Die »Tante Ju« weihte ihn ein

Von Dr. Manuel Ruoff

Vor 75 Jahren wurde der »Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main« eröffnet

Preußens Luftfahrtgeschichte ist aufs Engste mit Frankfurt am Main verbunden. In der 1866 vom Königreich annektierten Stadt der Paulskirche wurde vor 75 Jahren Deutschlands mittlerweile größter Airport als kombinierter Flug- und Luftschiffhafen fertiggestellt.

Die Geschichte des Frankfurter Flughafens reicht bis in die Kaiserzeit zurück. Auf dem ehemaligen Hofgut Rebstock einer Frankfurter Patrizierfamilie richteten Frankfurts Stadtväter mit der ersten „Internationalen Luftschiff­fahrt-Ausstellung“ (ILA) nicht nur die erste eigenständige Luftfahrtmesse der Welt, sondern auch die erste internationale Plattform für die flugtechnische Kommunikation in der noch jungen Luftfahrt aus. Was in den 100 Öffnungstagen des Sommers 1909 von den ILA-Veranstaltern nach nur einem Vorbereitungsjahr der faszinierten Bevölkerung und Fachwelt präsentiert wurde, war ein umfassender Überblick über den Stand des Luftschiffbaus und der Flugtechnik in Deutschland. Noch lag das Schwergewicht der gezeigten Produkte bei Luftschiffen und Ballonen. Großer Beliebtheit erfreuten sich die den Besuchern gebotenen Freiballonfahrten. Star der Ausstellung war allerdings bereits ein Flugzeug: das der Gebrüder Wright. Extra für die Ausstellung war es für eine Woche aus der Reichshauptstadt an die Mainmetropole verbracht worden. Aus deutscher Produktion war der Doppeldecker des Flugzeugkonstrukteurs August Euler zu sehen. Die Bilanz nach den 100 Tagen konnte sich sehen lassen. Die Schau hatte 500 Aussteller mit eineinhalb Millionen Besuchern zusammengeführt – wobei manches Geschäft entstand. Orville Wright schrieb in einem Brief: „Bei der ILA ging es allein ums Geschäft.“

Aufgrund des großen Erfolges wurde bereits wenige Jahre später erneut eine Leistungsschau der Luftfahrtindustrie durchgeführt. Diese Allgemeine Luftfahrtausstellung (ALA) des Jahres 1912 fand allerdings schon in Berlin statt.

Nichtsdestotrotz diente das erste ILA-Gelände weiterhin der Luftfahrt. Nach der Gründung der „Deutschen Luftschiffahrts-Aktiengesellschaft“ (DELAG) im Jahre 1909 baute diese in Frankfurt sitzende erste Luftverkehrsgesellschaft der Welt auf dem Rebstock-Gelände eine Luftschiffhalle für den Betrieb ihrer Zeppeline. 1912 wurde die Werft eingeweiht. Von diesem „Flug- und Luftschiffhafen“ aus wurde dann eine kommerzielle Personenbeförderung aufgenommen.

Zu den Luftschiffen kam schon bald als weiteres Luftverkehrsmittel das Flugzeug. Das Gelände wurde auf 100 Hektar vergrößert, die ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Gutsgebäude wurden zu Büro- und Abfertigungsgebäuden umgebaut.

1924 gründete die Stadt Frankfurt mit der „Junkers-Luftverkehr-AG“ und Frankfurter Geschäftsleuten die „Südwestdeutsche Luftverkehrs-AG“ zur Übernahme und zum Betrieb des Flughafens. Im darauffolgenden Kalenderjahr starteten und landeten bereits 2357 Flugzeuge, die rund 5500 Passagiere beförderten. Die Gründung der Deutschen Lufthansa 1926 brachte weiteren Auftrieb. Frankfurt wurde neben Berlin zur wichtigsten Drehscheibe des Luftverkehrs in Deutschland.

Das Wachstum des Flughafens Rebstock stieß jedoch an Grenzen. Eine wesentliche Ausweitung des innerhalb der Stadt gelegenen Platzes war durch die ihn umgebenden Eisenbahndämme unmöglich. Bereits ein 1924 vorliegendes Gutachten, das der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann in Auftrag gegeben hatte, bezweifelte die langfristige Ausbaufähigkeit des Flugplatzes. Sechs Jahre später beschloss der Frankfurter Magistrat nach Jahren der meteorologischen, geografischen und verkehrstechnischen Planung den Neubau eines Flughafens im Frankfurter Stadtwald südlich von Frankfurt-Schwanheim. Obwohl sich durch die Wahl des Stadtwaldes keine zusätzlichen Kosten für den Ankauf von Gelände ergaben, scheiterte das Projekt in der Weimarer Zeit an der Weltwirtschaftskrise.

Wie andere ambitionierte Pläne der Weimarer Zeit wurde auch dieser erst in der nationalsozialistischen realisiert. Am Schnittpunkt der Autobahnen Köln–Würzburg und Frankfurt–Mannheim sollte der neue „Weltflughafen“ entstehen. Außer an das Straßenbahnnetz war der neue Flughafen auch an das Netz der Reichsbahn angeschlossen, die eigens unweit eine neue Station errichtete. Neu gelegte Leitungen versorgten den Flughafen mit Strom aus dem nahegelegenen Stadtteil Niederrad.

Luftschiffe und Flugzeuge sollten sich den Flughafen teilen, wobei die Zeppeline mit der 318 Hektar großen südlichen Hälfte den etwas größeren Teil der insgesamt 600 Hektar gerodeten Waldes bekamen. Immerhin sollte Frankfurt die zentrale Heimatbasis der deutschen Luftschiffe werden. Dafür wurde ab 1935 auf dem Flughafengelände die damals größte Luftschiffhalle der Welt gebaut. Für die Versorgung der Zeppeline mit Wasserstoff wurde eigens eine Gasleitung zu den Farbwerken Höchst verlegt. Und für die Familien der Luftschiffer wurde unweit des Flughafengeländes mit „Zeppelinheim“ eine eigene Siedlung errichtet.

Für die Flugzeuge wurde im nördlichen Teil neben Empfangs- und Betriebsgebäuden eine Flugzeughalle errichtet sowie ein Rollfeld, für das 100 Hektar mit einer Grasdecke überzogen wurden. Die enormen Baukosten von rund 14 Millionen Reichsmark konnten aufgebracht werden, indem das Reich massiv in das Geschäft einstieg – ein Engagement, das mit der Fertigstellung des Flughafens nicht endete. So übernahm das Reich als Hauptgesellschafter die Mehrheit am Kapital der „Rhein-Main-Luftschiffhafen GmbH“. Weitere Gesellschafter waren das Land Hessen, der Bezirksverband Nassau, die Stadt Frankfurt und die „Südwestdeutsche Flugbetriebs-AG Rhein-Main“, die ehemalige Südwestdeutsche Luftverkehrs-AG.

Am 2. Januar 1934 hatte der Gauleiter mit dem Fällen des ersten Baumes die Erd- und Rodungsarbeiten begonnen. Zweieinhalb Jahre später konnte er die Arbeiten abschließen, indem er in Anwesenheit von Frankfurts Honoratioren den Schlussstein legte. Offiziell eröffnet wurde der „Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main“ durch den Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium General Erhard Milch. Eingeweiht wurde er am 8. Juli 1936 durch eine Junkers Ju 52, die nach einem Rundflug über Frankfurt auf der Grasbahn des neuen Flugfeldes im Stadtwald landete.

Gestartet war die „Tante Ju“ zu diesem Einweihungsflug vom alten Flughafen in Rebstock. Er hatte ausgedient und wurde 1936 geschlossen. Heute befindet sich dort ein Volkspark mit Erlebnisbad.

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