Gemogelte Pfunde

Diese Glosse erschien am 10. Juni 2011 im Hamburger Abendblatt

Von Uta Buhr

Kurz vor dem Urlaub im sonnigen Süden ist bei meiner Freundin Brigitte Schmalhans Küchenmeister. Damit sie rank und schlank im Bikini an den Gestaden des Mittelmeeres glänzen kann, verordnet sie sich und – der Einfachheit halber – auch  ihrem Ehemann Jörg Magerquark, Knäckebrot und Mineralwasser. Jörg, der gutes Essen über alles schätzt, ist frustiert. „Dir kann eine Entschlackungskur auch nicht schaden“, erklärt Brigitte energisch, wenn ihr Eheliebster aufmucken will. Jeden Morgen besteigt sie splitternackt die Waage, um sich vom Erfolg ihrer eisernen Disziplin zu überzeugen. Selbst die Brille nimmt sie ab, damit auch ja kein Gramm mehr auf der Skala erscheint, als tatsächlich zu ihr gehört. Da sie aber kurzsichtig ist, muss Jörg jedes Mal das Gewicht für sie ablesen. Diese Hilflosigkeit hat er in der Vergangenheit schamlos für sich genutzt. Peu à peu mogelte er das eine und das andere Pfündchen  herunter und ließ somit Brigitte nach kurzer Zeit ihr Traumgewicht von 52 Kilo erreichen. „Ab morgen wird nicht mehr gefastet“, verkündete diese daraufhin hocherfreut. Lange währte die Phase kulinarischer Freuden indes nicht. Eine zu Besuch weilende Freundin enthüllte Brigitte eines Morgens ihre wahren 57 Kilo.

Jetzt besitzt meine Freundin eine elektronische Waage, die ihr Gewicht speichert. So kann sie  es jederzeit abrufen und (mit Brille auf der Nase) selbst kontrollieren. „Mich legt keiner mehr rein“ frohlockt sie und serviert Jörg zum Abendbrot gut gelaunt einen Teller mit knackigen Radieschen.

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