Auslaufmodell Rasierpinsel?

erschienen im Hamburger Abendblatt am 2. Juli 2011

Von Johanna R. Wöhlke

Mein Vater hatte einen Rasierpinsel. Irgendwann wurden dann Rasierpinsel zu Auslaufmodellen und der modernen Technik des Trockenrasierens geopfert. Das war schade. Sie sahen ziemlich dekorativ aus, diese Rasierpinsel. Ein echter Mann hielt sich auch mehrere – wie heute die männlichen Restexemplare von Pfeifenrauchern sich gerne mehrere Pfeifen zulegen. Manche geben sogar gerne und selbstbewusst damit an, über einhundert davon zu haben. Ja, auch der Mann ist ein urzeitlich geprägter Sammler mit Resten von Hamsterverhalten auf den Genen.

Aber kommen wir zurück zum männlichen Attribut des Rasierpinsels. Leider gibt es ja nun auch keine Männer mehr, die sich damit rühmen, eine Rasierpinselsammlung ihr eigen zu nennen. Auch das ist schade. Aber – der Rasierpinsel hat nicht ausgedient! Die moderne Zeit führt dazu, dass er einem ganz neuen Wirkungsfeld zugeführt wurde: Das weibliche Geschlecht sorgt heute dafür, dass der Rasierpinsel in der Welt bleibt und nicht für immer aus unserem Blickfeld verschwindet.

Das Blickfeld war es auch, das mich auf dieses neue Leben, die Renaissance, des Rasierpinsels aufmerksam gemacht hatte. Ich saß nämlich hinten rechts in einem Taxi in Hamburg und wurde von einer Dame gefahren. Schick sah sie aus. Ihr Taxi picobello sauber – und dann war da dieser Rasierpinsel. Ich konnte ihn ganz deutlich mit seinen zarten Borsten in der Mittelkonsole zwischen Fahrer- und Beifahrersitz stecken sehen.

Lange hielt ich es nicht aus, sie nicht zu fragen: „Was machen Sie mit diesem Rasierpinsel?“ Die Antwort kam lachend mit einem kurzen Blick nach hinten und Zwinkern mit den Augen: „Damit putze ich den Staub von meinem Armaturenbrett. Ist doch schön sauber, nicht?“ Ja, sie hatte recht. Die nun folgende Philosophie über den Rasierpinsel und seine Bedeutung in der modernen Welt, die Vielseitigkeit seiner Anwendungsmöglichkeiten außerhalb des Badezimmers und der männlichen Befindlichkeiten kann ich hier nicht wiedergeben. Es war köstlich!

Die Frage ist nun: Wo krieg ich schnell einen Rasierpinsel für mein Auto her?

3 Gedanken zu „Auslaufmodell Rasierpinsel?“

  1. Zusammengezählt ergibt sich bei mir ein Trio, das auch schon einige Jahre auf dem Buckel (pardon: Bartwuchsfeld) hinter sich. Ein „weiches“ Exemplar ist wegen fehlendem „mobilen Antiquariat“ auf den Einsatz diffiziler Staubentfernungen trainiert. Das würde mit dem Elektrorasierer noch nicht einmal bei Umprogrammierung in ein „saugendes“ Exemplar klappen.

    In diesem Sinne – Bart ab
    H.A. Seitz

  2. Lieber Hans-Peter! Du hast noch drei Stück? Grandios! Aufbewahren, vielleicht werden sei einmal antiquarische Prachtstücke und man wird sich danach reißen – wie ich es heute nach einem guten alten Oldtimer täte…an dieser Stelle bitte ein Schmunzeln denken! Liege Grüße, Johanna

  3. Obwohl ich Bartträger bin, habe ich noch drei Strück, um meinen Hals einzuseifen und ihn dann (Naßrasur!) von lästligem Bartwuchs unterhalb des Kinnes zu befreien. Toll, was? Herzlich H.,-P. Kurr

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