Alte Tugend neu entdeckt

erschienen im Hamburger Abendblatt am 17. August 2011

Eine Glosse von Uta Buhr

„Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, texteten wir noch in Schulzeiten, wenn einer der Klassenkameraden mal wieder die Regeln des Anstands verletzte. Das hieß in der „guten alten Zeit“ der fünfziger und sechziger Jahre zum Beispiel noch, dass er sich einen Bleistift ausgeliehen oder sich auf den angestammten Platz eines anderen gesetzt hatte, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.

Doch was sind diese „Sünden“ im Vergleich zu den rüden Sitten unserer Tage! Da wird gerempelt und geschubst, da wird in öffentlichen Verkehrsmitteln hemmungslos gegähnt und geniest, ohne dass das Gegenüber auch nur im Traum daran dächte, die Hand vor den Mund zu halten. Doch all dies soll ja nun bald der Vergangenheit angehören. Man benimmt sich wieder, lautet die Parole. Rücksichtslosigkeit und Unhöflichkeit haben ihren Zenit überschritten, erzählte mir gerade eine befreundete Lehrerin, die ihre Schüler auf die alten Tugenden einstimmt. Und das mit Erfolg, wie sie stolz berichtet. „Das Pendel schlägt jetzt wieder in die andere Richtung“, erklärt sie. „ Gutes Benehmen ist in.“

 

Die ersten zarten Triebe dieses neu erwachten Bewusstseins durfte ich jüngst in einer Arztpraxis erleben. Eine gebeugte alte Dame versuchte verzweifelt in ihren Mantel hinein zu kommen. Im Wartezimmer saßen vorwiegend junge Leute, die gelangweilt vor sich hinstarrten oder in irgendwelchen Zeitschriften blätterten.

Ein weißhaariger Herr um die achtzig erhob sich schwerfällig, humpelte zum Garderobenständer und half der Dame galant in den Mantel. Allgemeines Staunen war die Folge. Der große Blonde mit der roten Baseballkappe stieß seinen Nachbarn an: „Echt cool, Olli“, meinte er, „das ist noch alte Schule. Da hättest du auch drauf kommen können.“ Und ehe ich mich versah, sprang Olli auf, öffnete der alten Dame die Tür und riet ihr noch besorgt: „Gehen Sie aber schön vorsichtig, damit Sie nicht ausrutschen. Is nämlich verdammt rutschig draußen. Wegen dem vielen Regen.“ Echt cool!

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