»Der einzige Kompass ist das Pflichtgefühl«

Von Dr. Manuel Ruoff

Der »Regenmeister« Rudolf Caracciola gilt als der erfolgreichste deutsche Automobilrennfahrer der Zwischenkriegszeit

Vor 80 Jahren, am 19. Juli 1931, gewann Rudolf Caracciola den Großen Preis von Deutschland. Es war bereits das dritte Mal, drei weitere sollten folgen. Mit dem Gewinn der Europameisterschaft 1935, 1937 und 1938 festigte der Preuße seinen Ruf als erfolgreichster Rennfahrer der Epoche.

Dass der erfolgreichste deutsche Rennfahrer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerade Caracciola mit Familiennamen heißt, mag manchen irritieren. Die Erklärung lautet, dass die Familie in der Tat einst in Neapel zuhause war, aber bereits schon seit Jahrhunderten im Rheinland lebte, als Rudolf am 30. Januar 1901 in Remagen zur Welt kam. Seine Eltern besaßen dort ein Hotel und der Junge wuchs in Wohlstand auf. Wie seine Eltern war auch er motorsportbegeistert. Bereits 1915 verließ er die Schule, um Rennfahrer zu werden. Im Alter von 15 Jahren machte er mit einer Sondererlaubnis den Führerschein. Er fing mit Motorradrennen an, wechselte aber bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zum Automobilrennsport.

1922 begann er ein Volontariat bei Fafnir, einem in Aachen sitzenden Automobilhersteller. Noch im selben Jahr gewann er das Rennen „Rund um Köln“, worauf ihn Fafnir als Werksfahrer zum Avus-Rennen nach Berlin schickte, wo er den Klassensieg errang und den 4. Platz in der Gesamtwertung. Beim Opelbahn-Rennen in Rüsselsheim siegte er ebenfalls. Nach einem Gerangel mit einem belgischen Besatzungsoffizier verließ Caracciola die westdeutsche Heimat und ging als Fafnir-Vertreter ins unbesetzte Dresden. 1923 gewann er auf einem Ego der Mercur Flugzeugbau GmbH mit Sitz in Berlin das Berliner ADAC-Rennen.

1924 wechselt er zu Mercedes, mit dessen Produkten er fast alle großen Erfolge seiner beispiellosen Karriere gewinnen sollte – 1925 gleich achtmal. Als 1926 das erste Mal der Große Preis von Deutschland für Automobile ausgetragen wurde, verließ Caracciola als Sieger den Wettkampf. Hier profilierte sich Caracciola das erste Mal als „Regenmeister“, der mit widrigen Wetterverhältnissen besser zurechtkommt als die Konkurrenz.

Als 1927 der Nürburgring eingeweiht wurde, wurde diese „bärig schwere Strecke“, wie er sie nnnte, sozusagen zu Caracciolas Wohnzimmer, um mit Boris Becker zu sprechen. Bereits im Jahr der Einweihung war Caracciola auf dieser Ringstrecke mit einem neuen Rennsport-Tourenwagen von Mercedes erfolgreich. Konkurrenzlos schnell nahm er die „Karussell“ genannte Linkskehre. Sie wurde deshalb ihm zu Ehren anlässlich seines 100. Geburtstages in „Caracciola-Karussell“ umbenannt.

1928 wurde er abermals Sieger des Großen Preises von Deutschland, 1930 des Großen Preises von Irland. Wie 1930 gewann er auch 1931 die Berg-Europameisterschaft für Sportwagen. Noch sensationeller ist, dass es ihm in jenem Jahr gelang, als erster Nichtitaliener die Mille Miglia zu gewinnen.

Dieser Sieg ist umso bemerkenswerter, als auf ihm bereits die Schatten der Weltwirtschaftskrise lagen. Nachdem Mercedes sein Engagement im Rennsport vorher schon eingeschränkt hatte, stellte es dieses schließlich gänzlich ein.

Nolens volens wechselt Caracciola zu Alfa Romeo. Auch mit dessen Produkten ist er siegreich. Wieder gewinnt er den Großen Preis von Deutschland und wird Berg-Europameister.

1933 wird für den erfolgverwöhnten Caracciola ein schweres Jahr. Seine Frau Charlotte, mit der er seit 1927 verheiratet ist, kommt während eines Skiurlaubs bei einem Lawinenunglück ums Leben und er selber erleidet einen schweren Unfall. Beim Training zum Großen Preis von Monaco blockiert ein Vorderrad und sein Alfa Romeo P 3 rutscht in eine Steintreppe. Anschließend kann er zwar noch aus eigener Kraft aussteigen, bricht dann aber zusammen. Beim rechten Bein sind der Oberschenkelknochen und die Gelenkkugel zertrümmert. Die Folge ist, dass Caracciola fortan mit einem um fünf Zentimeter verkürzten rechten Bein und Schmerzen leben muss.

Von der ebenfalls 1933 stattfindenden „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten profitierte der Rennfahrer insoweit, als Adolf Hitler sowohl an Autos als auch an internationalem Prestige interessiert war und deshalb das Engagement der deutschen Autohersteller im Rennsport stark subventionierte. Als 1934 wie bei der Auto Union auch bei Mercedes die Ära der „Silberpfeile“ begann, war Caracciola vorne mit dabei. Legendär ist bereits im ersten Jahr der Sieg beim Großen Preis von Italien. Caracciola leidet noch Höllenschmerzen vom schweren Unfall im vorausgegangenen Jahr, übergibt das Steuer jedoch erst seinem Teamkollegen Luigi Fagioli, als der von ihm herausgefahrene Vorsprung groß genug ist für den Sieg. Caracciolas Kampfgeist wird auch sehr schön in seiner Schilderung seines ersten Sieges bei einem Großen Preis deutlich, wo es heißt: „Wir fahren, fahren, fahren. Ich weiß nicht, an welcher Stelle wir im Felde liegen, wer vor uns ist und wer hinter uns. Es ist eine Fahrt im Nebel, allein, ohne Orientierung. Der einzige Kompass ist das Pflichtgefühl.“

1935 gewann Caracciola dann in Frankreich, Belgien, Spanien und der Schweiz die Großen Preise, ohne dass andere für ihn das Rennen hätten beenden müssen. In jenem Jahr wurde der Deutsche auch erstmals Europameister, ein Erfolg, den er zwar nicht 1936, aber dann 1937 und 1938 noch einmal hat wiederholen können.

1938 stellte Caracciola dann einen Geschwindigkeitsrekord auf, der bis heute Gültigkeit hat. Am 28. Januar jenes Jahres fuhr er mit seinem „Silberpfeil“ auf einem abgesperrten Teilstück der Autobahn Frankfurt–Darmstadt 432,7 Stundenkilometer schnell. Das ist bis zum heutigen Tag die höchste auf einer öffentlichen Straße erzielte Geschwindigkeit.

1939 gewann Caracciola noch ein letztes Mal den Großen Preis von Deutschland, dann unterbrach, um nicht zu sagen: beendete, der Zweite Weltkrieg diese große Sportlerkarriere. Den Zweiten Weltkrieg verlebt Caracciola zur sportlichen Untätigkeit verdammt in der Schweiz, wo er bereits seit 1933 ein Anwesen besaß.

Nach dem Krieg nahm Caracciola die Schweizer Staatsbürgerschaft an und verließ das kriegszerstörte Europa, das vorerst anderes im Kopf hatte als Sport, Richtung USA. Dort stellte ihm der Amerikaner Joe Thorne einen Rennwagen zur Verfügung. Doch schon bei der Qualifikation für das 500-Meilen-Rennen von Indianapolis flog dem Deutschen ein Vogel gegen den Kopf und verletzte ihn schwer.

Als auch in Europa wieder Autorennen gefahren wurden, kehrte Caracciola zu seiner Hausmarke nach Deutschland zurück. 1952 begann Mercedes eine zweite Ära der „Silberpfeile“. Bereits im ersten Jahr kam Carraciola jedoch mit seinem 300 SL beim Großen Preis der Schweiz von der Fahrbahn ab und kollidierte mit einem Baum. Ein dreifacher Bruch des linken Unterschenkels war die Folge und beendete seine Sportlerkarriere vollends.

Als Botschafter guter deutscher Wertarbeit mit internationalem Ruf übernahm Caracciola dann noch den Verkauf von Daimler-Benz-Produkten an in Kontinentaleuropa stationierte solvente Amerikaner und Engländer. Am 29. September 1959 starb Rudolf Carraciola in Kassel an einem Leberversagen.

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