Der jüdische Friedhof in Altona

Dieser Artikel erschien am 6. August 2011 in der PAZ

 IN STEIN GEMEISSELTE ERINNERUNG – DER JÜDISCHE FRIEDHOF IN ALTONA

Von Uta Buhr

Es hat angefangen zu regnen. Leise fallen die Tropfen auf das dichte Laubdach der Bäume und netzen das Moos auf den alten Grabsteinen. Außer dem Gezwitscher der Vögel  und dem Summen der Insekten stört kein Geräusch die Ruhe der Toten auf dem jüdischen Friedhof an der Königstraße. Bei diesem trüben Wetter haben sich nur wenige Besucher  an dem „guten Ort“ eingefunden. So nannten die aus Portugal stammenden  Juden jenes Areal, das sie

Im Jahre 1611  vom Grafen Ernst III. von Holstein-Schauenburg und Sterneberg erwarben, um hier ihre Toten nach sephardischem Ritus zu bestatten. Am 31. Mai  wurde dieser älteste jüdische Friedhof in  Nordeuropa, der gleichzeitig als  einer der bedeutendsten seiner Art weltweit gilt, vierhundert Jahre alt. Seit Langem gibt es Bestrebungen, ihn als UNESCO-Weltkulturerbe vorzuschlagen. „Das wäre mehr als verdient“, sagt der Mann mit dem grauen Vollbart, der ganz in der Nähe wohnt und gelegentlich hier weilt, um zu meditieren. Nein, er ist nicht salomonischen Glaubens, findet aber die Grabsteine mit ihren Gravuren und in altem Portugiesisch und Hebräisch gehaltenen Inschriften sehr anrührend. Manches kann er als Altphilologe sogar entziffern. Die Grabinschrift des Rabbiners David Cohen de Lara, der um 1600 zu Hamburg geboren wurde, beginnt mit den Worten: „Eine Sonne ging auf, um der Welt Licht zu geben.“

Bereits am streng bewachten Eingang – die Pforte öffnet sich nur auf Klingelzeichen – wird der Besucher auf Wunsch von einer jungen Historikerin in Geschichte und Besonderheiten des Friedhofs kurz eingestimmt. Die männlichen Besucher ersucht sie, eine Kippa aus schwarzem Samt aufzusetzen, wie fromme Juden sie tragen. Das gebietet der Respekt vor den Toten. Viele der Grabsteine aus Marmor und Sandstein sind stark verwittert, manche fast gänzlich mit Moos überzogen. Auf dem Gang über das knapp zwei Hektar große Areal fällt das harmonische Nebeneinander von Grabstätten sephardischer (iberostämmiger) und aschkenasischer (mittel- und osteuropäischer) Juden auf. Während die aschkenasischen Steine in Reih und Glied stehen, mit hebräischen Inschriften bedeckt und oft mit eingravierten Rosen,  Löwen und segnenden Händen geschmückt sind, liegen die portugiesischen flach am Boden. Sie zieren häufig Kronen, Hirsche und Totenköpfe. Von besonderem Reiz sind die mit einem floralen Schmuckband verzierten sephardischen Zeltgräber, die an die Zelte der Altvorderen während ihrer Wanderungen durch die Wüste erinnern sollen. Manch einer unter den  Besuchern  wundert sich, dass jüdische Friedhöfe stets bar jeglichen Blumenschmucks sind. „Pflanzen sind etwas Lebendiges, und die gehören nach jüdischem Verständnis nicht auf die Stätte eines Toten“, erklärt die Führerin ihren Gästen. Es  entsprach der Tradition, Steine auf ein Grab zu legen – ein Brauch, der wohl  noch aus der Zeit stammt, als die Hebräer ihre Toten in der Wüste bestatteten.

Besonders interessant ist der Teil des Friedhofs links vom Eingang. Hier befinden sich nicht nur einige bizarr geformte Grabsteine – unter anderem eine rundum mit verschlungenen Mustern verzierte kleine Säule und ein Bienenkorb mit Gravuren – sondern zahlreiche Grabmäler mit Inschriften in deutscher Sprache. Eines ist Frau Esther von Halle, geborene Lindnau, gewidmet, die nach jüdischer Zeitrechnung im Jahre 5584 verstarb. Etwas kleiner darunter ist Anno Domino 1824 verzeichnet. An der Stirnseite im hinteren Abschnitt, dort, wo man durch die eisernen Gitterstäbe schon einen Blick auf den Verkehr einer belebten Straße werfen kann,  haben berühmte Hanseaten jüdischen Glaubens ihre letzte Ruhestätte gefunden. Da sind die Mendelssons, die legendären Warburgs,  einst ehrfurchtsvoll „Könige von Hamburg“ genannt, und nicht zuletzt Samson Heine, der Vater des Dichters Heinrich Heine, dem seine Familie folgenden Grabspruch widmete: „Nun liege ich und schlafe, erwache einst, denn der Herr erhält mich. Hier ruht Samson Heine aus Hannover, gest. im 64. Jahre seines Alters den 2. Dez. 1828.  Ruhe sanft, edle Seele, Vater Heinrich Heine’s.“

Die etwa eineinhalbstündige Führung an Sonntagen erfreut sich wachsender Beliebtheit bei den Hamburgern. Während des Rundgangs ersteht jüdisches hanseatisches Leben vor dem geistigen Auge der Besucher. Viele der jüdischen Mitbürger haben das wirtschaftliche und geistige Leben der Stadt über Jahrhunderte entscheidend mitgeprägt. Es ist ein Glücksfall,  dass der Friedhof die NS-Zeit  recht glimpflich überstanden hat. Die Zerstörung jüdischer Friedhöfe sei von den braunen Machthabern nicht expressis verbis angeordnet worden, erklärt die Historikerin. Allerdings wurde der Teil, auf dem die Gräber der Mitglieder der Hamburger Jüdischen Gemeinde lagen, seinerzeit  eingeebnet und zum Fußballplatz für die Hitlerjugend umfunktioniert…

 

Die Wiedereröffnung des Jüdischen Friedhofs vor vier Jahren  hat umfangreiche Sanierungsarbeiten nach sich gezogen.  Grabsteine werden vermessen, gereinigt und liebevoll restauriert, damit  dieses einzigartige „Archiv aus Stein“ auch künftigen Generationen erhalten bleibt.

Kontakt: Eduard-Duckesz-Haus und Jüdischer Friedhof Altona

Königstraße 10 a, Öffnungszeiten April bis September : Di, Do, 15 – 18 Uhr, So 14 – 17 Uhr

Oktober – März: Di, Do, So 14 – 17 Uhr

Führungen: Jeden Sonntag  um 12 Uhr – außer an jüdischen oder gesetzlichen Feiertagen

 

Schreibe einen Kommentar