 1827/28 legte er seinem Landtag ein 25 Gesetzesvorlagen umfassendes Reformprogramm vor. Die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege sowie die Vereinfachung der Verwaltung und Justiz waren dort ebenso vorgesehen wie die Übertragung der in der Pfalz aus vorbayerischer Zeit noch vorhandene Einrichtung der Landräte auf ganz Bayern, um auch auf kommunaler Basis die Bürgerbeteiligung einzuführen.

Ludwigs Reformvorstellungen stießen im Landtag jedoch auf eine destruktive Allianz aus Reaktionären, denen des Königs Reformvorstellungen zu weit gingen, und Liberalen, denen sie nicht weit genug gingen. Mit diesem Bündnis in der Ablehnung hatte Ludwig nicht gerechnet. Noch irritierender wirkte auf den König, dass die französische Julirevolution an den Grenzen Bayerns nicht Halt machte.

Wenn Ludwig sich auch zu Verfassung und Liberalismus bekannte, so lebte er doch ganz wie sein Enkel Ludwig II. im Glauben an das Gottesgnadentum mit einem Hang zum Absolutismus. Ludwig war bereit, seinen Untertanen Freiheiten zu gewähren, ja sogar Partizipation. Mit vermeintlichem Ungehorsam wusste er aber nicht umzugehen. Als es infolge der Julirevolution um Weihnachten 1830 in München zu Studentenkrawallen kam, überreagierte der König. Er ließ die Universität schließen und die auswärtigen Studenten ausweisen. Bestärkt fühlte sich Ludwig in seinen Repressionen noch durch das Hambacher Fest von 1832. Statt Fürst Clemens von Metternich, dem reaktionären Staatskanzler der Präsidialmacht des Deutschen Bundes Österreich, weiterhin Widerstand entgegenzusetzen, unterstützte er nun dessen repressive Politik.

Ludwig definierte sich nun nicht mehr über den Liberalismus, sondern über einen romantisch verklärten Katholizismus. Er bemühte sich um Wiedergutmachung für den Reichsdeputationshauptschluss mit dessen Säkularisierungen. Das erste Kloster, das er neu gründete, war 1830 das ehemalige karolingische Königskloster Metten. Bereits 1831 waren 43 klösterliche Niederlassungen neu gegründet oder wiederbelebt worden. Bis 1837 waren es 75. Die Dome zu Bamberg, Speyer und Regensburg ließ er wieder herrichten.

Als christlicher Fürst hatte sich Ludwig von Anbeginn gefühlt, doch ging dieses anfänglich mit einer eher überkonfessionellen Politik der Toleranz einher. Das änderte sich nun. So gewährte Ludwig, um nur ein Beispiel zu nennen, der katholischen nun das Privileg einer Staatskirche, und seine protestantischen Soldaten zwang er durch den sogenannten Kniebeugeerlass, bei Kultusakten der Katholiken das Knie zu beugen.

Personifizieren lässt sich Ludwigs Kursschwenk im Aufstieg Karl von Abels. 1837 wurde diesem den Ultramontanen nahestehenden Politiker – zunächst provisorisch – die Leitung des Innenministeriums übertragen. Es folgte die Ernennung zum Innenminister und 1840 auch noch zum Finanzminister. 1847 entließ Ludwig zwar diesen in weiten Kreisen unbeliebten Politiker, aber aufgrund einer Weigerung des Ministers, die durchaus populär war. Abel hatte sich geweigert, Ludwigs Geliebte Lola Montez einzubürgern.

Wie 18 Jahre zuvor mit den Ausläufern der französischen Julirevolution von 1830 konnte Ludwig auch mit jenen der französischen Februarrevolution von 1848 nicht umgehen. Geschwächt durch sein Verhältnis mit der unpopulären Montez sah Ludwig sich gezwungen, am 6. März 1848 die Erfüllung der sogenannten Märzforderungen zuzusagen. Zwei Wochen später dankte er zugunsten seines ältesten Sohnes ab. Zur Begründung schrieb er einige Wochen später: „Regieren konnte ich nicht mehr, und einen Unterschreiber abgeben wollte ich nicht. Nicht Sklave zu werden, wurde ich Freiherr.“

Ludwigs Nachfolger schickte sich nicht an, seine Bauwerke zu vollenden. „Meinetwegen mögen sie als Ruinen liegen bleiben und zu Ruinen zerfallen, ich thue und gebe nichts, gar nichts dafür“, war Maximilians II. Standpunkt. Wie weiland als Kronprinz auf sein Privatvermögen beschränkt, sprang Ludwig ein und vollendete sein Werk für sein Volk. Ebenso machte er sein Land zum Erben seiner Sammlungen. Überhaupt scheint Ludwig sich mit dem vorzeitigen Ende seiner Regentschaft arrangiert zu haben, worauf auch diese Zeilen hindeuten: „Habe immer gesagt, wirklich König sein oder die Krone niederlegen, und so hab’ ich nun gethan! Was mich am meisten schmerzte, gewaltigen Kampf in mir verursachte, war, daß ich sehr beschränkt dadurch, für die Kunst zu thun, was ich vorhatte … Dieses schmerzt mich sehr, nicht daß ich zu herrschen aufgehört. Bin vielleicht jetzt der Heiterste in München.“

Für Gelassenheit spricht auch eine Anekdote über Ludwigs Umgang mit Napoleons Enkel Napoleon III. Kurz vor seinem Tod besuchte er 1867 als immer noch interessierter Zeitgenosse die französische Weltausstellung in Paris. Als der Kaiser der Franzosen ihn fragen ließ, um welche Stunde ein Besuch genehm wäre, lautete seine Antwort: „Von 4 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends stehe ich zu Gebote.“ In Frankreich tat Ludwig auch seinen letzten Atemzug. Er starb am 29. Februar 1868 während eines Kuraufenthaltes in Nizza.

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